Sonntag, 7. September 2008

Liebe Linksalternative und Autonome,...

wie ihr euch sicherlich durch die Nebelschwaden des letzten Marijuanarausches hindurch erinnern werdet, fand gestern, am 06. September, in Dortmund eine Demonstration von Neonazis statt, bei der viele von euch, liebe Autonome, zugegen waren.

Ich wohne in einem Viertel, das von dem angemeldeten Demonstrationszug praktisch umschlossen war, was dazu geführt hat, dass ich aus meinem eigenen Viertel nur heraus und hereinkam, wenn ich meinen Personalausweis vorzeigte - an den Straßensperren. Derer gab es, wie ihr wisst, eine ganze Menge. Der ganze Zug der Rechten war hermetisch abgeriegelt.
Überhaupt, der Polizeiaufwand!
In meiner Straße allein - und es handelt sich um eine kleine Straße - standen stundenlang sechs Einsatzwagen (mithin Kleinbusse), und der einzige Grund, dass es nicht noch mehr waren, war, dass nicht mehr hinein passten.
Der ganze Parkplatz des Südbades war gerammelt voll von Einsatzkräften, und mittendrin fuhren alle Nase lang Convoys von Kleinbussen mit Blaulicht durch die menschenleeren Straßen.

Da ich einer Nachbarin wegen, die sich an diesem Tage aus der Wohnung ausgesperrt hatte, mein Viertel mit dem Fahrrad verlassen, den Demonstrationszug queren und zur Saarlandstraße musste, um bei ihrem Mann den Schlüssel abzuholen (er hatte versucht, ihn ihr mit dem Auto zu bringen, kam aber nicht näher an unser Viertel heran), konnte ich mir den ganzen trostlosen Unsinn aus der Nähe ansehen.
Auf dem Rückweg musste ich dann versuchen, einen Beamten zu überzeugen, dass mein Ansinnen, ins besagte Viertel zurück zu kehren rechtens sei, was nicht funtioniert hat.
Hinweise auf die Notsituation der Nachbarin - und auch meine, denn das Töchterchen befand sich in Obhut besagter Nachbarin auf dem Brunnenfest, von dem noch die Rede sein wird - fruchteten allerdings nichts, und er bestand mit zunehmender Sturheit darauf, dass ich doch bitte zum Borsigplatz, nach Brackel, dann nach Süden, am Platz der Schlusskundgebung vorbei(!) und dann zurück in meine Straße fahren solle.
Ich habe ihn dann stehen lassen und habe mich an der Straßensperre in der Parallelstraße durchwinken lassen.

Aber mir kam bei alledem ein Gedanke: Wozu sind die alle hier, die Polizisten? Ich meine, warum so viele von ihnen? Und warum sind die so nervös, dass sie einen Anwohner nicht mehr erkennen, wenn er ihnen fast (wirklich fast) in den Hintern beißt?

Ich werde es euch sagen: Euretwegen.


Überall standen die von weither Angereisten und nölten an den Straßensperren herum, so dass sie durch und überhaupt näher an die Demo herankämen.
Ich habe auf dem Brunnenfest, das am selben Tag in unserem Viertel statt fand, ein wenig nachgedacht und bin zu einigen Schlüssen gekommen, die ich euch, liebe Linksalternativen und Autonomen, nicht vorenthalten will. Wenn ich es euch nämlich nicht erkläre, macht es sonst keiner.

Die Neunazis wollen Dortmund zu ihrer Stadt machen.
Wisst ihr wie man so etwas nennt?
So etwas nennt man "Strategie".
Man fasst ein Ziel ins Auge und verfolgt es mit allen sinnvollen Mitteln. Diese Mittel fasst man unter dem Begriff "Taktik" zusammen.
Ihr habt keine Strategie. Wenn eine Demo angemeldet ist, taucht ihr auf und seid dagegen.
Was soll das?
Sich blicken zu lassen, wenn der Feind anrollt und dann an Straßensperren Polizeibeamte anzunörgeln, reicht nicht aus. Das geht selbst im bekifften Zustand nicht als Taktik durch, von Strategie ganz zu schweigen.

Wenn ihr lediglich Kloppe braucht, dann macht es doch wie all die anderen Lebensmüden, die auf die Fresse wollen, und stellt euch Samstags vor irgendeine Russendisco und pöbelt die Türsteher an. Das kann man auch viel öfters machen.
Und es wäre ehrlicher.

Was wollt ihr denn schon?
Wirklich, das ist ein wichtiger Punkt, den ihr noch nicht begriffen habt. Ihr habt euch vielleicht einen Feind gesucht, aber ohne eine klare Strategie wird er euch immer das Gesetz des Handelns aufzwingen: "heute bin ich hier, morgen da". Und ihr rennt hinterher.

Und jetzt denkt mal nach. Was wäre aus der gestrigen Demo geworden, wenn ihr nicht gewesen wäret?
Ein Publicity-Misserfolg.
Aus ganz Europa mussten die rechten Deppen herangekarrt werden, und dann haben sie doch nur 1200 zusammen gekriegt!
Als ich das gehört habe, musste ich lachen (eine hervorragende Taktik, zur Nachahmung empfohlen).
Das bedeutet: Ein Polizeiwagen vorne, einer hinten, zwei zur Seite und man hätte den ganzen Zug Neunazis in einer Stunde durch die Stadt geschleust und dann am S-Bahnhof mit der Bitte um Abreise wieder abgestellt.
Das ganze Theater, die ganze Dramaturgie des Erfolgs: das war euer Beitrag. Deswegen möchte ich euch bitten, nicht mehr so reflexartig zu erscheinen, wo die Rechten demonstrieren. Geht in euch. Denkt nach. Bekommt mal heraus, wie euer Entwurf für diese Gesellschaft aussieht.

Als Anregung werfe ich unser Brunnenfest in die Runde: Dort feierte das Viertel sich selbst. Es gab zu spielen, zu trinken, zu reden, eine Bühne, auf der von morgens bis in den späten Nachmittag die Kinder des Viertels und der Schulen Lieder und Tänze aufführten und so weiter und so fort.
Warum das als gesellschaftlicher Entwurf taugt?
Weil dort Eltern und Kinder mit deutschen, ungarischen, libanesischen, türkischen, ghanaischen und was-weiß-ich-noch-ischen Wurzeln gemeinsam feierten, und zwar ohne, dass irgendjemand sich für diesem Umstand über Gebühr interessiert hätte.

Einen weitere wichtige Anregung konnte man dem Informationszettel der Polizei entnehmen, der die Anwohner über diesen Tag informieren sollte.
Dort stand als Punkt eins zu lesen, dass die Polizei an diesem Tage alles tun werde, um "friedliche Meinungsäußerung zu schützen".

Wisst ihr, wer damit gemeint war?
Die Neunazis!
So wichtig ist uns allen der Wert der Meinungsfreiheit, dass wir diese Freiheit sogar jenen zugestehen, die sich als die Feinde unserer Gesellschaft sehen und deren einzige Meinung darin besteht, dass sie solche Freiheiten in Zukunft abgeschafft sehen wollen.
Wir sehen es kopfschüttelnd, aber wir stellen Polizeibeamte ab, damit sie die Gelegenheit bekommen, ihre Meinungsfreiheit auszuüben.
Dahinter steckt das Bekenntnis zu einem gesellschaftlichen Entwurf.

Gestern, wirklich, wäre es das Beste gewesen, ein friedliches Fest zu feiern, während die Meinung der Staatsfeinde ungehört verhallt. Aber dafür muss man von seinen Feinden unabhängig sein, in seinen Ideen eigenständig - in einem Wort: autonom.

Nichts zu danken.

4 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Mach aus Neunazis einfach Neonazis. :-)

Nichts zu danken. ;-)

Murat Kayi hat gesagt…

Neonazis war mir irgendwie nicht deutsch genug...^^

Anonym hat gesagt…

interessante schilderung. ist wohl ein rätsel?! wer findet den fehler in dieser geschichte!(es gibt nicht nur einen;))

Murat Kayi hat gesagt…

Vielen Dank anonym,

habe nochmal quergelesen und den Fehler gefunden:

"Menschen und Kinder" korrigiert in "Eltern und Kinder"

^^