Freitag, 30. Oktober 2009

Werkzeug für Autoren - Der Füllfederhalter

FüllfederhaltereSchreib, um Gottes Willen, schreib!
Nichts kann das wichtigste Handwerkzeug des Autoren ersetzen - das Schreiben selbst. Es steht am Anfang und am Ende aller Bemühungen. Schreibend erschließen sich mir Probleme und Lösungen und schreibend nur erfahre ich etwas über den eigenen Standort.
Alles Planen, Gestalten, Beschreibung und Ordnen, das für das Erzählen einer Geschichte notwendig ist, hilft nicht darüber hinweg, dass irgendwann mit dem Schreiben begonnen werden muss. Das heißt, wenn man nicht sowieso kontinuierlich schreibt. Deswegen geht es hier um den Füllfederhalter anstatt um Schreibmaschine oder PC - solche Werkzeuge folgen in einem späteren Kapitel, welches mir ebenfalls am Herzen liegt.
Aber der Füllfederhalter ist das Schreibwerkzeug schlechthin - der Hammer des Autors, sozusagen.

Eine Fotodatei einer Aufnahme mit einer Digital-Mittelformat-Kamera mag das Nonplusultra an Bildqualität liefern - die technologische Schwelle für die Erstellung als auch die Betrachtung ist unglaublich hoch. Ich brauche einen PC, einen Monitor, nicht zu vergessen Elektrizität und eine gewisse Kompetenz beim Umgang mit der Technologie, damit ich die Datei geöffnet bekomme.
Mit einem analogen Farbdia brauche ich nichts als Tageslicht.

Worauf ich hinaus will?

Ich finde immer gute Gründe, nicht zu schreiben. Das Zimmer ist nicht aufgeräumt, es muss gespült werden, man könnte auch mal wieder Taiji trainieren. Wenn der Rechner läuft, locken E-Mails und Abstürze Autoren ins Verderben.
Es ist ein Mysterium.
Papier muss man nicht hochfahren. Es ist blitzschnell und unkompliziert. Es verträgt die Kalligrafie genau so gut wie die hingeschmierten Notizen meines Traumtagebuchs (in welchem auch im Halbdunkel Eintragungen vorgenommen werden, doch dazu an anderer Stelle mehr…)
Ich kann im schmierigsten Siff, im größten Chaos schreiben, wenn ich einen Füllfederhalter dabei habe, denn Papier lässt sich schnorren. Schreibfläche entsteht da, wo ich ansetze, notfalls kritzele ich auf meine Handinnenfläche. Notizen sind überlebensnotwendig für Autoren. Was dem Kaufmann sein Lager, ist der Autorin ihr Notizbuch. Und auch hier ist die niedrigste technologische Hemmschwelle Füllfederhalter und Papier.

Warum "Füllfederhalter" und nicht "Bleistift" oder "Kugelschreiber", "Inkroller" oder gar "Gänsefederkiel"?
Der Bleistift ist ungeeignet, denn er ist zu flüchtig. Schreiben ist ein Akt gegen die Vergänglichkeit, und den Graphitstaub kann man fast vom Papier pusten.
Der Kugelschreiber ist die Schlampe unter den Schreibwerkzeugen - ein Kugelschreiber macht alles mit. Wer mit Kugelschreiber Satiren schreibt, endet damit, dass er Witze über Namen macht. Glaubt mir, ich spreche aus eigener, bitterer Erfahrung.
Inkroller sind meist Einwegstifte, was verwerflich ist.
Ein Füllfederhalter, versehen mit einer Nachfüllpatrone, ist umweltfreundlich, elegant, die letze Bastion der Hochkultur in den Niederungen eines unfertigen Textes. Er hält Jahrzehnte, und da man ihn nicht achtlos weg wirft, nur weil er leer oder aufgebraucht ist, entwickelt man eine innige Beziehung zu diesem Werkzeug. Es entsteht ein tief reichendes energetisches Geflecht zwischen Material und Künstler, welches sich am Ende auf die Beziehung zum Schreiben selbst positiv auswirkt. Ich drücke meinen Füller nicht Hinz und Kunz für irgendwelche Notizen in die Hand - genau so, wie ich auch meine Gitarren nicht irgendwelchen Deppen zum darauf Herumzupfen überlasse.
Ich fand es immer schon unflätig, andere Gitarristen um ihr Instrument anzugehen (wird auf Festivals backstage gerne versucht…).
Es gilt, eine solche Beziehung zum Schreiben und zum Schreibwerkzeug aufzubauen, speziell zu diesem einem Werkzeug mit Tradition und Zukunft, einer "Waffe aus zivilisierteren Tagen".