Ich erinnere mich an ein Gespräch, dessen Zeuge ich erstaunlicher weise werden musste, denn in gewissem Sinn ging es mich an, auch wenn es nicht vordergründig um mich ging.
Ich muss ca. zehn Jahre alt gewesen sein, als auf der Dorfstraße vor dem Haus meiner Pflegeeltern der Nachbarsjunge Carsten einem anderen Jungen begeistert vor sang: "…früher waren's die Juden! Und heute sind die Türken dran!".
Hier hatte jemand aus der Hitparade ihm und seinen Zeitgenossen die Worte aus dem Mund genommen! Seine unverhohlene Begeisterung für diesen Liedtext übertrug sich auf den anderen Nachbarsjungen, wollte jedoch nicht recht auf mich überspringen. Der Andere erkundigte sich nach dem Ursprung dieser Zeilen, worauf Carsten begann, Udo Lindenberg und dessen Musik enthusiastisch zu loben.
Dann entspann sich ein standardisiertes Gespräch, dessen Hergang sich in den letzten zwanzig Jahren kaum verändert hat: Die Gesprächsteilnehmer listen alle Verfehlungen des Türken als solchen auf, von seiner ungepflegten Gesamterscheinung über die geistige Minderbemittlung bis hin zum Diebstahl als Kulturmerkmal. Wie jeder weiß, klauen die Türken wie die Polen.
Man muss im Kopf behalten, dass ich dabei stand, wie man halt dabei steht, wenn sich zwei unterhalten.
Inzwischen war Carsten dazu übergegangen von, ich glaube es war Yüksel zu erzählen (Oder war es Mehmet? Einerlei…). Besagter Türke aus seinem Fußballverein nämlich zeichnete sich dadurch aus, dass er im Gespräch mit Deutschen die Türken aufs schärfste verurteilte, die meisten Vorurteile über sie auf Anfrage oder aber auch eigeninitiativ bestätigte und im Allgemeinen einen trefflichen Türkenhasser abgab, solange man gewillt war, den kleinen Umstand zu vernachlässigen, dass er eben selbst Türke war. Das sorgte bei dem anderen Nachbarsjungen für eine Art verwirrte Freude, als könne er derart überraschende Unterstützung kaum glauben.
"Oh doch", beteuerte Carsten, "Yüksel ist voll cool."
Dieses Gespräch hat mich über all die Jahre begleitet. Es hatte vielerlei Bedeutung und überdies zur Folge, dass ich Udo Lindenberg bis weit in die Neunziger Jahre hinein für einen rechtsradikalen Sänger hielt. Wie Carsten angesichts des Songs "Sie brauchen keinen Führer" sich an der oben erwähnten Textzeile so berauschen konnte, dass er den kompletten Rest des Textes nicht mal im Ansatz verstand und so die Komposition als Sprachrohr einer unterdrückten deutschen Mehrheit begriff, ist mir schleierhaft. Ich tippe auf geistige Minderbemittlung.
Geistige Trägheit meinerseits hatte jedenfalls zur Folge, dass ich von Udo Lindenberg nichts mehr wissen wollte, und so entging mir, wie ich nun betrübt fest stellen muss, großartige deutschsprachige Rockmusik. Pech gehabt.
Wie muss man sich meine Kindheit unter solchen Nachbarn vor stellen? Wurde ich etwa tagtäglich gehänselt? Machte man Jagd auf mich? Musste ich mich im Schutz der Dunkelheit von Dach zu Dach schleichen, um meine abgelegene Stelle im Wald auf zu suchen, wo ich mit imaginären Freunden herum tollte?
Nichts dergleichen. Wir waren rund zehn Kinder in der Nachbarschaft, die jeder mit jedem spielten. Da wir ländlich wohnten, war der Spielplatz lediglich einer der vielen Orte, wo wir uns herum trieben. Unsere Eltern hatten stets nur eine ungefähre Ahnung von der Region, in der sich ihre Kinder aufhielten und mussten infolge dessen warten, bis wir wieder aufkreuzten oder eben nach uns suchen. Die Mutter besagten Carstens etwa pflegte sich um die Mittagszeit einmal nach vorn an die Haupstraße und hernach an den rückwärtigen Gartenzaun zu stellen und beschallte so zwei Mal das gesamte Dorf mit den Worten "Caaarsten! Mittaaag!". Dabei hielt sie die Stimme auf einem konstant hohen Ton. Immer wenn ich diese Szene vor meinem geistigen Auge sehe, habe ich unweigerlich die Stimme David Attenboroughs im Ohr, die im kontrolliert bebenden Tonfall eines National Geographic Naturfilms sagt: "Der Ruf des Muttertiers ist auf viele Meilen in der sengenden Mittagshitze zu hören."
Kurz: Ich hatte eine Kindheit, wie man sie im Allgemeinen auf dem Land vor findet, und wer auf dem Land aufgewachsen ist, weiß, dass das vieles besagt, aber nicht unbedingt Kultur- und Straßenkämpfe bedeutet.
Wie also war es möglich, dass ich so wenig von meinen Spielkameraden wusste? Wie hatte ich nur übersehen können, dass sie meine leibliche Mutter, meine Verwandten und natürlich die türkischen Freunde, die ich hatte, samt und sonders nur für Kümmeltürken hielten? Wie, schließlich und endlich, hatte ich übersehen können, dass ähnliche Ansichten höchstwahrscheinlich auch mir golten? Es war ein Augenblick, der mich misstrauisch gemacht hat.
Oft denke ich außerdem über jenen Türken in Carstens Fußballverein nach, der sich in einer Art den Vorurteilen über Türken anschloss, dass er schon fast als Wortführer auftreten konnte. Die Begeisterung für ihn hat mir vor Augen geführt, wie ein Türke sich gegenüber bestimmten Menschen zu verhalten hat, wenn er akzeptiert werden will. Ich muss immer wieder an dieses Phänomen denken, weil in der heutigen Kulturkampfpropaganda Türken, die für Verachtung gegenüber Türken Verständnis aufbringen können oder gar ihren eigenen Kampf gegen Missstände in der türkischen Kultur führen (hat jemand gedacht, es gebe keine?), jene schulterklopfende Unterstützung erfahren, die ich damals in Abwesenheit Yüksels beobachten durfte. Es handelt sich hierbei um ein Phänomen, das dem ähnelt, was Otto Weininger für die Nazis war. Otto Weininger, der Antisemit mit jüdischen Wurzeln, sei für Hitler - so ist ein Ausspruch vom Gröfaz überliefert - der "einzig anständige Jude" gewesen. Weininger hatte sehr populäre juden- und frauenfeindliche Denkschriften veröffentlicht und sich 1903 folgerichtig selbst umgebracht.
Wir stehen am Ende des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts. Udo Lindenbergs Song "Sie brauchen keinen Führer" stammt aus dem Jahr 1984. Man merkt ihm das Alter nicht an, so frisch und aktuell kommt er daher.
Montag, 30. November 2009
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