Dienstag, 15. Dezember 2009

Zu Gast bei Freunden - koste es, was es wolle.

Was hat es mit der türkischen Gastfreundschaft wirklich auf sich?

Die Gastfreundschaft ist ein gerne angeführtes Merkmal türkischer Mentalität, über das gerade Deutsche nach ihrem Urlaub in Verzückung geraten. Da wird nicht lang gefragt oder gefackelt: wildfremde Menschen werden ins traute Heim geladen und verköstigt, bis die Schwarte platzt, Fahrgelegenheiten werden organisiert, es wird sich gekümmert, gemacht und getan, ohne jede Gegenleistung.

Das begeistert.
Von innen sieht die Sache jedoch nicht immer ganz so rosig aus.

Wenn deutsche Freunde sich treffen, dann verabreden sie sich. Unter ganz engen Freunden reicht ein kurzer Anruf, ein paar Minuten, bevor man sich auf den Weg macht.
Das türkische Ritual der Gastfreundschaft bedeutet jedoch, dass es eben vor allem der unangemeldete, der unerwartete Gast ist, den diese am meisten betrifft. Folglich hat es kein Gast nötig, sich anzumelden. Man sitzt also in aller Ruhe beisammen, der Berufsstress flaut gerade ab, das Fernseh läuft und jallert eine Volksweise ins Wohnzimmer, derweil duftet es aus der Küche nach Tee und heißen Speisen.
Da klingelt es.
Es sind die Verwandten, die Nachbarn, die Freunde, die flüchtige Bekanntschaft aus der Innenstadt, die Eingelegtes gemacht hat, was weiß ich - es ist auch einerlei. Das Diktat der Gastfreundschaft betrifft sie alle.
Macht der gemeine Türke nun schier Luftsprünge aus Vorfreude über die gemeinsame Zeit mit dem Besuch, der gern bis spät abends bleibt? Zeigen sich Tränen der Dankbarkeit in seinem Augenwinkel, weil er nun endlich wieder seinem genetisch bedingten Drang nach Bewirtung nachgeben kann?

Natürlich nicht! Türken sind ja nicht bekloppt. Am liebsten würden sie in acht von zehn Fällen den Besuch hochkant über den Gartenzaun schicken, dringliche Geschäfte vortäuschen oder sich tot stellen.
Aber nichts von alledem kommt in Frage. Statt dessen wird das gesamte Arsenal der schon oft und nicht zu unrecht besungenen türkischen Gastfreundschaft aufgefahren, vom unablässigen Nachschub an Nahrung und Tee, bis zum Ausschalten des Fernsehers und der aufmerksamen Präsenz aller Familienmitglieder.
Gastfreundschaft ist kostspielig. Sie kostet vergelichsweise wenig Geld, aber viel Nerven. Man kann sie nur aufrecht erhalten, wenn man die eigenen Bedürfnisse immer und immer wieder dem Gast und seinem Wohlbefinden unterordnet.

Ich habe oft darüber nachgedacht, woher diese Gastfreundschaft eigentlich kommt und bin inzwischen der Auffassung, dass diese ihre Wurzeln in der nomadischen Herkunft der Seldschuken hat. Nomaden halten das Gastrecht hoch, denn sie wissen, dass sie selbst im Grunde ständig überall zu Gast sind und es immer wieder sein werden. Da kann man sich verschlossene Zeltwände nicht lange leisten. Das Gastrecht wird so zu einem wichtigen sozialen Netz und mit fortdauernder Geltung zu einem identitätsstiftenden Ritual. Auf der Empfängerseite zu sein wird durch das Geben legitimiert.

Die Deutschen hingegen sind ja seit der indogermanischen Zuwanderung im Grunde mit der Scholle verwachsen. Wer unterwegs ist, ist verdächtig (hat er kein Zuhaus?). Diesem Generalverdacht kann sich der Gast nur durch tadelloses Verhalten entziehen. Der Gast muss also alle seine Bedürfnisse einstampfen und um Gnade winseln, die der Gastgeber entweder gewährt oder nicht. Schließlich ist es unter Deutschen kein Faux-pas zu sagen: "Ich kann heute abend nicht. Ich bin zu müde/zu gestresst."

Daraus ergeben sich folgende Konsequenzen, die Deutschen nicht immer bewusst sind:

Im türkischen Gastrecht ist es die Pflicht des Gastes, sich gefälligst nicht anzustellen und die Gastfreundschaft in vollen Zügen auszukosten. Schließlich hat die Gastfreundschaft eine Menge gekostet (siehe oben) und niemand will sich dem Verdacht ausgesetzt sehen, dieses uralte Ritual als erster unterbrochen zu haben. Eine typisch deutsche und also bescheidene oder gar abwehrende Gast-Haltung ("bitte nicht solche Umstände") ist daher in höchstem Maße beunruhigend, weil eine Unterbrechung des Rituals nie in Frage kommt, einer von beiden aber nicht korrekt mit spielt.
Dann werden meist die Anstrengungen verdoppelt oder aber die Nahrung wird mit einer an Aggression grenzenden Eindringlichkeit angeboten. Der Gastgeber hatte schließlich keine Wahl, warum sollte es dem Gast da besser gehen?

Vielleicht wird nun auch klar, wie katastrophal fehlgeleitet der Begriff "Gastarbeiter" wirklich ist, denn wie nun wirklich jeder weiß, haben die Türken vom Verhalten zwischen Gast und Gastgeber völlig andere Vorstellungen, als die Deutschen mit diesem Wort nahe legen wollten.
Das Missverständnis wird praktisch jeden Tag schlimmer, wenn wieder eine bildungsferne Alleinerzieherin ihr Gesicht in die SuperRTL Fußgängerzonenkamera hält und betont: "Die sind hier nur zu Gast und sollen sich auch so benehmen!"

Eben, denken Türken dann. Tun wir doch!
Vielleicht hilft ein Überssetzungsvorschlag?

Was wohl eigentlich gemeint ist: "Wir wollen euch hier nicht haben, also schert euch zum Teufel!"
Das versteht nun wirklich jeder.