Was dem Kaufmann sein Lager, ist dem Autor sein Notizbuch, hat ein kluger Kopf einmal gesagt.
Notizen lassen sich auf verschiedenste Weise sammeln, Auch können Notizen selbst unterschiedlichster Natur sein.
In diesem Abschnitt möchte ich aber zunächst ein paar Worte über das klassische Notizbuch verlieren, jenen hart oder weich eingebundenen Stoß Papier, versehen mit Bändchen oder ohne, Fächern, Kalender oder anderen haptischen Kostbarkeiten.
Das klassische Notizbuch hat eine erstaunliche Rückkehr erlebt, obwohl die wenigsten Käufer Hemingway oder Chatwyn gelesen haben. Tiefen Grübeleien ergeben im Café zu sitzen, eine Selbstgedrehte zwischen den erschlafften Lippen und dabei einen neumodischen Milchkaffee griffbereit mag ein romantisches Bild sein, aber für raumgreifende Schreibübungen bietet mir das Standardformat schlicht zu wenig Platz. Bei Schreibübungen aller Art (dazu später mehr) ist es wichtig, Platz zu haben, in der Birne und allemal auf dem Papier. Denn wenn man auf drei Quadratzentimetern herumstochert, werden auch die Texte etwas kleinkariert. Ich zeichne sehr gerne und die besten Lehrer werden nicht müde zu betonen, dass der Schwung am besten aus dem ganzen Arm kommen müsse. Gleiches gilt fürs Schreiben.
Außerdem: wer kritzelt schon tollkühn ein Notizbuch für 11€ mit unausgegorenen Halbgedanken voll? Da überlegt man sich jeden Satz zwei Mal. Schon läuft mein innerer Kritiker auf Hochtouren. Dieser aber soll erst anspringen, wenn man den Text redigiert! Beim Erstellen darf er meckern, aber leise, sonst komme ich zu nix.
Wer also nicht in der Lage ist, den Spruch der bildenden Künstler zu beherzigen: "Paint like a Millionaire!" (Farbe ist teuer) und also sein teures Moleskine behandelt wie den niedersten Schreibknecht, der sollte besser billig kaufen. Denn nichts ist wichtiger, als beim Schreiben in den Fluss zu kommen, der satte Formulierungen erst ermöglicht. Formulierungen sind das Salz in der Textsuppe.
Wer sehr viel über einen Text nachdenkt, bevor er ihn niederschreibt, dem kommen mitunter wunderbare Formulierungen an den unpassendsten Orten. Wenn man diese nicht sofort in irgendeiner Form speichert, sind sie weg. Ich habe in all den Jahren viel zu wenig übers Schreiben gelernt, aber wenn eine gute Formulierung an einem unpassenden Ort auftaucht, gerate ich in Panik. Denn ich weiß inzwischen, dass Formulierungen flüchtig sind. Ähnlich verhält es sich mit Motiven in der Musik, aber das nur am Rande. Für solche Syntaxüberfälle, jedenfalls, eignet sich ein kleiner Begleiter im Moleskineformat sehr gut.
Fürs Abschweifen und Ausufern jedoch müsst ihr entweder wie Millionäre schreiben oder ihr kauft ein Blanko-Textbuch, ohne Lesebändchen, ohne Kalender, ohne handgeschöpftes Büttenpapier, ohne Gummizug und ohne 40er Jahre Paris-Flair.
Ich verfolge im Übrigen beide Ansätze. das liegt aber im Wesentlichen daran, dass ich ein Notizbuchproblem habe. Ich kann sie nicht nicht kaufen. Inzwischen bekomme ich zum Geburtstag stets mehrere Notizbücher geschenkt, bunt oder edel, teuer oder billig, egal wie es daherkommt - jedes einzelne dämmt den Kaufrausch in den Folgewochen etwas ein.
Schließlich und endlich ist es stets eine aufregende und verwirrende Reise in die eigene Vergangenheit, wenn ich alte Notizbücher aus dem Regal nehme und zu blättern beginne. Gedankenwelten, die den Normalsterblichen irgendwann verloren gehen - dem Autoren bleiben sie erhalten, solange die Notizen überleben; zu seiner Erbauung oder zu seinem Verdruss. Gegen das Vergessen anschreiben ist eben nur eine Seite der Medaille. Am Ende muss man lernen, mit seinen Erinnerungen zu leben.
Schreib, um Gottes Willen, schreib!
