Montag, 30. November 2009

Missverständnisse mit Udo Lindenberg

Ich erinnere mich an ein Gespräch, dessen Zeuge ich erstaunlicher weise werden musste, denn in gewissem Sinn ging es mich an, auch wenn es nicht vordergründig um mich ging.

Ich muss ca. zehn Jahre alt gewesen sein, als auf der Dorfstraße vor dem Haus meiner Pflegeeltern der Nachbarsjunge Carsten einem anderen Jungen begeistert vor sang: "…früher waren's die Juden! Und heute sind die Türken dran!".
Hier hatte jemand aus der Hitparade ihm und seinen Zeitgenossen die Worte aus dem Mund genommen! Seine unverhohlene Begeisterung für diesen Liedtext übertrug sich auf den anderen Nachbarsjungen, wollte jedoch nicht recht auf mich überspringen. Der Andere erkundigte sich nach dem Ursprung dieser Zeilen, worauf Carsten begann, Udo Lindenberg und dessen Musik enthusiastisch zu loben.
Dann entspann sich ein standardisiertes Gespräch, dessen Hergang sich in den letzten zwanzig Jahren kaum verändert hat: Die Gesprächsteilnehmer listen alle Verfehlungen des Türken als solchen auf, von seiner ungepflegten Gesamterscheinung über die geistige Minderbemittlung bis hin zum Diebstahl als Kulturmerkmal. Wie jeder weiß, klauen die Türken wie die Polen.
Man muss im Kopf behalten, dass ich dabei stand, wie man halt dabei steht, wenn sich zwei unterhalten.
Inzwischen war Carsten dazu übergegangen von, ich glaube es war Yüksel zu erzählen (Oder war es Mehmet? Einerlei…). Besagter Türke aus seinem Fußballverein nämlich zeichnete sich dadurch aus, dass er im Gespräch mit Deutschen die Türken aufs schärfste verurteilte, die meisten Vorurteile über sie auf Anfrage oder aber auch eigeninitiativ bestätigte und im Allgemeinen einen trefflichen Türkenhasser abgab, solange man gewillt war, den kleinen Umstand zu vernachlässigen, dass er eben selbst Türke war. Das sorgte bei dem anderen Nachbarsjungen für eine Art verwirrte Freude, als könne er derart überraschende Unterstützung kaum glauben.
"Oh doch", beteuerte Carsten, "Yüksel ist voll cool."

Dieses Gespräch hat mich über all die Jahre begleitet. Es hatte vielerlei Bedeutung und überdies zur Folge, dass ich Udo Lindenberg bis weit in die Neunziger Jahre hinein für einen rechtsradikalen Sänger hielt. Wie Carsten angesichts des Songs "Sie brauchen keinen Führer" sich an der oben erwähnten Textzeile so berauschen konnte, dass er den kompletten Rest des Textes nicht mal im Ansatz verstand und so die Komposition als Sprachrohr einer unterdrückten deutschen Mehrheit begriff, ist mir schleierhaft. Ich tippe auf geistige Minderbemittlung.
Geistige Trägheit meinerseits hatte jedenfalls zur Folge, dass ich von Udo Lindenberg nichts mehr wissen wollte, und so entging mir, wie ich nun betrübt fest stellen muss, großartige deutschsprachige Rockmusik. Pech gehabt.

Wie muss man sich meine Kindheit unter solchen Nachbarn vor stellen? Wurde ich etwa tagtäglich gehänselt? Machte man Jagd auf mich? Musste ich mich im Schutz der Dunkelheit von Dach zu Dach schleichen, um meine abgelegene Stelle im Wald auf zu suchen, wo ich mit imaginären Freunden herum tollte?
Nichts dergleichen. Wir waren rund zehn Kinder in der Nachbarschaft, die jeder mit jedem spielten. Da wir ländlich wohnten, war der Spielplatz lediglich einer der vielen Orte, wo wir uns herum trieben. Unsere Eltern hatten stets nur eine ungefähre Ahnung von der Region, in der sich ihre Kinder aufhielten und mussten infolge dessen warten, bis wir wieder aufkreuzten oder eben nach uns suchen. Die Mutter besagten Carstens etwa pflegte sich um die Mittagszeit einmal nach vorn an die Haupstraße und hernach an den rückwärtigen Gartenzaun zu stellen und beschallte so zwei Mal das gesamte Dorf mit den Worten "Caaarsten! Mittaaag!". Dabei hielt sie die Stimme auf einem konstant hohen Ton. Immer wenn ich diese Szene vor meinem geistigen Auge sehe, habe ich unweigerlich die Stimme David Attenboroughs im Ohr, die im kontrolliert bebenden Tonfall eines National Geographic Naturfilms sagt: "Der Ruf des Muttertiers ist auf viele Meilen in der sengenden Mittagshitze zu hören."
Kurz: Ich hatte eine Kindheit, wie man sie im Allgemeinen auf dem Land vor findet, und wer auf dem Land aufgewachsen ist, weiß, dass das vieles besagt, aber nicht unbedingt Kultur- und Straßenkämpfe bedeutet.
Wie also war es möglich, dass ich so wenig von meinen Spielkameraden wusste? Wie hatte ich nur übersehen können, dass sie meine leibliche Mutter, meine Verwandten und natürlich die türkischen Freunde, die ich hatte, samt und sonders nur für Kümmeltürken hielten? Wie, schließlich und endlich, hatte ich übersehen können, dass ähnliche Ansichten höchstwahrscheinlich auch mir golten? Es war ein Augenblick, der mich misstrauisch gemacht hat.

Oft denke ich außerdem über jenen Türken in Carstens Fußballverein nach, der sich in einer Art den Vorurteilen über Türken anschloss, dass er schon  fast als Wortführer auftreten konnte. Die Begeisterung für ihn hat mir vor Augen geführt, wie ein Türke sich gegenüber bestimmten Menschen zu verhalten hat, wenn er akzeptiert werden will. Ich muss immer wieder an dieses Phänomen denken, weil in der heutigen Kulturkampfpropaganda Türken, die für Verachtung gegenüber Türken Verständnis aufbringen können oder gar ihren eigenen Kampf gegen Missstände in der türkischen Kultur führen (hat jemand gedacht, es gebe keine?), jene schulterklopfende Unterstützung erfahren, die ich damals in Abwesenheit Yüksels beobachten durfte. Es handelt sich hierbei um ein Phänomen, das dem ähnelt, was Otto Weininger für die Nazis war. Otto Weininger, der Antisemit mit jüdischen Wurzeln, sei für Hitler - so ist ein Ausspruch vom Gröfaz überliefert - der "einzig anständige Jude" gewesen. Weininger hatte sehr populäre juden- und frauenfeindliche Denkschriften veröffentlicht und sich 1903 folgerichtig selbst umgebracht.

Wir stehen am Ende des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts. Udo Lindenbergs Song "Sie brauchen keinen Führer" stammt aus dem Jahr 1984. Man merkt ihm das Alter nicht an, so frisch und aktuell kommt er daher.

Donnerstag, 26. November 2009

Im Westen nix neues

Ich weiß nicht, was es genau ist, aber jedes Mal, wenn ich diesen Artikel lese, kriege ich Kopfschmerzen.
Und Augenschmerzen.

Lassen wir einen Moment beiseit, dass er von jener unangenehmen Selbstgerechtigkeit durchzogen ist, die es dem Verfasser / der Verfasserin ermöglicht zu vergessen, dass der Frauenanteil in Physikstudiengängen doch wohl unabhängig von der kulturellen Herkunft viel zu niedrig ist, und man dieses Indiz mal zum Anlass nehmen könnte, generell über die Integration von Frauen in der deutschen Gesellschaft nachzudenken (nur mal so am Rande).

Lassen wir ebenfalls unbeachtet, dass mir nicht ganz klar ist, was im Grunde die Botschaft dieses Artikels vom Aufstieg dreier Akademikerinnen sein soll… Je höher auf der Rangleiter, desto besser integriert? Du hast es nur zur Frisörin gebracht, ergo ist dein Integrationsindex einstellig? Bei Arbeitslosigkeit gibt es Punktabzug?

Was mir einen erhöhten Augeninnendruck beschert, ist die Tatsache, dass der  Artikel unter anderem mit den Worten beginnt: "Drei integrierte Aufsteigerinnen erzählen ihre Geschichte".
Wer den Text jedoch genau liest, stolpert über Sätze wie:

"Im Studienseminar, also im Referendariat, hat man mich spüren lassen, dass ich nicht erwünscht war."

"Als Migrantin[…]reicht es nicht, 100 Prozent zu geben, um einen guten Job zu bekommen. Du musst 200 Prozent leisten."

"Es gibt immer ein Ihr und ein Wir, und das ist auf die Dauer frustrierend"

Und das ist meiner Meinung nach der Kern des Problems, über den nach wie vor nicht gesprochen wird. Man kann sich alle möglichen Maßnahmen ausdenken, die Einwanderer besser bilden, ihr Erscheinungsbild verändern und sie alles in allem so gelungen assimilieren wie die drei Frauen in besagtem Artikel. All das ändert nichts daran, dass diese Menschen auf die immer gleichen Vorbehalte treffen (siehe obige Zitate).




Wer gar ein Problem mit zu niedrigem Augeninnendruck hat und auf eine Cortisonspritze verzichten will, liest einfach die Kommentare unter dem verlinkten Artikel.

Mittwoch, 25. November 2009

Thema heute: Christen helfen Christen

Warum nur sind alle Christen gewaltbereite, rassistische Egoisten, die keinen Sinn für Familie und Tradition haben und Frauen unterdrücken?

Christen sind natürlich Opfer ihrer Religion. Man darf Christen ihre Beschränkheit in diesen Dingen nicht übel nehmen.
Man muss viel eher - auch und gerade als Außenstehender - die den Christen heilige Schrift zu Rate ziehen und anhand von aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten belegen, warum es die Glaubenssätze ihrer Religionsstifter sind, die sie zu schlechteren Menschen machen.

Wenn Christen solchen Reden nur mit genügender Dialogbereitschaft und Geduld zuhören, wird sich auch bei ihnen schon bald diese wärmende innere Dankbarkeit einstellen, die sich ja immer einstellt, wenn man kluge Ratschläge bekommt, und die alsbald zu tief greifender Veränderung führt.

"Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert."
(Matthäus 10,34)

Es ist dieses ungezwungene Verhältnis zum Tötungshandwerk, dass Christen zu ihren eindrucksvollen Gewaltexzessen befähigt. Mit diesem Religionsstifter finden Christen einen kompromisslosen Anführer auf dem Pfad der körperlichen Auseinandersetzung.

"Darum gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes,"
(Matthäus 24,14)
Diesem unverhohlenen spirituellen Hegemonialanspruch kann man sich schlecht entziehen. Eine Erfahrung, die Millionen von eingeborenen Völkern wie zum Beispiel die Sachsen, die Kelten oder die Azteken machen mussten. Widerstand war gleichermaßen zwecklos wie gefährlich.

"So bekennt nun dem HERRN, eurer Väter Gott, und tut sein Wohlgefallen und scheidet euch von den Völkern des Landes und von den fremden Weibern."
(Esra 10,17)
Autsch. Schon wieder die fremden Weiber. Wenn man die Bibel liest, spielen die fremden Weiber meist eine entscheidende Rolle beim Untergang ganzer Königshäuser.
Die fremden Weiber scheinen über die Jahrhunderte hinweg ein ganz besonderes Problem für die Männer im nahen Osten gewesen zu sein - jedenfalls finden sich zahllose Ermahnungen, die darauf abzielen, die Reinheit des Blutes zu gewährleisten. Natürlich könnte man sagen, dass fremde Frauen für Männer jeder Glaubensrichtung und jeder Herkunft schon immer ein ernsthaftes Hindernis für ein tugendhaftes Leben darstellten. In diesem Zusammenhang sind aber natürlich speziell ungläubige fremde Frauen gemeint.

"Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: HERR, erlaube mir, daß ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Aber Jesus sprach zu ihm: Laß die Toten ihre Toten begraben."
(Lukas 9,60)
Die Absage an Tradition par excellence. Ich möchte sagen, hier muss das Totenritual pars pro toto herhalten, um überhaupt jedwede gesellschaftliche Konvention in Bausch und Bogen zu verdammen, denn…

"Ich bin gekommen, den Menschen zu erregen gegen seinen Vater und die Tochter gegen ihre Mutter und die Schwiegertochter gegen ihre Schwiegermutter."
(Matthäus 10,35)
…und den Schwippschwager gegen die angeheiratete Cousine zweiten Grades. Was heißen soll, dass von Christen gefordert ist, alles aufzugeben, soziales Umfeld, Verwurzelung in der Familie, Karriere, Beruf, alles. Schließlich gilt:

"Wer Vater oder Mutter mehr liebt denn mich, der ist mein nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt denn mich, der ist mein nicht wert."
(Matthäus 10,37)
Würde mir heute jemand einen Flyer mit diesen Worten übergeben und mich im Anschluss einladen, alles stehen und liegen zu lassen, so dass ich mit ihm und seiner Kommune obdachlos übers Land ziehen kann - wäre das ein Fall für den christlichen Sektenbeauftragten?
Ich glaube nein.
Sekte ist eben nicht, wenn die Menschen unfrei sind, sondern wenn nicht genug mitmachen.

"Denn ein Weib hatte von ihm gehört, deren Töchterlein einen unsauberen Geist hatte, und sie kam und fiel nieder zu seinen Füßen (und es war ein griechisches Weib aus Syrophönizien), und sie bat ihn, daß er den Teufel von ihrer Tochter austriebe. Jesus aber sprach zu ihr: Laß zuvor die Kinder satt werden; es ist nicht fein, daß man der Kinder Brot nehme und werfe es vor die Hunde. Sie antwortete aber und sprach zu ihm: Ja, HERR; aber doch essen die Hündlein unter dem Tisch von den Brosamen der Kinder."
(Markus 7,26)
Wie die kleinen süßen Hündelein da unter dem Tisch herumkriechen und die Krümel aufsammeln, könnte man fast vergessen, dass dieses Bild gewählt wurde, um den Unterschied zwischen Einheimischen und Ausländern deutlich zu machen, zwischen Rechtgläubigen und Ungläubigen.

Das wäre aber auch zu viel verlangt, wenn die zugewanderten ungläubigen Hunde den rechtgläubigen Kindern das Brot weg fressen.

Hier findet sich die Wurzel der grundlegenden christlichen Unfähigkeit zur Integration fremder Kulturen.
Sondert man also alles Unliebsame aus, bleiben vor Gottes Auge in christlichem Sinne im Grunde nur rechtgläubige Männer bestehen, denn

"Wie in allen Gemeinden der Heiligen lasset eure Weiber schweigen in der Gemeinde; denn es soll ihnen nicht zugelassen werden, daß sie reden, sondern sie sollen untertan sein, wie auch das Gesetz sagt."
(1. Korinther, 14,1)
Es sind am Ende Textpassagen wie diese aus einem Brief des spirituellen Anführers Paulus, die auf eine nachhaltige Annäherung von Christen und anderen Religionen hoffen lassen. Denn dass Frauen Gläubige zweiter Klasse sind, darin sind sich fast alle Religionen von Weltrang einig.

Der Schreiber dieser Zeilen kann leider die Aufgabe nicht wahr nehmen, mit der frischen Perspektive des Außenstehenden derlei Anregungen an Christen heran zu tragen.
Er ist nach wie vor fideler türkischstämmiger Protestant und als solcher einfach viel zu sehr teil des eben christlichen Abendlandes.

Bleibt nur zu hoffen, dass vielleicht Angehörige einer anderen Religion den Mut finden, Christen kluge Ratschläge zur Ausübung ihrer Religion zu geben - selbst wenn Christen diese Gefälligkeit niemals mit Gleichem vergelten würden, denn sie sind alle bestrebt Lukas Kapitel 6, Vers 42 zu beherzigen, wo es heißt:


"Du Heuchler, zieh zuvor den Balken aus deinem Auge und siehe dann zu, daß du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest!"

Schade.

Werkzeug für Autoren - yWriter

Ich verabscheue es, Exposees zu schreiben.
Das ist ungenau formuliert.
Ich verabscheue Exposees, denn auch ein solches zu lesen ist eine Qual. Es ist nämlich bei weitem unterhaltsamer, das Buch zum Exposee zu lesen.

Nun sind aber Exposees eine zwingende Notwendigkeit im Verkaufsprozess, es sei denn, man ist bereits durch anderweitige Aktionen ein derartiger Publikumsmagnet, dass der Verlagslandschaft praktisch gar nichts anderes übrig bleibt, als einen unter Vertrag zu nehmen.
Bis es also so weit ist, hat ein Lektor einerseits keine Ahnung von dem Jahrhundertwerk das man selbst geschrieben hat, andererseits aber auch nicht die Zeit, in jeden unverlangt eingesandten Stoß Papier hinein zu lesen, ob sich nicht der neue Harry Potter darin versteckt hat.

So die Legende.
Auftritt Exposee.

Ich habe es bei meinem Roman (unveröffentlicht) und auch Romanen von Kollegen bisher nur so erlebt, dass die Exposees im Nachhinein angefertigt wurden.
"Angefertigt" klingt so harmlos, so fließend, als bräuchte man nur einen Nagel in die Wand zu hämmern und "fertig" (es steckt ja in dem Wort schon drin) ist die Laube. Tatsächlich aber habe ich Tage damit verbracht, mich verwundert zu fragen, was im Einzelnen in meinem Buch passiert. Dabei hatte ich es schon mit einem stark gegliederten und dazu nicht besonders langen Text zu tun. Eine gute Freundin, deren Manuskripte mitunter eine derart große Masse erreichen, dass sie beginnen Licht zu krümmen, bekommt bereits kreisrunden Haarausfall, wenn die Inhaltsangabe am Horizont ihrer To-Do-Liste auftaucht.
Ich glaube, diese Schwierigkeiten haben mit einer grundlegenden Verwechslung zu tun: Der Schriftsteller denkt vielleicht sofort daran, dass es ja schließlich nicht ein ganzes Buch gebraucht hätte, wenn man die Geschichte auch auf ein bis fünf Seiten hätte erzählen können. Allerdings soll das Exposee ja nicht alle Informationen einschließlich der Atmosphäre, der inneren Kämpfe und der "Pferdestammbäume und Zahnarztbefunde" (Wonder Boys) enthalten. Es geht nur um das, was passiert!

Einen Roman oder generell jede längere Erzählung von vornherein mit etwas mehr Planung anzugehen kann da helfen - habe ich mir sagen lassen.
Das ist jedenfalls mein erklärtes Ziel für den nächsten Roman, den ich schreiben werde. Zielsetzungen hierbei sind unter anderem:

- Klare Unterteilung des gesamten Plots in Szenen
- Beschreibung der einzelnen Szenen im Voraus

Der lange Vorlauf in diesem Beitrag ist notwendig, um zu erklären, wieso yWriter einen so starken Eindruck auf mich gemacht hat. Diese Textverarbeitungs-Software, die speziell Romanschreiber im Visier hat, ordnet das eigentliche Erstellen von Text ganz der Planung unter. Ich muss sagen, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich für das eigentliche Schreiben von Szenen auf WriteMonkey verzichten würde. Wahrscheinlich eher nicht. In dem Fall ist Kopieren/Einfügen das Mittel der Wahl.
Dafür aber ist yWriter die am höchsten entwickelte Software, was die Planung von Texten angeht.
Die gesamte Benutzeroberfläche von yWriter zwingt Autoren, in Szenen und Kapiteln zu denken. Das Inventar eines jeden fiktionalen Textes wie Charaktere, Orte, Gegenstände kann global angelegt und verwaltet werden.

Ich greife als Beispiel mal die Charaktere heraus. Ich weiß von Autoren, die Fotos aus Zeitungen ausschneiden und Collagen erstellen, um sich ein Bild ihrer wichtigsten Figuren zu machen. So gut wie alle schreiben kurze Biografien zu den Haupt- und vielleicht auch Nebenpersonen und benutzen Notizen und so weiter.
yWriter bietet geordneten Platz für alle diese Informationen in seiner "Charakter"-Karte, inklusive Foto.

Die zentrale Texteinheit für einen Roman gemäß yWriter ist die Szene. Diese kann mit Kurz- und Langbeschreibung versehen werden, es können angelegte Charaktere mit der Szene verbunden werden, die Erzählperspektive kann festgehalten werden (wer meint, er käme hier nie durcheinander: Respekt! Solche Fehler finden sich recht häufig in Manuskripten und im Falle von Kästners "Fabian" auch in Klassikern), und schließlich und endlich kann man die Zielsetzung, den Konflikt und das gewünschte Ergebnis für jede Szene festhalten.

Noch einmal zurück zu den obigen Roman-Manuskripten anderthalbfacher Erdmasse. Bei derart vielen Szenen machen Listen keinen Sinn mehr. Die Autorin ordnet mitunter die verschiedenen Szenen in einem Zeitstrahl auf Tapetenrollen an, bis Klarheit herrscht. Den Papierkleber könnte sie in Zukunft sparen, denn yWriter bietet eine Storyboardansicht aller Szenen, geordnet nach Erzählperspektiven!

Natürlich kann man sagen, das sei mehr Planung, als nötig ist. Man kann sich auf den Standpunkt zurück ziehen, dass Schreiben im eigenen Falle ein impulsiver Ausbruch kreativer Kräfte sei, die ungebunden und frei wie eine Herde Einhörner die Wohnung durchstreifen wollen, oder ähnliches.
Bitte schön.
Niemand hindert mich daran, genau das mit yWriter zu tun und am Ende doch von der Einordnung in Szenen zu profitieren.

Sollte man sich jedoch durchringen können, mit einem von langer Hand vorbereiteten Plan zu arbeiten, kann man mit yWriter auf Knopfdruck die Kurz- und Langbeschreibungen aller Szenen zu einem Auto-Exposee zusammen setzen lassen! Und dass, werte Leser, ist ja wohl ein Hämmerchen. Einen besseren Ausgangspunkt für ein gutes Exposee wird man schwerlich finden können.

Darüber hinaus wartet yWriter mit Besonderheiten auf wie Statistiken, Tageszielen, Arbeitsplänen (welche Szenen befinden sich noch im Entwurfsstadium? Was ist bis wann in welchem Stadium abzuliefern?) und sogar einer Suche nach Problem- bzw. Füllwörtern.

Also, warum nicht einfach mal ausprobieren? Immerhin ist es kostenlos.

Montag, 23. November 2009

Merkel in Alaska oder Der eine Idiot

Lesung zum Jubiläum der Ekamina-Lesungsreihe in Dortmund.

Leider ist der Ton beim Komprimieren durch youtube vor die Hunde gegangen. Ich übe mich noch in Videobearbeitung.

Donnerstag, 19. November 2009

Simulant, Querulant, Elefant

Was haben die Deutschen für ein Problem mit Elefanten? Mal ehrlich. Ist es ihre furchteinflößende Größe? Ihre faltige Haut? Ist es ihr aufbrausendes Wesen, dem hin und wieder Tierpfleger zum Opfer fallen?

Warum werden Elefanten als Gruppe so verachtet?

Bitte jetzt keine Lippenbekenntnisse! Schließlich sind Elefanten mit jenem Suffix, der herrlichen Endsilbe -ant bedacht worden, die im Deutschen für Gruppen wie zum Beispiel Simulanten, Querulanten, Ignoranten, Spekulanten, Asylanten und Migranten reserviert ist.

Ich glaube, es ist an der Zeit, dass die Deutschen einen Schritt auf die Elefanten zu gehen, ihnen entgegen kommen. Immerhin haben die Elefanten bereits den ersten Schritt gemacht, haben ihre asiatische oder afrikanische Heimat aufgegeben und sich auf den langen Weg gemacht, Deutsche zu werden.
Sie hatten Akklimatisierungsschwierigkeiten, zugegeben.
Sie sind nicht ganz leicht.
Einige von ihnen, sicherlich nicht überdurchschnittlich viele, neigen zu Gewalttaten.
Aber ihnen ist auch unrecht geschehen. Viele wurden aus ihren Familien gerissen, ein nicht unbeträchtlicher Teil verdient seinen Lebensunterhalt im Teufelskreis der Manege, der Rest lebt in Ghettos, streng abgeriegelt vom Rest der deutschen Gesellschaft. Eingepfercht, angekettet, zur Schau gestellt: einige hoffen auf den zweiten Bildungsweg und eine Karriere im Schaustellergeschäft, aber die meisten zeigen ernste Anzeichen von Hospitalismus.

Den Elefanten geschieht unrecht. Ihre Ausgrenzung manifestiert sich jeden Tag aufs neue in ihren Namen. Wir wollten sie haben. Jetzt sind sie da. Wir freuen uns, weil sie so exotisch sind. Das wird auf Dauer nicht reichen.
Elefanten haben ein gutes Gedächtnis.

Mittwoch, 18. November 2009

Nachtrag zum Thema Vorurteile

Ich renne in Vorurteile über Türken und Moslems nach wie vor noch immer vollkommen unvorbereitet hinein. Zunächst verstehe ich meist nicht einmal, dass gerade von mir die Rede sein soll.
Die Vorfälle häufen sich natürlich in dieser vom propagierten Kulturkampf hysterisierten Gesellschaft.

Ich kann natürlich wissen, dass Vorurteile menschlich sind, dass sie mit der Wahrheit über mich nichts zu tun haben, dass sie mit der Wahrheit im Großen und Ganzen nichts zu tun haben, ich kann auch wissen, dass Vorurteile sich erübrigen, wenn man mich erst einmal kennen lernt. Aber das hilft alles überhaupt nicht, wenn ich von anderen Deutschen nach wie vor einsortiert oder besser und treffender "aussortiert" werde.

Ich weiß nicht, was ich genau machen könnte, um endgültig und unverrückbar dazu zu gehören.

Vielleicht ist die Lehre aus dem dritten Reich mit all den patriotischen Erzdeutschen 1.-Weltkriegs-Veteranen, die plötzlich feststellen mussten, dass sie in erster Linie eben doch nur Juden waren, dass man zu diesem Volk niemals endgültig gehören kann. Vielleicht verteidigen die Deutschen ihre merkwürdig einzigartige Exklusivität so vehement, weil es im Grunde ihr einziger Zusammenhalt ist. Ohne gemeinsame Grundlage bleibt nur das Ausschlussverfahren.

Wo andere Einwanderer und Einwandererkinder in solchen Situationen ihren kulturellen Hintergrund, den unsäglichen Migrationshintergrund nämlich haben, um der Wucht der Ausgrenzung nach zu geben - gleichsam in einer Rückwärtsbewegung - bleibt mir natürlich fast nichts. Lediglich das vage Gefühl, wohin auszuweichen mir bliebe, wenn ich denn diesen Raum jemals hätte einnehmen können.

Abgesehen von diesem Schmerz der Ausgrenzung bleibt mir im Grunde nicht viel von meinen Wurzeln, jedenfalls nicht viel Greifbares.
Den nicht greifbaren Teil meiner Wurzeln kann ich als Rückzugsgebiet nicht nutzen, denn mir fehlt ein wesentlicher Bestandteil des Manövers, der allen anderen Einwandererkindern zur Verfügung steht: das Teilen der Erfahrung. Das fängt bei der Sprachbarriere an und endet auch dort. Mir bleibt nichts und nichts anderes übrig, als nie zu vergessen, dass ich nun mal auf der Linie stehe, auf der Abgrenzung zweier Welten, die auf absehbare Zeit nicht zusammen wachsen werden.

Solange nicht die Religion als Fakt aus der Welt verschwunden ist, solange Menschen mehrheitlich nicht in der Lage sind, von dem grundsätzlichen Vourteils-Mechanismus auch nur einen Schritt weiter zu gehen, solange alles wie all die Jahrtausende hindurch in Ihr und Wir unterteilt bleibt, solange bin ich nicht Teil von irgendetwas kleinerem als der Gesamtheit aller Dinge.

Vielleicht ist dies, das Eins-Sein, mein einziges Rückzugsgebiet, das einzige, das allen anderen grundsätzlich ebenfalls zur Verfügung stünde. Will ich dies aber spüren, will ich diese "Sprachbarriere" überwinden, dann muss ich die Erfahrung von Leere machen. Anders ist die Gesamtheit nicht wahrzunehmen.

Darum vielleicht ist mir das Taijiquan so wichtig. Weil ich instinktiv gespürt habe, dass hier übergeordnete Zugehörigkeit zu haben ist, Zugehörigkeit für jemanden, der sich der Welt als solcher über Jahrzehnte hinweg nicht verbunden gefühlt hat. Und Wuji, die grenzenlose Leere, hält sich nicht mit Kleinigkeiten wie ethnischer Zugehörigkeit oder nationalen Grenzen auf.

Im Wuji finde ich den einen Fleck auf dieser Welt, wo ich nicht auf der Grenze stehe, sondern in der Mitte von allem. Und dieser eine Fleck, dieses kosmische Refugium, liegt unerreichbar für alle, die vom "Wir und Ihr" nicht lassen können.
Eine unidirektionale Verbindung sozusagen, eine energetische Einbahnstraße:
Ich spüre 'was, was du nicht spürst.

Wir sind eins, auch wenn nur ich das weiß.

Aber das macht nichts. Hier benötige ich deine Zustimmung nicht, und niemandes Solidarität.

Von hier aus bewege ich mich in deine Welt, wo du verwundert feststellst, dass ich uns beide meine, wenn ich "Wir" sage.

Dienstag, 17. November 2009

Europa - der schlimme, schlimme Kontinent

Das Migazin berichtet über eine Studie des Instituts für Konflikt und Gewaltforschung, der zu folge fast jeder zweite Europäer Vorurteile gegenüber Minderheiten, religiösen Gruppen oder Migranten hegt.

Was sagt es uns also, wenn wir erfahren, dass laut obiger Umfrage fast die Hälfte aller Europäer Vorurteile gegenüber Ausländern hat?
Es sagt uns, dass die andere Hälfte bei der Beantwortung der Fragen wohl gelogen hat.

Es gibt kaum etwas, bei dem mir so unangenehm heiß und kalt im Gesicht wird, wie wenn mir jemand beteuert, dass er/sie frei von Vorurteilen sei.
Vorurteile sind ein kaum zu unterdrückender zutiefst menschlicher mentaler Mechanismus, um zu einer Einschätzung des Gegenübers zu gelangen. Vorurteile sind der allererste Schritt auf dem Weg zur Wahrnehmung eines Gegenüber.

Darum ist es auch fortgeschrittener Betroffenheitsmumpitz, wenn Cem Özdemir von einer "dramatischen Situation" für Europa spricht. Man könnte vielleicht von einer dramatischen Situation für das menschliche Hirn auf diesem Planeten sprechen. Aber eine solche möchte ich mal generell konstatieren, unabhängig von der Frage nach Vorurteilen.

Vorurteile sind nicht das Problem. Sie sind noch nicht einmal das Symptom des Problems. Problematisch ist es, wenn wir bei Vorurteilen stehen bleiben. Man muss einfach nur ein paar Schritte weiter gehen, ohne sich in der Zwischenzeit die Geißel über den Rücken zu ziehen für etwas, das jeder Mensch in sich hat.

Alles weitere entnehmen sie bitte folgender Lesung:



Montag, 16. November 2009

Werkzeug für Autoren - WriteMonkey

Schreibwerkzeug muss schlicht sein, damit es einem nicht in die Quere kommt. Simpel ist außerdem meist gleichbedeutend mit schnell, weswegen Papier und Stift am Anfang aller Überlegungen standen.
Wenn man denn aber schon auf den Rechner ausweichen muss, dann sollten zumindest die gleichen Grundsätze gelten.

Deswegen ist meine erste Wahl bei Schreibprogrammen am Rechner: WriteMonkey.
Die Schreibsoftware WriteMonkey dient nur einem Zweck: dem Verfassen von Text.

Wie sieht ein Screenshot von WriteMonkey aus?
Schwarz.

WriteMonkey Screenshot"That," he said, "that... is really bad for the eyes."

It was a ship of classic, simple design, like a flattened salmon, twenty yards long, very clean, very sleek. There was just one remarkable thing about it.

"It's so... black!" said Ford Prefect. "You can hardly make out its shape... light just seems to fall into it!"

The blackness of it was so extreme that it was almost impossible to tell how close you were standing to it.

"Your eyes just slide off it…" said Ford in wonder.

(Douglas Adams, "Restaurant at the End of the Universe")

WriteMonkey verspricht eine ablenkungsfreie Umgebung. Wenn man das Programm startet, verschwindet einfach alles vom Bildschirm. Übrig bleibt nur das lichtlose Schwarz des WriteMonkey-Programms, welches mit einem blinkenden Cursor nur eines vom Benutzer erwartet: Fang an zu schreiben!

Formatvorlagen? Seitenzahlen? Fußnoten? Menüleiste?
Vergiss das alles mal für einen Moment, so die Botschaft dieser an Klarheit nicht zu übertreffenden Benutzeroberfläche. Konzentrier dich auf das Wesentliche, und das ist Text, sind Wörter, sind Zeichen.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: WriteMonkey bietet durchaus ein Benutzermenü (erreichbar durch Klick mit der rechten Maustaste). Dort finden sich auch viele der Funktionen, die man gemeinhin mit Textverarbeitung in Verbindung bringt, wie zum Beispiel Seitenzahlen für den Druck, Schriftarten, Textkürzel, Rechtschreibprüfung und was dergleichen Mumpitz noch mehr ist.
Mumpitz, nämlich, in einer Phase, in der nicht die Verarbeitung von Text im Vordergrund steht, sondern die Erstellung!
Jedes Mal, wenn WriteMonkey startet, bin ich einen kurzen Moment lang erschlagen von der Leere, die mir da entgegen schlägt. Das Gefühl ist derart nah an der Empfindung des berühmten leeren weißen Blatts Papier, dass sich in der Tat ein ähnlich intensives Schreibgefühl ergibt. Man will die Leere füllen.

Neben seinem minimalistischen Konzept sind die einzigen Dinge, die es neu hinzufügt genau jene Kleinigkeiten, die OpenOffice und Word zunächst fehlen:

- eine Fortschrittsanzeige für ein Tagesziel in Wörtern, Zeichen usw.
- ein Countdown, bzw. Timer! Für machen Schreibübungen sehr wichtig.

Die Fokussierung auf das Erstellen von Text wird noch unterstützt durch ein kleines Gimmick, das mir anfangs als zu vernachlässigender Entwicklerwitz erschien: beim Tippen gibt WriteMonkey auf Wunsch die Geräusche einer klassischen Schreibmaschine täuschend echt wieder (von der Leertaste, über "Zurück" bis natürlich zum stilvollen "Bing!" beim Zeilenwechsel!).
Ich habe seinerzeit, als man unter "Computer" noch Amiga oder C64 verstand, sehr gern auf meiner mechanischen Schreibmaschine geschrieben. Ich war viel langsamer als mit dem Füllfederhalter und Papier, aber es gab und gibt vielleicht immer noch kaum etwas Befriedigenderes als das satte Gefühl des mechanischen Widerstands, wenn man eine Letter per Hebelwirkung aufs Papier schmettert. Damals war ich natürlich nur aus Geldnot auf eine mechanische Schreibmaschine ausgewichen und träumte Tag und Nacht vom emsigen Rattern des Druckkopfs einer elektrischen Schreibmaschine.
Ich sparte dann das Geld für eine solche zusammen, die automatisch Wörter oder Zeilen löschen konnte (ich war damals sicher, im Editierhimmel angekommen zu sein). Die Geschwindigkeit und der Komfort waren besser - aber die Befriedigung, dem Papier seine Buchstaben förmlich um die Ohren zu hauen, hat sich in der Form nicht wieder eingestellt.
Dann kamen die Personal Computer, und mit ihnen Word. Etwas ging hier verloren. Ich werde über komplexere Software zum Schreiben, also voll ausgerüstete Textverarbeitung noch mehrfach etwas erzählen, aber so viel sei vorweg genommen: An die schöne Schlichtheit der Benutzeroberfläche einer Schreibmaschine kam all die Jahre über keine Software mehr heran.

Bis WriteMonkey kam.

Warum steige ich dann nicht eigentlich wieder um und lege mir eine alte Schreibmaschine zu?
Nun, um ehrlich zu sein, ich habe darüber nachgedacht. Oder sagen wir, ich habe mit dem Gedanken gespielt. Der Vorteil einer Schreibmaschine in der heutigen Zeit ist ja auch noch, dass der Rechner gar nicht läuft. Ich spreche von Gefahrenquellen wie einer "schnellen" Wikipedia-Recherche, einem "kurzen Infosurf", eingehenden E-Mails und so weiter, von Twitter mal ganz zu schweigen.
Aber das Gedankenspiel endete natürlich schnell bei Kopierkosten und Korrekturband (es war immer dann verbraucht, wenn man am dringlichsten etwas zu korrigieren hatte). Außerdem ist der Schreibprozess eben fließend, was auch bedeutet, dass es vom Erstellen eben schnell in die Bearbeitungs- und Verarbeitunsphase kommt. Mein Texterkennungsprogramm am Scanner ist recht leidlich, aber ich will mich nicht darauf verlassen müssen, dass es meinen getippten Text erkennt, damit ich vernünftig damit weiterarbeiten kann.
Alles in allem scheue ich also den etwas steinzeitlichen Charme einer Schreibmaschine. Aber wer weiß…?

WriteMonkey, jedenfalls, hat mir etwas von diesen alten Tagen in meiner von Zigarettenqualm vernebelten Bude wieder gegeben, an denen ich auf der Couch saß, die Welt vergaß und einfach Seite um Seite mit Wörtern füllte.

Aus den Lautsprechern hämmert das Schreibmaschinengeräusch, aber das Korrekturband ist auf unendlich eingestellt.

Mittwoch, 11. November 2009

Werkzeug für Autoren - der Brief, das Medium der Zukunft

Briefwerkzeug
Autoren schreiben Briefe. Das gehört sich so.

Nun könnte man als Rebell sofort umstellen auf mündliche Überlieferung, alles Schreibgerät verdammen und nur noch "Audiofiles" und "Podcasts" ins Internet hochladen, um möglichst gegen den Strom zu schwimmen. Wer weiß, vielleicht ist das bereits mehrheitlich der Fall und der Strom definiert sich bereits anders.

Wie dem auch sei. Wer schreibt, und um diese Zunft geht es mir in diesem Teil, schreibt immer auch gegen Vergänglichkeit an. Vergänglichkeit bedeutet: keiner, der Texte wie diesen lesen kann, ist in hundert Jahren noch hier. Für die Langlebigen schlagen wir eine Hand voll Atemzüge drauf, aber dann tritt auch der sturste Überleber seine letzte Reise an. Mit allen Menschen verbinden sich aber so wunderbare und tiefe Geschichten, dass es Autoren schmerzt, mit ansehen zu müssen wie diese für immer verloren gehen.
Also schreiben wir.
Ich muss an geeigneter Stelle mal ein paar Worte darüber verlieren, dass dieses Vorgehen natürlich auf (sehr) lange Sicht zum Scheitern verurteilt ist. Das hat aber natürlich noch keinen Autoren vom Schreiben abgehalten.

Im ersten Teil habe ich behauptet, Briefe seien das Medium der Zukunft.

In der Vergangenheit trug einst die CD diesen Titel. Inzwischen sind wir so weit, dass das eigentliche Medium für die Aufbewahrung digitaler Daten immer mehr in den Hintergrund rückt. Wenn ich eine MP3-Datei nutzen will, kann ich sie auf CD, Festplatte, USB-Stick oder Speicherkarten aufbewahren - wo ich meine Daten letztlich verliere, spielt ja keine Rolle.

Viele Forscher meinen, die Zeit zwischen 1990 und 2050 (oder wann auch immer das Umdenken einsetzt) werde in ein paar Jahrhunderten unter Historikern als "das dunkle Zeitalter" bekannt werden, weil man einfach nichts darüber in Erfahrung wird bringen können. Flüchtige Informationen in Unmengen bis zum Überdruss in schnellen mobilen Medien - nichts von dem wird bleiben. Vieles findet man schon nach wenigen Wochen nicht mehr wieder.

Säurefreies Papier hält ein halbes Jahrtausend.

Briefe sind allein deswegen schon das Medium der Zukunft, weil sie all die Kommunikationswege wie Chat, E-Mail, Weblogs (man beachte die Ironie des Vorgangs) überdauern werden.
Oder kann sich jemand vorstellen, dass es einst heißen wird:
"Ich war auf dem Dachboden und habe einen alten Tweet meines Großvaters gefunden!"?
Tja.

Weitere Vorteile von Briefen sind ihre Authentizität und ihre Eigenschaft als literarische Gattung.

Die wenigsten Benutzer von E-Mail nutzen Verschlüsselungsverfahren, um die Authentizität des Versenders sowie die Integrität des Inhaltes zu gewährleisten.
Ein Brief bringt all dies von sich aus mit: Er ist sehr persönlich und authentisch - das fängt bei der Handschrift an. Fügt man dem Gebilde noch ein Siegel hinzu, hat man die Integrität des Inhaltes geschützt, die Authentizität erhöht, die Haptik verbessert, das Ritual vervollkommnet und die Beachtung gesichert. Denn ein Brief mit Siegel sticht unter zwanzig (Fenster-)Briefen am ehesten heraus, darauf gebe ich sowohl Brief als auch Siegel. Da alle Künstler nach Aufmerksamkeit gieren, ist der Brief auch hier das Mittel der Wahl. Für einen versiegelten Brief lasse ich alle Twitter-Stati und was dergleichem mehr ist links liegen.

Briefe sind außerdem eine wichtige literarische Form, die man einüben sollte. Ein Brief sollte, wie jeder andere Text auch, gut und unterhaltsam zu lesen sein.
Also, Feder gezückt und losgelegt!

P.S.: Für das Archivieren von Korrespondenz lest bitte hier hinein…
P.P.S: Und um mal wieder nicht zu sehr in die Technikpessimismus-Ecke abzurutschen, gebe ich noch bekannt, dass ich meist mit stampIT frankiert habe. Der Service ist jetzt umbenannt in internetmarke.de, ist aber dort noch nicht von mir getestet. Das wird beizeiten nachgeholt.

Dienstag, 10. November 2009

Werkzeug für Autoren - der Brief Teil 1

Der Postbrief, das Medium der Zukunft.
Ich meine es ernst.

BriefwerkzeugMan könnte sich auf den Standpunkt stellen, dass Briefe zu schreiben ein Anachronismus sei. Allein die in Briefen vergangener Zeiten aufgelisteten Fragen nach dem Wohlbefinden des Familienanhangs oder dem Stand anderer Befindlichkeiten muten in Zeiten mobiler Statusmeldungen vom Handy aus antiquiert an. Ich kann alles mögliche über nahe wie entfernte, enge wie ferne Freunde und Bekannte erfahren, sobald ich Zugang zu einem der unzähligen sozialen Netzwerke hergestellt habe. Das geht schnell und anonym - denn wenn ich von jemandem lese "Bin auf dem Weg nach Berlin" oder gar in Eilmeldungen unterteilt wie "Steh auf dem Bahnsteig und friere", "noch einen Sitzplatz erwischt… Yes!" und so weiter, dann brauche ich noch nicht einmal Kontakt auf zu nehmen und weiß doch Bescheid.
Liest die andere Seite dann auch noch meine Statusmeldungen, braucht man sich im Grunde gar nicht mehr gegenseitig anzusprechen. Man erfährt ja alles minutiös und mitten aus dem Geschehen heraus.

Wird es einmal länger, oder soll die Interaktion dann doch einmal direkter werden, bieten sich Kurznachrichten, Chat und schließlich und endlich die gute altmodische E-Mail an.

Wozu also, um alles in der Welt, sollte man ein Blatt Papier mit Dingen bekritzeln, die im Augenblick des Versands veralten?

Freundschaften zerbrechen in den seltensten Fällen. Meist welken sie einfach dahin. Man schaut ihrem Absterben ähnlich hilflos zu, wie einem Ficus Benjamini bei seinem rätselhaften Vertrocknen. Dabei ist örtliche Nähe oft ein größeres Hindernis als eine Fernfreundschaft. Die ständige Verfügbarkeit verwöhnt und macht träge.
Auftritt Briefpost.
Wann hast Du das letzte Mal einen Brief bekommen? Einen echten, per Briefpost versandten Brief auf Papier, ohne Fensterumschlag?
Ich liebe dieses Gefühl, wenn ich den Briefkasten leere und inmitten von Rechnungen, Werbung oder Hausmitteilungen mit einem Mal erkenne: mir hat jemand geschrieben! Eine flirrende Aufregung macht sich in breit, denn gleich gibt es etwas wichtiges zu lesen. Briefe sind eine ausgezeichnete Beziehungspflege, denn der Empfänger fühlt sich immer beschenkt. Das gilt auch für Menschen, die in unmittelbarer Nähe wohnen! Umso größer nämlich ist zunächst die Verwunderung, aber auch das Gefühl der Wertschätzung für den Empfänger. Es macht Mühe, einen Brief zu schreiben. Wer sich diese Mühe für mich macht, dem muss ich etwas bedeuten.
Was schreibt man aber seinen Freunden? Womöglich genau denen, die doch alle meine Stati kennen, die wissen, wann ich wo warum bin?
Nun, ein Brief ist langsam. Es gilt, diesen Vorteil zu nutzen! In einem Brief berichtet man nicht mitten aus dem Geschehen heraus, übermittelt keine mikroskopischen Ansichten eines kleinlichen Alltags. In einem Brief darf man mal die Perspektive wechseln, sich ein- bis zweihundert Meter in die Luft begeben und das eigene Leben im größeren Rahmen beschreiben. Auch den Empfänger selbst darf man zum Thema etwas weitschweifigerer Betrachtungen machen - wer hört nicht gerne, was die Freunde über einen denken? Entgegen der landläufigen und spaßigen Definitionen von Freundschaft wie "Freunde erkennt man daran, dass sie immer da sind, wenn sie einen brauchen" ist doch ein wichtiges Zeichen von Freundschaft, dass man einem Freund immer verzeiht, wenn er einem die Wahrheit sagt.
Zu guter Letzt: wer nicht weiß, was er einem Freund schreiben soll, befindet sich bereits in jener welken Zeit, die das Briefe schreiben um so dringlicher macht.

So viel für die Allgemeinheit.

Warum insbesondere Autoren Briefe schreiben müssen, was Briefe zudem zum Medium der Zukunft macht und warum das beileibe kein Scherz sondern starkbitterer Ernst ist, das berichte ich im nächsten Abschnitt zum Thema Briefe (morgen an dieser Stelle)

Sonntag, 8. November 2009

Fernsehen für Fettleibige und der Tag des Herrn

Heute begleitete ich die Liebste in die Dortmunder Innenstadt, da sie sich bereit erklärt hatte, in der Ballettschule Kostüme zu nähen.

Bis 13:00 war der Sonntag in der Innenstadt angenehm kosumentenleer.

Allerdings war heute ein verkaufsoffener Sonntag ab 13:00, und es füllte sich doch recht schnell auf. Mir fiel ein bekanntes Elektrofachgeschäft auf, das folgende Aktion bot: Beim Kauf eines Fernsehgeräts ab 500€ sollte man für jedes Kilogramm Körpergewicht einen Euro Rabatt erhalten. Das Angebot war auf ein Maximum von 150 Kilogramm Kampfgewicht beschränkt. Das ist ein sehr schönes Beispiel für "Öl ins Feuer gießen":

"Ey! Je fetter du bist, desto billiger kommst du hier an Fernsehgeräte!"

An der St. Petri-Kirche war ein interessantes Konzert beworben, für das ich gerne Karten erworben hätte, als mir plötzlich aufging, dass die Kirche heute geschlossen hatte.
Ich weiß noch nicht, welche Schlussfolgerung ich endgültig daraus ziehen soll, aber mir erscheint es doch bemerkenswert, dass am Tag des Herrn das Gotteshaus als einziges Etablissement die Pforten verschlossen hielt.
Andererseits ist das vielleicht auch folgerichtig. Wenn alle so irre sind, auch noch am Sonntag einkaufen zu müssen, und der raffgierige Einzelhandel seine Belegschaft am Ruhetag ins Geschäft knechtet, dann ist dies das letzte verbliebene Mittel: Einfach dicht machen, den Laden!
Gott hat Feierabend - mach's nach.

Samstag, 7. November 2009

Werkzeug für Autoren - Traumtagebuch

Wie intim ist Dein Verhältnis zu Deinen Träumen? Und was in aller Welt soll diese Frage mit dem Schreiben zu tun haben?

Nun, Träume sind für viele Autoren ein spannendes und lohnendes Thema gewesen. Mein Lieblingsbuch zum Thema Träume ist zweifelsohne "Der Spiegel im Spiegel" von Michael Ende - eines seiner düstersten Bücher, welches ganz bestimmt kein Kinderbuch ist. Ähnlich wie "Fabian" von Kästner fristet es daher ein weit gehend unbeachtetes Dasein. Das hat man nun davon, wenn man seine Nische gefunden hat.

In "Der Spiegel im Spiegel" arrangiert Ende eine Reihe von Traumszenen handwerklich so geschickt, dass sie alle einander hervorrufen (tatsächlichen Traummechanismen also sehr nahe) und sich in einer zentralen Traumgeschichte spiegeln.

Träume sind als Ausgangspunkt für Schreibübungen aus verschiedensten Gründen geeignet:

- Autoren müssen über ihre Wahrheit Bescheid wissen. Entgegen aller Ansichten, die Träume auf reine Reizverarbeitung reduzieren wollen, sind Träume das nasse Handtuch des Unterbewusstseins, das man oft genug klatschend im Gesicht spürt. Wer seine Träume missachtet, verpasst eine ausgezeichnete Gelegenheit, mit dem Unterbewussten in direkten Dialog zu treten.

- Wer nicht weiß, was er schreiben soll, schreibt seine Träume auf. Einfach ein Traumtagebuch nebst Schreibwerkzeug griffbereit auf dem Nachttisch aufbewahren. Träume, die es wert sind, aufgeschrieben zu werden, katapultieren einen meist ohnehin in eine kurze Wachphase. Diese gilt es zu nutzen.

- Egal, was außen tatsächlich passiert - unser aller Geschichten kommen aus unserem Inneren. Autoren müssen also ins Innere abtauchen können, sich als erfahrene Reisende ins Innen erweisen. Gibt es eine bessere Gelegenheit für die Innere Reise als die eigenen Träume? Hierfür sollte man bei Gelegenheit erlernen, Klarträume herbei zu führen.
Klarträume sind Träume, in denen sich der oder die Träumende bewusst sind, dass sie träumen. Von dieser simplen Aussage zu einem völlig neuen Lebensgefühl ist es bemerkenswerter weise nur ein kleiner Schritt. Denn das Bewusstsein kann in die Traumwelt hinübergerettet werden - von hier aus ist im Traum buchstäblich alles möglich. Man wandelt also wissend durch das eigene Unterbewusste. Einige holen auf diese Art verschüttete Erinnerungen zurück, andere kontrollieren ihre Alpträume, dritte wiederum kreieren ganze Welten samt Personal. Und diese letzte Tätigkeit klingt schon wieder stark nach Schreiben, nicht wahr?

Was, wenn man meint, nicht zu träumen?
Nun, alle Menschen träumen. Das ist anhand von Beobachtungen von außen nachzuweisen, da alle Menschen die REM-Phase durchlaufen.
Es gibt also jene, die sich an ihre Träume erinnern und solche, die es nicht tun. Auch die Klarheit der Erinnerung lässt sich trainieren. Das Traumtagebuch ist hier ein erster Schritt in die richtige Richtung. Allein seine Anwesenheit rückt das Traumgeschehen näher an das bewusste Tages-Ich heran. Wenn man nach dem Aufwachen partout nicht weiß, was man hier notieren soll, empfehle ich für ein paar Wochen einfach das morgendliche Befinden einzutragen. Wie fühlst du dich (neben müde)? Traurig? Beschwingt? Erregt? Neugierig? Das sind Überbleibsel der Traumerlebnisse! Je mehr du dich ihnen zuwendest, desto klarer wird die Erinnerung werden.

Wer es schließlich geschafft hat, während des Traums vollkommen zu Bewusstsein zu kommen, darf das selbe im Wachzustand versuchen…

Donnerstag, 5. November 2009

Murats rätselhafte Notizbuchfragmente

Wer weiß, dass ich Notizbücher nicht nur nutze, sondern ihnen regelrecht verfallen bin, und vielleicht selbst ein solches führt, weiß auch, dass gerade bei hastig hingeworfenen Gedanken nach ein paar Monaten Gefahr besteht, dass die Einträge recht mysteriös daher kommen.

Wenn ich nachdenke, komme ich anhand der meisten Stichwörter wieder drauf, was es hatte heißen sollen, bei manchen hingegen bleibt der Vorhang zu. Bei praktisch allen ist der Rätselfaktor für Uneingeweihte recht hoch.

Daher hier eine verwirrende Auswahl:

"Frauen stehen total auf diese unbeeindruckte männliche Distanz, was ein Segen ist, weil sie von normaler männlicher Begriffstutzigkeit kaum zu unterscheiden ist."

"Brennende Theke, Rakibrennerei (Obacht Wortspielfalle!), Frontlicht flackert in den Schlaglöchern."

"So, wir machen jetzt mal reinen Tisch, wir zwei. Bei deinen Witzen wurd mir heiß und kalt, aber nicht vor lachen."

"Schwitzhütte nackt auf allen vieren, nass auf dem Boden, auf dem Rücken, Blick hinunter ins Universum und ich erinnere mich an dich."

"Links ist, wenn man für die Rechte der Arbeiterschaft eintritt, auch wenn man selbst noch nie ne Schüppe in der Hand hatte."

"Traum von Robert-Gernhardt-Gedicht mit der superklaren Struktur und den Auslassungen (steigernd bis zur völligen Leere)"

"Ich glaub' an Triebe auf den ersten Blick."


Erstaunlicher weise finden die meisten Fragmente noch den Weg in einen Text.

Mittwoch, 4. November 2009

Sträter heißt jetzt Fritz!

Torsten Sträter.

Als ich den Mann zum ersten Mal traf, hat mich noch der Umstand verwirrt, dass er herumlief wie Peter Strohm samt Hafenarbeitermützchen.

Aber kaum, dass er den Mund auftat und begann zu erzählen, wusste ich: Dieser Mann muss ins Radio! Auf Poetry Slams drückte er sich herum und verwirrte dort die Leute, denn eine solche Qualitätsspitze verwindet man nicht so schnell.

Ins Radio zu gehen ist eine Sache. Und zwar nicht die des Sträters - das war ihm zu wenig.
Lieber tritt er die Tür ein, ballert ein Tausendermagazin Mantelgeschosse leer und steigt über Qualm und Leichen hinweg, um gleich das ganze Gebäude einzunehmen. So geschehen in Berlin, bei der Fritz Radio Nacht der Talente:



Glückwunsch, Sträterchen! Freu mich schon auf die gemeinsamen Abende im Februar mit Guten Tacheles!

Dienstag, 3. November 2009

Das Ei des Pazifisten

Das Töchterchen will einen Pfannkuchen. Kann sie haben. Ich versammle alle Zutaten um mich herum und schreite zur Tat. Eier schlage ich immer mit dem Messer auf, da ich den Profikochgriff (ein Ei mit dem anderen) nicht beherrsche, und das Aufschlagen am Topfrand das Tor zum Chaos ist (Schale im Essen, Eigeld auf dem Herd, Eiweiß an der Hand, Wasser kocht über, kein Lappen zur Hand).

Während ich nun also in aller Ruhe die Schale mit einem gezielten Hieb einkerbe, bemerkt das Töchterchen enttäuscht: "Du kannst Eier ja nur mit Gewalt aufschlagen…"

Selten hat mich eine Bemerkung von ihr so verwirrt. Was soll das denn heißen "mit Gewalt" - und wieso "nur", und überhaupt?!
Ich habe hier doch nicht das Ei in der bloßen Faust zerdrückt (was gar nicht so einfach sein soll, wenn man es falsch genug hält) oder an die Wand geklatscht. Das war immerhin ein Schlag mit chirurgischer Präzision: Die Hülle ist perforiert, bleibt aber erstmal zusammen, so dass man in aller Ruhe ansetzen kann.
Aber davon abgesehen: Soll ich es zerreiben, auflösen oder mit einem Diamanten einritzen? Wie kommt man denn auf friedliche Art an sein Ei heran? Mit Telekinese, wie der anwesende Bekannte vorschlug? Oder soll ich an seine Vernunft appellieren?

Wenn ich Christian Ströbele jemals treffe, nun weiß ich, was ich ihn fragen würde: Wie kommst Du an dein Ei heran, Mann?! Ich kann nur hoffen, dass er die Frage richtig einzuordnen weiß.
Und wenn dann herauskommt, dass auch er als grundloser Aggressor auftritt und die Unverletzbarkeit der Grenzen missachtet, dann wäre ich vor meiner Tochter rehabilitiert.

Es sei denn, Ströbele isst vegan.

Montag, 2. November 2009

Werkzeug für Autoren - Evernote

Moment mal! Klangen die Kapitel über so altmodische oder gar archaische Geräte wie Füllfederhalter, Bücher lesen und klassische Notizbücher, als wäre ich ein Gegner moderner Werkzeuge? Bin ich gar nicht!
In der Tat bin ich ein hingebungsvoller Technikfreak, dem an den Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts (fast) eben so viel liegt, wie an denen des 19. Jahrhunderts.

Zu den aufregendsten Technologien gehören die jüngsten Online- bzw. Internetdienste, die eine komplette Anwendung im Netz laufen lassen.
Neudeutsch, bzw. Hypedeutsch sagt man hierzu "Cloud Computing", was nichts anderes besagen will, als dass wichtige Daten im Netz (in der "Cloud") liegen, statt auf der heimischen Platte. Auch wenn ein Programm seine wichtigsten Funktionen nur bei Onlineverbindung zur Verfügung stellt, kann man von Cloud Computing sprechen. Doch dazu später mehr.

Der erste Service, den ich hier empfehlend vorstellen will, ist Evernote.
Wie der Name schon sagt, handelt es sich hierbei um ein digitales Notizbuch. Wer das Kapitel über klassische Notizbücher gelesen hat, weiß, dass ich an einem solchen Dienst nicht teilnahmslos vorübersurfen konnte.

Was heißt digitales Notizbuch? Welche Daten bewahrt man darin auf?

Nun, Evernote schluckt einfach alles!
Ob getippte Notizen, Audiodateien, eingescannte Texte, gescannte Bilder, digitale Fotos, Handy-Schnappschüsse, E-Mails, Internetseiten (ganz oder in Auszügen), Dokumente (PDF und andere Formate) oder Kombinationen aus all diesen Informationen - völlig einerlei. Alles findet in Evernote Platz.

Wie kommen die Daten hinein?

Ich kann Evernote öffnen und lostippen oder auch von Hand schreiben, wenn ich ein Grafiktablett besitze. Evernote erkennt das Grafiktablett und bietet mir an, Skizzen zu begradigen, das heißt, aus einem hingekrikelten Ei wird ein vollendeter Kreis, wenn ich es will.
Ich kann beim Browsen im Internet Text und Bilder markieren und per Knopfdruck an Evernote schicken (ohne das Programmfenster überhaupt öffnen zu müssen), ich kann Scans und andere Dateien in einem speziellen Ordner auf dem Computer ablegen, den Evernote überwacht und automatisch aussaugt wie ein Datenvampir. Ich kann unterwegs mit dem Handy eine MMS mit Foto an Evernote schicken, oder eine SMS an Twitter, welches den Text wiederum an Evernote weiterleitet. Es wird schwer, sich ein Szenario auszumalen, in dem man seine Daten nicht irgendwann in Evernote ablegen kann, denn auch Visitenkarten scanne ich inzwischen ein und lege sie in Evernote ab. Es gibt noch so viele weitere Wege, Evernote mit Daten zu füttern, dass es müßig ist, sie alle aufzulisten. Wichtig ist, dass ich Evernote oft gar nicht erst öffnen muss, um Notizen darin abzulegen!

Wie finde ich meine Notizen wieder?

Bleiben wir einmal kurz bei den Visitenkarten. Ich erinnere mich vielleicht an den Vornamen, oder an den Nachnamen oder an beides, aber nicht an die Adresse eines Ansprechpartners. Also tippe ich in der Suche los. Augenblicklich wird die Liste aller Notizen eingeengt auf die Notizen, die den Suchbegriff enthalten. Das Tolle ist, Evernote findet auch Text in Bilddateien, also auch Text in eingescannten Visitenkarten! Alle Notizen laufen bei Evernote durch die Texterkennung und werden ensprechend durchsuchbar gemacht. Wenn ich in Blockbuchstaben oder sehr leserlich schreibe, findet Evernote auch solchen Text wieder.
Schön ist das Ganze auch für Plakate, wobei die Textsuche in Bildern unabhängig von der Ausrichtung ist und außerdem leichte perspektivische Verzerrungen (Litfaßsäule usw.) gut verträgt. (Suchbegriff war hier Chris Rea, mit der gelben Markierung sagt Evernote Bescheid, wo es den Begriff gefunden hat)

Evernote screenshot


Natürlich findet die Suche auch Text, den ich in Evernote eintippe, aber gerade die Texterkennung in Bildern und Scans ist ein echter Segen. Manches, was ich sonst ewig in irgendwelchen Schubladen aufbewahre, landet so digital in Evernote, während der Zettel in der realen Welt in den Papierkorb wandert.

Die Suche ist also wirklich gelungen. Zusätzlich aber bietet Evernote auch die Möglichkeit, Notizen mit Schlagworten zu versehen (Neudeutsch: "tag") sowie die Notizen in gesonderten "Notizbüchern" abzulegen. Ich habe im Moment ein geschäftliches Notizbuch, ein Allgemeines (Standardnotizbuch) und eines, in dem ich Notizen für einen Roman aufbewahre.

Was kostet der Spaß?

Nichts. Man registriert sich lädt ggf. Software herunter und legt los. Man kann Evernote im Browser, von Windows oder MacOS aus betreiben. Kostenpflichtig sind lediglich Zusatzdienste für fortgeschrittene Benutzer (wie zum Beispiel größeres Datenvolumen beim Upload oder beschleunigte Texterkennung in Bildern)

Und hier ein paar Beispiele, wie ich Evernote nutze:


  • Ich bin beim Arzt und lese in der regionalen Zeitschrift von einem Wettbewerb. Handy heraus, Seite fotografieren und an Evernote senden ist eine Aktion von ca. 15 Sekunden.
  • Ich recherchiere im Internet und stoße auf jede Menge Informationen. Meine Lesezeichenliste ist aber bereits so tief verschachtelt wie eine Babuschkapuppe und ängstigt mich jedes Mal, wenn ich sie öffne. Wenn ich nur die Info einer Seite brauche, aber nicht die Internetseite selbst, warum sollte ich ein Lesezeichen anlegen? Statt dessen markiere ich, was ich wichtig finde, vergebe ein Schlagwort und finde alles in Evernote wieder.
  • Ich schreibe Briefe. Natürlich mit dem Füllfederhalter und auf Papier. Aber eine eingescannte Kopie landet vor dem Postversand in Evernote unter dem Schlagwort "Briefe" mit ein paar getippten Zusatzinfos (wann an wen).
  • Ich liebe Listen! To-Do-Listen, Planlisten, Kontrolllisten, Wunschlisten, Setlists für Auftritte, Listen von Listen! Im Text meiner Notizen kann ich an jeder beliebigen Stelle kleine Kästchen zum Abhaken einbauen - später, bei der Suche findet Evernote auf Wunsch Notizen mit einer solchen checkbox wieder, getrennt nach "erledigt" und "nicht erledigt". Ich kann also wie der unorganisierte Trottel, der ich im Grunde bin, wild in irgendwelchen weit verstreuten Notizen To-Do Einträge hinterlassen und sie regelmäßig wiederfinden, indem ich nach allen Notizen mit unerledigten (nicht abgehakten) Kästchen suche.
  • Ich bekomme eine E-Mail mit Infos, die ich jetzt noch nicht, aber bald... irgendwann... benötige (Telefonnummern und Adressen von Veranstaltern sind die Lieblingskandidaten für solche E-Mails). Ich drücke auf einen "An Evernote senden"-Knopf in meinem E-Mail-Programm (Thunderbird) oder leite der Einfachheit halber einfach die komplette E-Mail weiter an meine Evernote-E-Mail.
Wenn man einmal angefangen hat, landen über kurz oder lang immer mehr Informationen zusätzlich in Evernote, darunter auch Seiten aus meinen handschriftlichen Notizbüchern. Evernote ist einer der ganz wenigen Online-Dienste, für den ich im Laufe des kommenden Jahres Geld ausgeben werde.

Sonntag, 1. November 2009

Werkzeug für Autoren - das Lesen

LesestoffLies, um Gottes Willen, lies!

Mögen andere lediglich bemerken, dass ein Buch "gut zu lesen" war, mögen sie unterschiedslos den fetten Schmöker wie den Gedichtband für den Urlaub vertilgen. Für uns Autoren ist Lesen Handwerk.

Liest sich ein Text als habe es kein Schlusslektorat gegeben? Erschlagen dich die Worthäufungen? Zu viele Ellipsen? Kommt der Held erst in Kapitel 10 an Wissen heran, das er in Kapitel 8 nutzt?
Wunderbar!
Es ist so viel eleganter, auch aus den Fehlern anderer zu lernen, statt nur aus den eigenen.

Wichtiger jedoch sind Erfahrungen wie die, als ich um 20:00 Uhr begann zu lesen und um 2:30 das erste Mal wieder im Hier und Jetzt ankam, denn ich verspürte Hunger. Die ganze Nacht hindurch las ich, am nächsten Morgen las ich beim Zähne putzen, beim Weg zur Bahn, im Bus - es war wie im Wahn. Oder Zustände, in denen man "fast brechen muss vor Lachen", wie eine liebe Freundin sich ausdrückte oder man blöde grinsend auf der Couch sitzt vor verzückter Freude, denn man hat neue Freundschaften geschlossen.

Bekommt man also beim Lesen Gänsehaut, vernachlässigt man gar mit der Zeit soziales Umfeld und Beruf, Körperpflege und Nahrung, nur um weiter umblättern zu dürfen, schlägt man am Ende ein Buch zu und stürzt hilflos in jene Leere, wenn man weiß, man wird dieses Buch nie wieder zum ersten Male lesen - dann hat man als Leser/Leserin Teil gehabt am Wunder des Orms.

Und wenn du nun nicht weißt, was das Orm ist, dann gilt wieder der erste Satz: "Lies, um Gottes Willen, lies!"