Vier Wochen tiefster und dringendst benötigter Stille liegen hinter mir.
Ich kündige an, dass ich einen Bericht über die heimlichen Arten der Fauhleiheit schreiben muss, denn ich habe den Müßiggang wieder entdeckt und muss ihn für uns alle einmal von Faulheit abgrenzen.
Aber vorher muss ich eine frohe Botschaft zum Thema Verantwortung überbringen.
Neulich saß ich einem Meschenleser gegenüber, der binnen kürzester Zeit tief in mich hinabblickte. Und mit kürzester Zeit meine ich ca. zwei Stunden.
Es war eine Freude und unheimlich. Er lag in Dingen richtig, die Kollegen mit denen ich täglich mehrere Stunden zubrachte, erst nach Monaten heraus gekriegt haben.
Und doch lag er in einem falsch. Er nahm an, dass es in meinem Leben Dinge gab, die ich gerne änderte, wenn ich könnte; dass ich genau wüsste, um welche Dinge es sich handelte, dass ich Traumata aus der Vergangenheit benennen kann und sie richtete, wenn ich könnte. Das ist nur halb richtig.
Ich könnte sie sofort benennen. Aber um keinen Preis tilgte ich eins von ihnen aus meinem Leben.
Und zwar nicht, weil ich einfach nur erkannt habe, dass das nun mal alles zu meinem Leben gehört und ich mich voll annehme, als der der ich gerade bin. Das ist alles schön und gut, trifft aber nicht den Kern.
Ich bereue nichts von dem, was mir zugestoßen ist, weil ich weiß, dass bereits diese Formulierung zu ungenau ist. Denn alles geschah mit meiner Beteiligung.
Ich habe von Anfang an meine Entscheidungen gefällt wie alle anderen Menschen um mich herum auch. Nichts in meinem Leben geschah mir einfach wie einer unbeteiligten Person. Alles war wie ein gemeinsamer Tanz, dessen Bewegungen erst miteinander vollständigen Sinn ergeben. Darum muss ich mich auch nicht fühlen, als wäre ich entmachtet auf die Welt gekommen, in einem Scheißesturm gefangen.
Als mein kleiner Sohn fünf Sekunden alt war, wie er da auf unserem Wohnzimmerboden lag, nackt und verschreckt, da überwältigte mich die Erkenntnis, wie sehr er sich von seiner Schwester unterschied. Er war bereits seine eigene kleine Persönlichkeit. Er nahm das Leben vollkommen anders an, begegnete uns vollkommen anders als seine Schwester es tat. Innerhalb von fünf Sekunden hatte er ein paar wichtige Entscheidungen gefällt. Wie konnte das nur sein?
Soziale Prägung ist vollkommen überschätzt. In einem gewissen Sinn können wir immer nur die sein, die wir sind. Daran gibt es nichts zu ändern.
Die frohe Botschaft hieran lautet also: das Leben geschieht uns nicht.
Ich trage meinen Teil der Verantwortung. Du trägst Deinen Teil der Verantwortung. Wer sich je gefangen fühlte im undurchschaubaren Dickicht seiner Biografie (und meiner Erfahrung nach sind das fast alle, die ein bisschen in sich hinein lauschen können), kann erlöst aufatmen.
Du bist frei. Wir alle bekamen vollkommene Freiheit zum Preis vollkommener Verantwortung. Mit anderen Worten: wir stehen alle da, wo wir unbedingt hin wollten, denn alles andere erschien uns zu kostspielig.
Gib Dir einen tiefen Atemzug.
Mittwoch, 19. Mai 2010
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