Liebe Brüder und Schwestern!
Tut Muße!
Ich hatte schon seit einiger Zeit einen kleinen Abriss der wichtigsten Unterarten der Faulheit vor Augen. Nachdem ich nun durch eine intensive Mußephase gegangen bin, erscheint mir die Angelegenheit umso dringlicher. Eine Angelegenheit, die also keinen Aufschub duldet. Dass ich sie trotzdem erledige, ist bereits Teil des Problems.
Darum hier zunächst die wichtigsten Unterarten der Faulheit und ein anderes Mal die Gegenüberstellung von Faulheit und Muße, damit ihr künftig erkennt, wie echter Fleiß aussieht.
1. Faule Menschen malochen viel.
Ich bin ein glühender Verfechter des Werts ehrlicher Arbeit. Wie mein Schwiegervater neulich in der Schwitzhütte richtig bemerkte, steckt hinter dieser tief-bürgerlichen Formulierung "ehrliche Arbeit" paradoxer weise ein zutiefst unbürgerlicher Gedanke: nur diejenige Arbeit zu tun, die man wirklich und wahrhaftig tun will, der man ehrlich mit ganzer Hingabe nachgehen kann.
Das muss ein Normalbürger als Anmaßung empfinden. Sie alle machten immerhin ja irgendetwas, was sie nicht wirklich wollten. Das Leben sei ja schließlich kein Ponyhof. Es gelte, gerade die unangenehmen Dinge früh und gründlich zu erledigen, um sich nicht dem Vorwurf der Faulheit ausgesetzt zu sehen.
Interessant hieran finde ich, speziell beim berühmten Ponyhof, dass für Otto-Normal-Arbeitnehmer das Gegenmodell zur Maloche, zum Job mithin, den man ausschließlich des Geldes wegen macht, nicht etwa eine Tätigkeit ist, die dem eigenen Herzenswunsch entspricht, sondern der lustbestimmte ziellose Taumel eines Lebens auf dem Ponyhof.
Der ewige Urlaub oder die ewige Qual der Maloche, dazwischen ist nichts.
Ein Mensch, der ein solches Lebensbild lebt, ist einer der schlimmsten Faulpelze überhaupt: er ist geistig faul. Diese Menschen haben vergessen, was es heißt, einen Herzenswunsch zu haben. Meist haben sie vergessen, wie man träumt und fast immer wie man Träume in Ziele verwandelt. Das ist ja nicht schlimm. Sich an all diese Dinge wieder zu erinnern und also ehrlich zu selbst zu sein, kostet lediglich ein bisschen Arbeit.
Doch der Faule malocht lieber.
2. Kein Ziel, kein Plan: Legen wir los!
Denken kostet ohnehin die meiste Arbeit. Es zehrt an den Kräften. Und es gibt einem erst nach langer Übung das Gefühl, produktiv zu sein.
Ich habe Kisten geschleppt und Dächer gedeckt, Gruben ausgehoben und Zäune gezogen, ich habe Wände aufgestemmt und in einer Küche gearbeitet und kann sagen: Je mehr du körperlich schuftest, um so größer das Gefühl der Produktivität, desto befriedigender die Arbeit.
"Hömma, wenne deine Hände suchst: die sind in der Tasche!"
Ein großartiger Spruch aus dem tiefsten Westfalen, der das Gesicht des Träumers direkt in die Arbeit vor den eigenen Händen drückt.
So weit so gut.
Aber keine Mauer ohne Lot und Wasserwaage, keine Küche ohne Menükarte, und auch beim Wände aufstemmen muss man planen, was man tut, wie Willi weiß.
Wer loslegt, ohne dass die Denkarbeit getan wurde, sei es von ihm selbst oder von jemandem, auf den man sich hierbei verlassen will und kann, wer also einfach macht, Hauptsache, es passiert was, der nervt alle Umstehenden und Anwesenden mit einer sehr heimlichen und heuchlerischen Art der Fauhlheit: hektische Betriebsamkeit.
Hektische Betriebsamkeit macht mich aggressiv. Eine Herde Grottenolme auf dem Weg zur Häutung hat mehr Plan von seinem Tun, ein Schaf mehr Eigenständigkeit im Denken, eine Ameise hat größere Besonnenheit und Charlie Brown hat mehr Aussicht auf Erfolg als der einsame Idiot, der in hektische Betriebsamkeit verfällt.
Zuweilen steckt der einsame Idiot ein ganzes Büro oder ein ganzes Team mit seiner Tarnung an, denn hektische Betriebsamkeit ist von außen nur für den Kenner von wirklichem Arbeitsfluss zu unterscheiden. Ich will hier nicht alle Tricks verraten, aber wer die Zeit hat, kann einfach abwarten: hektische Betriebsamkeit führt nämlich zu nichts. Spätestens dann weiß man Bescheid. Das weiß der Faulpelz natürlich - deswegen überlagern und überschneiden sich bei ihm gerne drei oder vier Aufgaben, so dass man nie weiß, woran gerade gearbeitet wird. Wenn man es mit einem solchen Saboteur zu tun hat, muss man sich von ihm trennen oder ihn bloßstellen, je nachdem wie die Rahmenbedingungen sind. Sonst reißt er auf Dauer alle mit in den Abgrund.
3. Perfektionismus ist eine Mangelkrankheit
Perfektionist ist immer noch kein Schimpfwort. Das allein zeigt, dass wir mental noch immer im Kindergarten herum dümpeln. Manchmal sieht man leidlich erfolgreiche Künstler oder (sehr viel seltener!) Geschäftsleute in Talkshows mit dem Wort "Perfektionist" kokettieren, sie bescheinigen sich selbst eine solche oder ein solcher zu sein, die Umgebung habe es nicht immer leicht, aber sie seien halt nun einmal so und so weiter und so fort.
Ich halte das für einen Denkfehler.
Hallo, ihr Talkshowgäste dieser Welt! Vielleicht leidet eure Umgebung vor allem deswegen, weil es ein Kreuz ist, mit euch zu arbeiten? Vielleicht seid ihr penibel, kleinlich, verhaltet euch wie Diven oder Tyrannen oder was weiß ich - dass ihr Perfektionisten seid, ist jedenfalls die unwahrscheinlichste Option.
Warum?
Weil ihr in Talkshows auftretet. Ihr habt Erfolg. Ihr kriegt euren Scheiß gebacken.
Ein Perfektionist kriegt überhaupt nichts auf die Reihe. Ein Perfektionist wird nie fertig, und wenn doch, dann ist er unzufrieden und zeigt seine Arbeit niemandem her, verschließt sie in irgendeiner Schublade und macht sich an etwas anderes. Die ganze Zeit aber nagt der Gedanke an "die Unvollendete" in der Schublade an seiner Konzentration. Der Perfektionist ist nie da, wo er ist.
"Ich muss da noch mal dran"
"Das ist noch nicht fertig"
"Noch ein Take!"
"Es ist nicht gut geworden"
Sätze wie diese fallen einem Perfektionisten zu einer Arbeit ein, an der er bereits zehn Mal so lange sitzt wie andere aus seiner Branche.
Dem Perfektionisten mangelt es an Selbstvertrauen, an Selbstwertgefühl und oft an Können bzw. Handwerk. Perfektionisten wollen keinen Erfolg. Warum? Ich habe keine Ahnung, aber es ist zweifellos so, denn man muss sich immer nur das Ergebnis einer Bemühung ansehen, um ihr ursprüngliches Ziel zu ergründen.
Freitag, 21. Mai 2010
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