Donnerstag, 20. Mai 2010

Liebe Linksalternative und Autonome...

Ich bin's schon wieder. Und ihr seid's schon wieder.

Im April 2010 streifte ich so durch die Straßen der Nordstadt, machte Fotos der pittoresken Urbanverödung und freute mich meines Lebens, bis mit einem Mal Hubschraubergebrumm, Polizeiaufwand und heiseres Gekreisch aus Megaphonen euer Kommen ankündigten.
Mein Fotoapparat hatte zwischenzeitig den Geist aufgegeben (Batterien), was mich allerdings nicht ärgerte, denn solcherlei Zusammentreffen von Vorbereitung, Gelegenheit und Vereitelung finde ich meist belustigend.

Zum Thema.

Ihr drangt in die Münsterstraße ein, wo, wie teils im Internet zu lesen ist, euer martialisches Auftreten samt Vermummung und Fahnenschwenkerei angeblich von den Eingeborenen "gut aufgenommen" wurde.

Wieder einmal habe ich den Eindruck, wenn ich es euch nicht sage, sagt es euch keiner: ihr habt amüsiert. Bestenfalls.
Dass die Leute in den Fenstern hingen, dass man Gespräch verstummen und Besorgung unerledigt ließ, um euern Zug zu bestaunen, hat nichts mit dem zu tun, was ihr euch vielleicht als Reaktion auf euere etwas herablassende Solidaritätsattitüde  wünschtet.
Seht ihr, es ist nämlich so. In der Münsterstraße und Umgebung wohnen mehrheitlich Menschen aus dem nahen Osten, Türkei, Nordafrika. Zum großen Teil mithin das, was man früher als Orient bezeichnete, aber das war zu Zeiten, als die Menschen im Gegenzug noch die Bedeutung des Wortes Okzident kannten. Da ich sozusagen orientstämmig bin, bringe ich hier mal eine Information an, die mir schon seit längerem als Klarstellung im Kopf herum geht und die euch vielleicht einen entscheidenden Schritt weiter bringt.

Der Orientale als solcher ist meist konservativ. Ihr mögt zwar meinen, die Tatsache dass einige von denen sich hier nur schwer zurecht finden und Berührungsängste mit dem haben, was ihr etwas ungenau als Gesellschaft bezeichnet, deute darauf hin, dass es Überschneidungen mit eurem Gedankengut gebe, aber da irrt ihr. Eure Eltern verstehen euch besser als die Objekte eurer en passant ausgestreuten Solidarität. Merkt es euch einfach hiermit:  Oriental = Ayşe rustikal.

So weit so gut.

Nun fielt ihr also wie ein Spielmannszug in der Nordstadt ein und einer der Anwohner nahm das Spektakel auf seiner Handykamera auf, worauf hin vermummte Kämpfer gegen Rechts ihn an der Einmündung einer Nebenstraße bedrohten und eindringlich nahe legten, mit der Filmerei auf zu hören, sonst…
Nur zur Klarstellung: ihr seid Teilnehmer in einem öffentlichen Zug. Nicht nur durfte er euch filmen, er hätte die Aufnahmen sogar veröffentlichen dürfen, ohne euere Zustimmung einzuholen. Schlagt es bei Gelegenheit mal nach.
Aber hauptsächlich fiel mir diese Szene auf, weil mir klar wurde, dass es zwar das Wort "scheißliberal" gibt, für jene hochnäsige und verlogene Art mit seiner Toleranz zu kokettieren um damit die eigene Borniertheit zu kaschieren - aber es gibt noch kein Wort für die selbstgerechte Heuchelei mit der man gleichzeitig gegen Rechts sein kann ohne im Mindesten in der Lage zu sein, auf Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund einzugehen, ihren Standpunkt einzunehmen, ganz zu schweigen davon, für sie einzustehen.
Sonst hättet ihr wahrscheinlich gemerkt, dass der Grundgedanke dieses Mannes und noch weiterer Anwohner dort nach der Kundgebung wohl eher in die Richtung ging: "Noch so ein Haufen Asis, die hier einfallen und sich nicht zu benehmen wissen…"

Und darum wird das auch vorerst nichts mit eurer Solidarität.
Das soll ja heißen, ihr verbündet euch, ihr steht ein für etwas oder jemanden. Ihr steht aber nur für euch selbst ein. Ihr fühlt euch verbunden mit gar nichts und mit niemandem, oder jedenfalls nur solange ihr nicht in echt mit dem Gegenstand eurer Solidarität in Kontakt kommt. Und wenn ihr nun meint, so war das ja auch nicht gemeint, ihr erklärt euch lediglich solidarisch mit der Linken als solchen, die Ausländer können ja mit machen oder bleiben wo der Pfeffer wächst, dann gibt es hier als Bonus noch eine Hilfestellung: Wenn man nur mit sich selbst solidarisch ist, dann heißt es nicht Solidarität. Dann heißt es Selbstsucht.

Keine Ursache.