Ich arbeite momentan an Hörspielen und Comic-Skripten. Die Comic-Skripte sind reine Liebhaberei und nicht zur Einreichung in Redaktionen gedacht, haben aber nichtsdestotrotz ähnliche Anforderungen wie ein Hörspiel-Skript.
In der Vergangenheit hatte ich als Übungs-Comic-Skript eine Transkription einer Science-Fiction Kurzgeschichte verfasst, die 2005 in der c't erschien.
Mich persönlich treibt es in den Wahnsinn, ein solches Script in OpenOffice bzw. Word zu tippen, denn die Standardformatierung erfordert Verrenkungen auf der Tastatur als ob die Finger "Twister" miteinander spielen. Der ständige Wechsel zwischen verschiedenen Einrückungen, Ausrichtungen und Groß-/Kleinschreibung hält auf.
Man kann es auch erst herunter tippen und anschließend formatieren. Ein anderer Weg ist, sich einen Dreck um die Formatierung zu kümmern und zu hoffen, dass in der Redaktion oder im Lektorat ein derartiger Hunger auf das eigene Manuskript herrscht, dass man es auch als handschriftliche Steno-Notiz auf der Rückseite eines Kassenbons einreichen könnte. So weit bin ich noch nicht. Vielleicht darf Ralf König das, oder Eugen Egner mit seinen Hörspielen?
Einfacher ist es, man nutzt direkt eine Software wie Celtx.
Celtx wendet sich an alle AutorInnen, die Skripte für Hörspiel, Film, Theater oder Comics verfassen und sieht, nachdem man ein "Projekt" gestartet oder geöffnet hat, folgendermaßen aus:

Kern des Ganzen ist natürlich das Textverarbeitungsfenster, aber auch die anderen Features haben es in sich. Da der Editor jedoch einige Besonderheiten aufweist, ein paar Worte hierzu:
Der Editor ist wie eine endlose Klorolle. Es gibt keine Unterteilung in Seiten. Jeder Absatz im Editor wird automatisch einer bestimmten Formatierung unterworfen, die vordefiniert ist, für zum Beispiel (in einem Hörspiel): Rollen, Dialog, Produktionsnotizen, Stimme, Musik usw.
Für Theaterskripte oder Drehbücher gibt es andere Absatz-Formatvorlagen.
Man muss also aus einer Liste am oberen Rand des Editors auswählen, was der Absatz, den man gerade bearbeitet nun eigentlich ist und prompt ändert sich dessen Formatierung. Das bedeutet zweierlei:
Zum einen ist es eine unglaubliche Erleichterung, wenn man im Editor Skripte verfasst. Ich gebe den Namen eines Charakters ein, informiere den Editor, dass es sich um eine "Rolle" handelt und drücke die Enter-Taste. Automatisch springt Celtx nun auf die Formatierung für Dialog. Ich tippe die wörtliche Rede, drücke Enter und automatisch springt der Editor auf die Formatierung für Rolle zurück. Auf die Art kann man Dialoge zwischen beliebig vielen Charakteren "herunter tippen" ohne auch nur einen Gedanken an Formatierung zu verschwenden.
Es bedeutet aber auch, dass das Einfügen bestehender und fertig formatierter Skripte in den Editor die Hölle ist, denn Celtx erkennt nicht etwa, was bei eingefügtem Text Rolle und was Dialog ist, so dass der gesamte eingefügte Text zum Beispiel als Rolle formatiert wird. Hernach muss man sich also mühsam durch den Text hangeln und jeden Absatz von Hand formatieren. Ich habe das mal gemacht und bin nun froh, dass ich das Skript in Celtx weiter bearbeiten kann - ich kann aber auch sagen, dass es keinen Spaß macht und lange dauert.
Das Formatieren von Produktionsnotizen und anderen Textstellen wie Musik usw. ist ein Kinderspiel, denn man kann auch über Tastaturkürzel (Strg-Taste + Zahl) auf die Formatvorlagen zurückgreifen.
Neben dem Texteditor aber wartet Celtx auch mit sehr sinnvollen Zusatzfunktionen auf. So kann man alle Rollen, aber auch benötigte Requisite oder Klänge, Ausstattung und Sets in einem Hauptkatalog ablegen, wo sie detailliert beschrieben werden können. Tippt man dann zum Beispiel den Anfang eines Rollennamens im Editor, erkennt Celtx, wohin man will und schlägt eine Vervollständigung vor.
Die Szenen lassen sich einzeln in Karteikarten zusammenfassen, was einem auf Wunsch ein schnelles Exposée ermöglicht.
Da die Arbeit an solchen Skripten nicht selten Teamarbeit ist, kann man zudem jede Textstelle mit Notizen versehen, die in einer seitlichen Leiste abgelegt werden. Verschiebt man eine solche Textstelle, wird die Notiz mit verschoben. Gegenseitige Korrekturvorschläge sind so sehr bequem möglich.
Zusätzlich gibt es noch ein Klemmbrett für Textbausteine, von denen man noch nicht so recht weiß, wohin damit.
Die Szenenauflistung zur Linken entsteht aus genau denjenigen Absätzen im Skript, die als "Überschrift" formatiert sind. Man kann und sollte sich also sinnvollere Szenen-Namen überlegen als "Szene 3", denn man kann in der Szenenauflistung auch eine komplette Szene am Schopf packen und woanders hin verschieben. Die Liste kümmert sich um die korrekte Nummerierung, was bedeutet, dass bspw. eine "Szene 3" hinterher an Listenposition 8 wieder auftaucht, was verwirrt. "Schlachthof" passt jedoch an jede Position (ich weiß nicht, wie ich auf "Schlachthof" komme, aber jetzt, wo ich es hingeschrieben habe, bekomme ich Lust, eine Schlachthofszene zu verfassen…)
Wie kommt man nun an ein versandfertiges Skript heran? Nun, man öffnet die Registerkarte "Formatierung/PDF" und schon nimmt Celtx die Arbeit auf. Erst jetzt wird das Skript in Seiten unterteilt, wobei nicht nur Seitenzahlen vergeben werden, sondern auch die Dialoge mit üblichen Anmerkungen beschriftet werden wie "CONT." oder "MORE". Die Skriptformatierung ist tadellos. Ausgespuckt wird erwartungsgemäß eine PDF-Datei mit Titelseite (welche in Celtx separat bearbeitet werden kann).
Dieser Skriptexport ist schlicht genial, kurioser weise aber meiner Meinung nach gleichzeitig der größte Schwachpunkt. Denn bei PDF hört es auch schon wieder auf.
Kein weiteres Textformat ist hier als Ausgabe möglich, so dass man sich mit seinem Skript auf Gedeih und Verderb Celtx ausliefert. Natürlich kann man im Editor alles markieren und kopieren, aber wenn man das dann in einem anderen Programm einfügt sind alle Einrückungen usw. futsch.
Ich bin etwas paranoid, was die Langlebigkeit meiner Texte angeht. Wer weiß, wie lange es Celtx geben wird? Ich will einfach einen Text in mehreren offenen Formaten vorliegen haben, damit ich auch in zehn oder fünfzehn Jahren eine Datei einfach öffnen und lesen kann. Hier versagt Celtx jedoch auf ganzer Linie. Auch Software, die aus PDF-Dateien wieder editierbare Klartext-Dateien macht, ist mit Vorsicht zu genießen, denn das habe ich getestet: die resultierende Textdatei bestand aus lauter ineinander verschachtelten Textfeldern anstatt aus Fließtext. So etwas lässt mir graue Haare wachsen. Wer hier als Abhilfe einen Workaround weiß, soll mir gerne einen Kommentar schreiben.
Celtx kost nix. Das ist toll und reimt sich auch noch.
Geld soll mit der Software darüber verdient werden, dass Kollaboration an einem Skript auf den Celtx-Servern ermöglicht wird, das heißt, man kann dort Speicherplatz kaufen, kommt in den Genuß einer Versionsverwaltung und kann mit anderen angemeldeten Benutzern chatten und eben an all seinen Skripten arbeiten.
Das habe ich nicht getestet, obwohl ich an einem Skript mit einem anderen Autor arbeite. Hierfür nutze ich nämlich Dropbox, doch das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal - nämlich morgen - erzählt werden…