Freitag, 21. Mai 2010

Drei heimliche Arten der Faulheit und wie man sie erkennt

Liebe Brüder und Schwestern!

Tut Muße!

Ich hatte schon seit einiger Zeit einen kleinen Abriss der wichtigsten Unterarten der Faulheit vor Augen. Nachdem ich nun durch eine intensive Mußephase gegangen bin, erscheint mir die Angelegenheit umso dringlicher. Eine Angelegenheit, die also keinen Aufschub duldet. Dass ich sie trotzdem erledige, ist bereits Teil des Problems.

Darum hier zunächst die wichtigsten Unterarten der Faulheit und ein anderes Mal die Gegenüberstellung von Faulheit und Muße, damit ihr künftig erkennt, wie echter Fleiß aussieht.

1. Faule Menschen malochen viel.

Ich bin ein glühender Verfechter des Werts ehrlicher Arbeit. Wie mein Schwiegervater neulich in der Schwitzhütte richtig bemerkte, steckt hinter dieser tief-bürgerlichen Formulierung "ehrliche Arbeit" paradoxer weise ein zutiefst unbürgerlicher Gedanke: nur diejenige Arbeit zu tun, die man wirklich und wahrhaftig tun will, der man ehrlich mit ganzer Hingabe nachgehen kann.
Das muss ein Normalbürger als Anmaßung empfinden. Sie alle machten immerhin ja irgendetwas, was sie nicht wirklich wollten. Das Leben sei ja schließlich kein Ponyhof. Es gelte, gerade die unangenehmen Dinge früh und gründlich zu erledigen, um sich nicht dem Vorwurf der Faulheit ausgesetzt zu sehen.

Interessant hieran finde ich, speziell beim berühmten Ponyhof, dass für Otto-Normal-Arbeitnehmer das Gegenmodell zur Maloche, zum Job mithin, den man ausschließlich des Geldes wegen macht, nicht etwa eine Tätigkeit ist, die dem eigenen Herzenswunsch entspricht, sondern der lustbestimmte ziellose Taumel eines Lebens auf dem Ponyhof.

Der ewige Urlaub oder die ewige Qual der Maloche, dazwischen ist nichts.

Ein Mensch, der ein solches Lebensbild lebt, ist einer der schlimmsten Faulpelze überhaupt: er ist geistig faul. Diese Menschen haben vergessen, was es heißt, einen Herzenswunsch zu haben. Meist haben sie vergessen, wie man träumt und fast immer wie man Träume in Ziele verwandelt. Das ist ja nicht schlimm. Sich an all diese Dinge wieder zu erinnern und also ehrlich zu selbst zu sein, kostet lediglich ein bisschen Arbeit.
Doch der Faule malocht lieber.

2. Kein Ziel, kein Plan: Legen wir los!


Denken kostet ohnehin die meiste Arbeit. Es zehrt an den Kräften. Und es gibt einem erst nach langer Übung das Gefühl, produktiv zu sein.
Ich habe Kisten geschleppt und Dächer gedeckt, Gruben ausgehoben und Zäune gezogen, ich habe Wände aufgestemmt und in einer Küche gearbeitet und kann sagen: Je mehr du körperlich schuftest, um so größer das Gefühl der Produktivität, desto befriedigender die Arbeit.
"Hömma, wenne deine Hände suchst: die sind in der Tasche!"
Ein großartiger Spruch aus dem tiefsten Westfalen, der das Gesicht des Träumers direkt in die Arbeit vor den eigenen Händen drückt.

So weit so gut.

Aber keine Mauer ohne Lot und Wasserwaage, keine Küche ohne Menükarte, und auch beim Wände aufstemmen muss man planen, was man tut, wie Willi weiß.
Wer loslegt, ohne dass die Denkarbeit getan wurde, sei es von ihm selbst oder von jemandem, auf den man sich hierbei verlassen will und kann, wer also einfach macht, Hauptsache, es passiert was, der nervt alle Umstehenden und Anwesenden mit einer sehr heimlichen und heuchlerischen Art der Fauhlheit: hektische Betriebsamkeit.

Hektische Betriebsamkeit macht mich aggressiv. Eine Herde Grottenolme auf dem Weg zur Häutung hat mehr Plan von seinem Tun, ein Schaf mehr Eigenständigkeit im Denken, eine Ameise hat größere Besonnenheit und Charlie Brown hat mehr Aussicht auf Erfolg als der einsame Idiot, der in hektische Betriebsamkeit verfällt.
Zuweilen steckt der einsame Idiot ein ganzes Büro oder ein ganzes Team mit seiner Tarnung an, denn hektische Betriebsamkeit ist von außen nur für den Kenner von wirklichem Arbeitsfluss zu unterscheiden. Ich will hier nicht alle Tricks verraten, aber wer die Zeit hat, kann einfach abwarten: hektische Betriebsamkeit führt nämlich zu nichts. Spätestens dann weiß man Bescheid. Das weiß der Faulpelz natürlich - deswegen überlagern und überschneiden sich bei ihm gerne drei oder vier Aufgaben, so dass man nie weiß, woran gerade gearbeitet wird. Wenn man es mit einem solchen Saboteur zu tun hat, muss man sich von ihm trennen oder ihn bloßstellen, je nachdem wie die Rahmenbedingungen sind. Sonst reißt er auf Dauer alle mit in den Abgrund.

3. Perfektionismus ist eine Mangelkrankheit

Perfektionist ist immer noch kein Schimpfwort. Das allein zeigt, dass wir mental noch immer im Kindergarten herum dümpeln. Manchmal sieht man leidlich erfolgreiche Künstler oder (sehr viel seltener!) Geschäftsleute in Talkshows mit dem Wort "Perfektionist" kokettieren, sie bescheinigen sich selbst eine solche oder ein solcher zu sein, die Umgebung habe es nicht immer leicht, aber sie seien halt nun einmal so und so weiter und so fort.

Ich halte das für einen Denkfehler.
Hallo, ihr Talkshowgäste dieser Welt! Vielleicht leidet eure Umgebung vor allem deswegen, weil es ein Kreuz ist, mit euch zu arbeiten? Vielleicht seid ihr penibel, kleinlich, verhaltet euch wie Diven oder Tyrannen oder was weiß ich - dass ihr Perfektionisten seid, ist jedenfalls die unwahrscheinlichste Option.

Warum?
Weil ihr in Talkshows auftretet. Ihr habt Erfolg. Ihr kriegt euren Scheiß gebacken.

Ein Perfektionist kriegt überhaupt nichts auf die Reihe. Ein Perfektionist wird nie fertig, und wenn doch, dann ist er unzufrieden und zeigt seine Arbeit niemandem her, verschließt sie in irgendeiner Schublade und macht sich an etwas anderes. Die ganze Zeit aber nagt der Gedanke an "die Unvollendete" in der Schublade an seiner Konzentration. Der Perfektionist ist nie da, wo er ist.
"Ich muss da noch mal dran"
"Das ist noch nicht fertig"
"Noch ein Take!"
"Es ist nicht gut geworden"
Sätze wie diese fallen einem Perfektionisten zu einer Arbeit ein, an der er bereits zehn Mal so lange sitzt wie andere aus seiner Branche.

Dem Perfektionisten mangelt es an Selbstvertrauen, an Selbstwertgefühl und oft an Können bzw. Handwerk. Perfektionisten wollen keinen Erfolg. Warum? Ich habe keine Ahnung, aber es ist zweifellos so, denn man muss sich immer nur das Ergebnis einer Bemühung ansehen, um ihr ursprüngliches Ziel zu ergründen.

Donnerstag, 20. Mai 2010

Liebe Linksalternative und Autonome...

Ich bin's schon wieder. Und ihr seid's schon wieder.

Im April 2010 streifte ich so durch die Straßen der Nordstadt, machte Fotos der pittoresken Urbanverödung und freute mich meines Lebens, bis mit einem Mal Hubschraubergebrumm, Polizeiaufwand und heiseres Gekreisch aus Megaphonen euer Kommen ankündigten.
Mein Fotoapparat hatte zwischenzeitig den Geist aufgegeben (Batterien), was mich allerdings nicht ärgerte, denn solcherlei Zusammentreffen von Vorbereitung, Gelegenheit und Vereitelung finde ich meist belustigend.

Zum Thema.

Ihr drangt in die Münsterstraße ein, wo, wie teils im Internet zu lesen ist, euer martialisches Auftreten samt Vermummung und Fahnenschwenkerei angeblich von den Eingeborenen "gut aufgenommen" wurde.

Wieder einmal habe ich den Eindruck, wenn ich es euch nicht sage, sagt es euch keiner: ihr habt amüsiert. Bestenfalls.
Dass die Leute in den Fenstern hingen, dass man Gespräch verstummen und Besorgung unerledigt ließ, um euern Zug zu bestaunen, hat nichts mit dem zu tun, was ihr euch vielleicht als Reaktion auf euere etwas herablassende Solidaritätsattitüde  wünschtet.
Seht ihr, es ist nämlich so. In der Münsterstraße und Umgebung wohnen mehrheitlich Menschen aus dem nahen Osten, Türkei, Nordafrika. Zum großen Teil mithin das, was man früher als Orient bezeichnete, aber das war zu Zeiten, als die Menschen im Gegenzug noch die Bedeutung des Wortes Okzident kannten. Da ich sozusagen orientstämmig bin, bringe ich hier mal eine Information an, die mir schon seit längerem als Klarstellung im Kopf herum geht und die euch vielleicht einen entscheidenden Schritt weiter bringt.

Der Orientale als solcher ist meist konservativ. Ihr mögt zwar meinen, die Tatsache dass einige von denen sich hier nur schwer zurecht finden und Berührungsängste mit dem haben, was ihr etwas ungenau als Gesellschaft bezeichnet, deute darauf hin, dass es Überschneidungen mit eurem Gedankengut gebe, aber da irrt ihr. Eure Eltern verstehen euch besser als die Objekte eurer en passant ausgestreuten Solidarität. Merkt es euch einfach hiermit:  Oriental = Ayşe rustikal.

So weit so gut.

Nun fielt ihr also wie ein Spielmannszug in der Nordstadt ein und einer der Anwohner nahm das Spektakel auf seiner Handykamera auf, worauf hin vermummte Kämpfer gegen Rechts ihn an der Einmündung einer Nebenstraße bedrohten und eindringlich nahe legten, mit der Filmerei auf zu hören, sonst…
Nur zur Klarstellung: ihr seid Teilnehmer in einem öffentlichen Zug. Nicht nur durfte er euch filmen, er hätte die Aufnahmen sogar veröffentlichen dürfen, ohne euere Zustimmung einzuholen. Schlagt es bei Gelegenheit mal nach.
Aber hauptsächlich fiel mir diese Szene auf, weil mir klar wurde, dass es zwar das Wort "scheißliberal" gibt, für jene hochnäsige und verlogene Art mit seiner Toleranz zu kokettieren um damit die eigene Borniertheit zu kaschieren - aber es gibt noch kein Wort für die selbstgerechte Heuchelei mit der man gleichzeitig gegen Rechts sein kann ohne im Mindesten in der Lage zu sein, auf Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund einzugehen, ihren Standpunkt einzunehmen, ganz zu schweigen davon, für sie einzustehen.
Sonst hättet ihr wahrscheinlich gemerkt, dass der Grundgedanke dieses Mannes und noch weiterer Anwohner dort nach der Kundgebung wohl eher in die Richtung ging: "Noch so ein Haufen Asis, die hier einfallen und sich nicht zu benehmen wissen…"

Und darum wird das auch vorerst nichts mit eurer Solidarität.
Das soll ja heißen, ihr verbündet euch, ihr steht ein für etwas oder jemanden. Ihr steht aber nur für euch selbst ein. Ihr fühlt euch verbunden mit gar nichts und mit niemandem, oder jedenfalls nur solange ihr nicht in echt mit dem Gegenstand eurer Solidarität in Kontakt kommt. Und wenn ihr nun meint, so war das ja auch nicht gemeint, ihr erklärt euch lediglich solidarisch mit der Linken als solchen, die Ausländer können ja mit machen oder bleiben wo der Pfeffer wächst, dann gibt es hier als Bonus noch eine Hilfestellung: Wenn man nur mit sich selbst solidarisch ist, dann heißt es nicht Solidarität. Dann heißt es Selbstsucht.

Keine Ursache.

Mittwoch, 19. Mai 2010

Aus der Stille zurück

Vier Wochen tiefster und dringendst benötigter Stille liegen hinter mir.

Ich kündige an, dass ich einen Bericht über die heimlichen Arten der Fauhleiheit schreiben muss, denn ich habe den Müßiggang wieder entdeckt und muss ihn für uns alle einmal von Faulheit abgrenzen.

Aber vorher muss ich eine frohe Botschaft zum Thema Verantwortung überbringen.

Neulich saß ich einem Meschenleser gegenüber, der binnen kürzester Zeit tief in mich hinabblickte. Und mit kürzester Zeit meine ich ca. zwei Stunden.
Es war eine Freude und unheimlich. Er lag in Dingen richtig, die Kollegen mit denen ich täglich mehrere Stunden zubrachte, erst nach Monaten heraus gekriegt haben.
Und doch lag er in einem falsch. Er nahm an, dass es in meinem Leben Dinge gab, die ich gerne änderte, wenn ich könnte; dass ich genau wüsste, um welche Dinge es sich handelte, dass ich Traumata aus der Vergangenheit benennen kann und sie richtete, wenn ich könnte. Das ist nur halb richtig.

Ich könnte sie sofort benennen. Aber um keinen Preis tilgte ich eins von ihnen aus meinem Leben.
Und zwar nicht, weil ich einfach nur erkannt habe, dass das nun mal alles zu meinem Leben gehört und ich mich voll annehme, als der der ich gerade bin. Das ist alles schön und gut, trifft aber nicht den Kern.
Ich bereue nichts von dem, was mir zugestoßen ist, weil ich weiß, dass bereits diese Formulierung zu ungenau ist. Denn alles geschah mit meiner Beteiligung.
Ich habe von Anfang an meine Entscheidungen gefällt wie alle anderen Menschen um mich herum auch. Nichts in meinem Leben geschah mir einfach wie einer unbeteiligten Person. Alles war wie ein gemeinsamer Tanz, dessen Bewegungen erst miteinander vollständigen Sinn ergeben. Darum muss ich mich auch nicht fühlen, als wäre ich entmachtet auf die Welt gekommen, in einem Scheißesturm gefangen.

Als mein kleiner Sohn fünf Sekunden alt war, wie er da auf unserem Wohnzimmerboden lag, nackt und verschreckt, da überwältigte mich die Erkenntnis, wie sehr er sich von seiner Schwester unterschied. Er war bereits seine eigene kleine Persönlichkeit. Er nahm das Leben vollkommen anders an, begegnete uns vollkommen anders als seine Schwester es tat. Innerhalb von fünf Sekunden hatte er ein paar wichtige Entscheidungen gefällt. Wie konnte das nur sein?
Soziale Prägung ist vollkommen überschätzt. In einem gewissen Sinn können wir immer nur die sein, die wir sind. Daran gibt es nichts zu ändern.

Die frohe Botschaft hieran lautet also: das Leben geschieht uns nicht.

Ich trage meinen Teil der Verantwortung. Du trägst Deinen Teil der Verantwortung. Wer sich je gefangen fühlte im undurchschaubaren Dickicht seiner Biografie (und meiner Erfahrung nach sind das fast alle, die ein bisschen in sich hinein lauschen können), kann erlöst aufatmen.
Du bist frei. Wir alle bekamen vollkommene Freiheit zum Preis vollkommener Verantwortung. Mit anderen Worten: wir stehen alle da, wo wir unbedingt hin wollten, denn alles andere erschien uns zu kostspielig.

Gib Dir einen tiefen Atemzug.