Sehr geehrte Damen,
Es freut mich, dass Sie beide bei meinem Auftritt waren. Ich glaube, wir hatten alle einen schönen Abend. Es freut mich außerdem, Post von Ihnen bekommen zu haben, denn das ist eine in Vergessenheit geratene Kunst und eine seltene Freude.
Des weiteren ist es schön, dass ich etwas in Ihnen anstoßen konnte, denn einen solchen Brief schreibt man nur, wenn man aufgewühlt ist.
Ich hatte "Stille Nacht, heilige Nacht" gespielt und etwas über den ständigen Flüchtlingsstatus der heiligen Kleinfamilie erzählt. Außerdem habe ich darauf hingewiesen, dass aus dem Sohn nichts geworden ist, dass er ohne Job durchs Land zog, dass er ständig anderen auf der Tasche lag und schließlich im Tempel herum pöbelte. Wie es dazu kommen konnte, ist klar: Jesus hatte Migrationshintergrund.
Soweit die kleine Pointe.
In salbungsvollem Ton weisen Sie mich nun darauf hin, dass Jesus geistlich gesehen niemals gescheitert sei. Dies scheine nur menschlich so.
Danke auch für diese Meinung.
Diese und eine weitere Kernaussage sind mit viel christlichem Dämmstoff eingekleidet, der den Brief bei genauerer Betrachtung bei mir hätte einschweben lassen müssen und hier nicht wiedergegeben werden muss.
Danke auch für die christlichen Kalender, die Sie meinen Kindern beigelegt haben. Ich denke, ich werde Sie lieber selbst behalten, denn meine Tochter würde sie mir wahrscheinlich befremdet vor die Schlafzimmertür legen. Sie hat mir kürzlich ihren Glaubenswerdegang so beschrieben:
"Erst habe ich gedacht, wenn man stirbt wird man ein Engel und muss die ganze Zeit Gott dienen. Dann habe ich geglaubt, wenn man stirbt kann man sich aussuchen, was man werden will, Hexe oder Vampir oder so…"
"Und was glaubst du jetzt?"
"Jetzt glaube ich, dass wir wieder geboren werden."
Unsere Kinder sind konfessionslos, weil die Kindstaufe ein Vorgang von geradezu gotteslästerlicher Dummheit ist. Ich bin gespannt, zu welchen Schlüssen über Gott meine Tochter im Weiteren noch kommt. Man kann ja so viel lernen, wenn man ein bisschen zuhört.
Zur anderen Kernaussage.
Ihnen ist einmal etwas in die richtigen Textzeilen gerutscht, was in Ihrem Brief ansonsten nur zwischen den Zeilen zu lesen ist: "Wenn Sie evangelischer Türke sein wollen…"
Meine anonymen Damen (und dass Sie als Absenderinnen anonym blieben, spielt ebenfalls eine Rolle - doch dazu später mehr)!
Kommen wir mal zu den zwei Punkten, die Ihren Brief zu einem Dokument Ihres mangelnden Gottvertrauens machen:
1. "Jesus ist nicht gescheitert."
Doch.
Ist er.
Wenn man überhaupt etwas über diesen Mann sagen kann, dann, dass er sagenhaft erfolglos war. Und zwar nach heutigen, wie nach damaligen gesellschaftlichen Maßstäben. Unverheiratet, ohne Nachkommen, ohne Einkommen, ohne Habe durchs Land gezogen, ein paar wankelmütige Gefolgsleute, Verrat in den eigenen Reihen, als Verbrecher hingerichtet. Sieht so ein grandioser Lebenslauf aus?
Es gibt wohl kaum eine andere historische Figur, aus deren Scheitern soviel erwachsen ist. Wenn man den spärlichen Dokumenten glauben darf, hat Jesus selbst sein Gottvertrauen in dem ganzen Vorgang zwischenzeitig verloren (siehe Matthäus 27.46, auch wenn es eigentlich ein Sterbe-Psalm ist).
Nehmen Sie es hin. Christ zu sein, bedeutet, Vertrauen in den Vorgang des Scheiterns zu haben. Wenn Ihnen dieser Umstand so viel Angst macht, begeben Sie sich ins Gebet. Falls Sie diesbezüglich Mitteilungsbedürfnis haben, akzeptieren Sie zumindest den Beginn eines Gesprächs und nennen Sie Ihre Namen; Sie könnten sonst versehentlich den Eindruck machen, als wollten Sie mir etwas aufzwingen, damit es Ihnen besser geht.
2. "Wenn Sie evangelischer Türke sein wollen…"
Ihr Brief ist von einem überbordenden Missionierungsdrang beherrscht, der Sie zur Annahme verleitet, mir meinen Glauben erklären zu müssen.
Ich nehme stark an, dass Sie sich fühlen, als hätten Sie etwas zu geben. Dabei wollen Sie in erster Linie, dass ich Ihnen etwas nehme:
die Angst, falsch zu liegen.
Wenn Ihnen eine kleine Pointe schon so viel Angst einjagt, wie ist es dann um Ihren Glauben bestellt? Verträgt ihr Weltbild eigentlich die Tatsache, dass unglaublich viele Menschen da draußen anderer Meinung sind? Können Sie sich vorstellen, dass es Gott vollkommen egal ist, ob man an sie glaubt? Wenn ihr Gottvertrauen groß genug ist, dass es solche Allerweltsdinge wie Zweifel, Meinungs- und Glaubensvielfalt, Atheismus und Wandel zulässt, sind Sie vielleicht auch bereit, auf "Empfang" umzuschalten. Das ist nämlich die schöne Doppeldeutigkeit des Wortes "Mission" und der Grund, warum ich allergisch auf Missionierung reagiere. Sie fühlen sich ausgesandt und sind auf "Sendung", eine Antwort wollen Sie jedoch nicht und bleiben lieber anonym. Es drängt sich ein Bild auf: Sie sitzen da, reden unablässig auf mich ein und halten die Zeigefinger tief in den Gehörgang. Dabei heißt es doch, wer Ohren hat, zum Hören, der höre!
Wer missioniert, dokumentiert sein mangelndes Gottvertrauen.
Wie ich in einem anderen Text mal zusammen gefasst habe:
In der Wahrheit können eine Aussage und ihr Gegenteil widerspruchslos vereinigt werden.
Das Bild von der Welt, das am ehesten der Wahrheit entspricht, ist stets um jeden Widerspruch, auf den es getroffen ist, bereichert worden.
Nicht der Widerspruch muss aus der Welt geschafft werden. Die Welt muss in den Widerspruch hinein.
Amen und Over.
Dienstag, 21. Dezember 2010
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