Dienstag, 18. Januar 2011

Gedächtnis und Erinnerung

"Ich habe das Gefühl, ich war gar nicht da."

So fasste das Töchterchen die Zeit zusammen, an die sie sich nicht erinnern kann. Das Langzeitgedächtnis wird erst ab einem bestimmten Zeitpunkt befüllt, so sagt man. Obwohl das nun jeder bestätigen könnte, wackelt allein diese Aussage an so vielen Stellen, dass sie schön veranschaulicht, welch ungreifbares Konzept hinter dem Begriff Gedächtnis steckt.

Man kann dem Gedächtnis nicht trauen. Seine Erinnerungen garantieren nicht, dass man etas auch wirklich erlebt hat, über manche Dinge verrät es einem nichts und was man schließlich noch weiß, muss man noch lange nicht voll verstanden haben...

Die frühesten Erinnerungen der meisten Menschen setzen irgendwann im dritten oder vierten Lebensjahr ein. Wenn man sich als Vater vor Augen hält, wie viel Leben, wie viel Nähe und gemeinsame Zeit man bis dahin mit einem Kind hatte, dann kann es einem ganz anders werden. Stürbe man in dieser Zeit, behielte das Kind nicht einmal ein Gesicht im Kopf. Es würde als erwachsener Mensch dereinst behaupten, seinen Vater nie kennen gelernt zu haben. Tatsächlich kenne ich diesen Satz von einem Freund, dessen Vater früh starb. Ich habe wenig Erinnerungen an meinen leiblichen Vater, auch wenn ich ihn erst mit 11 Jahren das letzte Mal sah. Wenn man die verlebte Zeit der Erinnerungen aufaddiert, kommt man maximal auf ein paar Tage.
Wer noch beide Elternteile hat, kann sein Gedächtnis ja anhand weit weniger dramatischer Ereignisse testen und die Nervenzellen nach einem sehr schönen Urlaub befragen. Immerhin sind Ferien und Urlaub Gelegenheiten, viele neue Eindrücke zu sammeln. Die bleiben ja gerne besonders stark haften. Wie viel bleibt übrig? Das Langzeitgedächtnis sollte seinen Dienst im Erwachsenenalter bereits sehr viel besser verrichten, als im Kleinkindalter - und doch behält man nicht viel mehr als einen Flickenteppich von Gesichtern und ein paar tiefen Atemzügen irgendwo in der Landschaft.
Nur weil man etwas besonderes erlebt hat, heißt das noch lange nicht, dass man sich daran erinnert.

Damit nicht genug.
Der Inhalt des Gedächtnisses selbst ist außerdem auch noch massiv in Zweifel zu ziehen. Menschen konstruieren sich Erinnerungen zurecht. Man kann Menschen dazu bringen, sich an Ereignisse zu erinnern, die sie nie erlebt haben. Dazu braucht es keine Hypnose. Eine simple Fotomontage kann da ausreichen, wie Versuche gezeigt haben. Bugsierte man Bilder von Versuchspersonen in Aufnahmen von Kirmesbesuchen, waren sie plötzlich in der Lage, einem allerlei Details eines solchen Tages zu berichten.
Dass man sich an etwas erinnert, heißt noch lange nicht, dass man es auch erlebt hat.

Unangenehmes oder Unverständliches verbirgt das Gedächtnis gerne vor seinem Wirt. Das Konzept der Verdrängung ist sehr erfolgreich, denn es hilft Menschen, Traumata und große Schrecken zu überleben. Probleme entstehen, wenn die Umstände sich ändern, aber die Person an dem alten Überlebensmechanismus festhält. Die Eindrücke, die ein bestimmtes Verhalten hervorgerufen haben, sind ja vor einem verborgen. Man kann sich also nicht selbst zur Räson rufen. Folglich rennt man in gewisser Weise ferngesteuert von den eigenen Traumata durch die Gegend und verhält sich unangemessen.
Nur weil man sich an ein Erlebnis nicht erinnert, heißt das noch lange nicht, dass man nicht von ihm gelenkt wird.

Meine "Pflegeschwester" konnte sich noch daran erinnern, dass sie und ihr damaliger Freund mich zur Betreuung bei meiner leiblichen Mutter aus Lünen abholten, als meine Schwester ungefähr 16 Jahre alt war. Diese Erinnerung verwirrte sie. Meine leibliche Familie lebte damals nicht in Lünen. Warum wurde ich in Lünen abgeholt? Die Verwirrung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Ihr damaliger Freund ist ihr heutiger Mann. Er ist ein paar Jahre älter. Er hatte damals die entscheidenden paar Jährchen mehr Lebenserfahrung und konnte sich - getrennt befragt - entsinnen: Meine Mutter hatte fluchtartig mit mir die Wohnung verlassen und sich in einem Hotel einquartiert. Er hatte die Situation bereits damals voll verstanden und entsprechend abgespeichert. Meine Schwester hingegen betrachtet die Erinnerung hieran auch im Alter von rund 50 Jahren immer noch mit dem geistigen Horizont einer Sechzehnjährigen. Sie kann gar nicht anders. Ihr Gedächtnis ist so beschaffen. Man kann nicht Fakten aus dem Gedächtnis abrufen wie aus einer Festplatte, um sie dann objektiv zu analysieren. Man kann sich maximal ins gleiche Unverständnis zurück versetzen, das man einst hatte. Es erinnert sich immer die Person, die man zum Zeitpunkt des Erlebens einer Erinnerung war.

Nach all diesen Fragezeichen hinter unserem Gedächtnis drängt sich die letzte Frage auf: Was bleibt uns von unserem Leben?
Wer sind wir, ohne unser Gedächtnis? Wir müssten uns bei jeder Situation jeglichen Urteils enthalten, denn ohne Gedächtnis kein Deutungshorizont. Alles bliebe im Unbestimmten, einschließlich unseres Ichs.
Meine Großmutter hatte einmal rund zwei Stunden, um mir von ihrem Lebenslauf zu erzählen. Heraus kamen circa fünfzehn Minuten vor dem Krieg, fünfzehn Minuten für die gesamte Zeit von 1945 bis 2009 - und sehr viele Eindrücke aus dem Krieg selbst im Rest der Gesprächszeit. Rund vier Jahre Schrecken. Die Bilanz eines Lebens? Was ist mit ihren Glücksmomenten, ihrer Kindheit?
Hat mein Freund wirklich seinen Vater nie kennen gelernt? Wo sind die väterlichen Berührungen hin, die Gerüche der Kleidung, der Klang der Stimme?

Ich glaube, Gedächtnis und Erinnerung sind zwei verschiedene Dinge. Erinnerung geht tiefer. Sie ist ohne Gestalt. Sie hält sich länger.
Wenn man zur Ruhe kommt, wenn man mal nichts tut, wirklich einfach auf der Couch sitzt und nichts tut, nicht einmal meditieren… dann sinkt man unweigerlich in sich selbst ein, wie in lichter Watte. Und dort, jenseits aller Deutung und Emotion findet sich der formlose Eindruck eines ganzen Lebens, gleichermaßen destilliert in einem einzigen Gefühl.
Darum schrecken die meisten vor einem innigen Besuch dieses Orts zurück: man weiß ja nicht, worauf man dort trifft. Auf Angst oder auf Liebe.