Hallo 2011,
wir kennen uns noch nicht so lang, aber Du hast mich bereits ganz für Dich eingenommen. Ich habe den Eindruck, Du steckst bis unter die Hutkante voll mit Musik, was ich herrlich finde, denn da stimmen wir beide voll überein.
Auch scheinst Du mir in vielerlei Hinsicht ruhiger zu sein als Deine Schwester 2010 - das passt mir ganz gut. Nicht, dass ich irgendetwas gegen 2010 zu sagen hätte. Wir hatten großartige Zeiten. In der Tat kann ich mich an kein anderes Jahr erinnern, in dem ich derart durchgehend großartiger Stimmung war; selbst zu Zeiten mieser Laune. Diesen Gegensatz kann wohl nur verstehen, wer ebenfalls jenen Satz von sich sagen kann, den ich als meine Quintessenz des Jahres 2010 ermittelt habe:
Ich will genau da sein, wo ich bin.
Allerdings riechst Du auch nach Veränderung, 2011. Das ist ein Duft, der gleichermaßen berückend wie beängstigend ist. Wenn Du Dir meine letzten Beziehungen zu Deinen Schwestern so anschaust, wirst Du feststellen, dass viele von Ihnen diesen Duft an sich trugen.
2008 war eine stürmische Draufgängerin. Ich wusste selbst nicht mehr, wo mir der Kopf steht und habe mich am Ende gar nicht mehr wieder erkannt. Leider hat mir das Miststück auch jede Menge Schmerzen bereitet.
2009 war eine Übergangsfreundin. Tut mir leid, dass so sagen zu müssen, aber sie konnte nicht von Dauer sein, oder jedenfalls hat sie mir klar gemacht, dass nichts von Dauer ist. Dafür hat sie mir einen großen Wechsel, beziehungsweise eine große Veränderung erleichtert. Ich denke voller Dankbarkeit an sie zurück.
2010 war ein großartiger Fick.
Kann man nicht anders sagen.
Die Zeit zog wie im Rausch an mir vorüber. Im Hinblick auf viele Feiern mit großartigen Künstlern um mich herum muss man sogar vielmehr sagen: Die Zeit zog im Rausch an mir vorüber.
Gleichzeitig habe ich das erste Mal mein volles Potential gespürt. Es ist wie ein Märchen, in dem ich selbst der Wunsch bin, der hier in Erfüllung ging.
Nun hat sie mich verlassen und Dich hierher geschickt. Ihr habt in eurer Familie komische Sitten, die Männer so an die Schwestern weiter zu reichen, aber ich will mich nicht beschweren. In ihrem Abschiedsbrief hieß es nämlich, dass nichts mir die Erfahrungen mit ihr nehmen kann. Und das war ja schließlich und endlich der Grund, warum ich mich überhaupt auf sie eingelassen habe. Sie bleibt mir also ein bisschen erhalten, wie all ihre Vorgängerinnen.
So reicht ihr mich also weiter, und ich werde jede von euch mit Kusshand in Empfang nehmen, bis mich schließlich eine von euch überleben wird.
So ist das nämlich mit meiner Familie. Wir sind samt und sonders vergänglich.
Deswegen lass uns keine Zeit verlieren.
Willst Du mit mir gehen?
Montag, 3. Januar 2011
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