Das Geld ist nun also alle, aber die gute Nachricht ist: die Repräsentationskultur zwischen Großprojekt und Opernhaus kann wieder sein, was sie von jeher war - die Spitze des Eisbergs nämlich.
Die Kulturhaupstadt ist nun auch wieder das, was sie schon immer war. Eine zerfaserte Region, die vor großartiger Kultur überquillt, die sich meist einen Scheiß drum kümmert, ob irgendjemand außerhalb Notiz nimmt (und die sich im Übrigen von Geldmangel nicht beeindrucken lässt). Da laufen vielleicht sonderbare Leute herum. Da wird Bier statt Sekt getrunken (und zwar nicht zu knapp). Da wird auch mal herumgeschrien oder man sitzt mit zehn Leuten da und weint leise vor sich hin, weil man nicht fassen kann, dass man diesen wunderbaren Augenblick nur mit so wenigen wildfremden Menschen teilen kann.
Aber so sieht Kultur nun mal aus, wenn es nicht nur darum geht, andere zu beeindrucken.
Ich möchte euch also alle einladen, nach dieser besinnungslosen Geltungssucht-Orgie des letzten Jahres an einer Rückbesinnung teilzunehmen. Dortmund (und eben von mir aus auch die Region) hat derart aufregende Kulturszenen, dass man jeden Tag unterwegs sein könnte, um sich irgendetwas tolles anzusehen.
Beispielsweise Musik.
Neulich wurde ich von einer Zugereisten gefragt, wo man denn in Dortmund so hingehen könne, wenn man Musik sehen wolle. Damit war ganz eindeutig nicht das Schauspielhaus, die Oper oder das Konzerthaus gemeint. Ich beginne hier mal aufzulisten, bestimmt habe ich Dinge übersehen. Ich hoffe also darauf, dass ggf. Leser die Liste bereichern…
Gitarren-Café im Fritz-Henssler-Haus
jeden ersten Dienstag im Monat
http://www.fhh.de/veranstaltungen/index_termine.htm
Eine Beschallungsanlage vom allerfeinsten auf der professionell ausgeleuchteten Bühne, Bistrotische und ein Raum vollgestopft mit ultrakritischen Gitarrenprofessoren zwischen 40 und 60 Jahren. Hier habe ich magische Momente erlebt, sowohl auf, als auch abseits der Bühne. 14jährige Wunderkinder spielen moderne Meister, Hausfrauen aus Essen vertonen Selbstgedichtetes und schnoddrige Gitarren-Antiquitätensammler spielen den Blues. Ohne Ti-Äitsch.
Hier wird Gitarre gespielt; jeder darf ran. Den Opener macht seit einiger Zeit eine hierfür gedungene (Semi-)professionelle Truppe, aber ansonsten ist Dilettant und Gitarrengott gleichermaßen aufgerufen, sich herzuzeigen. Die offenen Weihnachtsfeiern (Mitbringbuffet!) sind stets besonders besonders.
Akkordeon-Café im Fritz-Henssler-Haus
jeden ersten Mittwoch im Monat
http://www.fhh.de/veranstaltungen/index_termine.htm
Akkordeon-Café.
Ernsthaft.
Grad entdeckt. War ich noch nie. Werde ich aber ändern. Wer Lust hat, mich zu begleiten, funkt mich an.
Fritz-Henssler-Haus
Das FHH ist generell eine Top-Adresse für Konzerte, die leicht abseits vom Mainstream liegen. Hier habe ich Tommy Emmanuel erlebt und Don Ross und Andy McKee. Im Bistro. Mit Meet & Greet. Schluck das, Youtube!
Talentschuppen im Subrosa
am letzten Donnerstag im Monat
http://www.hafenschaenke.de/schedule.html
Das Subrosa ist einen eigenen Eintrag wert, aber zuvor ein Wort über den Talentschuppen: Hingehen! Hier ist mal wieder offene Bühne, aber im Gegensatz zum Gitarrencafé kann man hier auch mit Hang-Drum aufkreuzen, A capella singen oder sich nackt ausziehen. Boris Gott leitet das Ganze mit der üblichen Rampensau-Verve und wenn der Liebling des Abends gewählt ist, wissen alle, dass hier die wahren Superstars geboren werden.
3Klang Bonsai-Festival im Subrosa
Termine hier: http://www.daddyweyland.de/?page_id=259
Das Subrosa ist einen eigenen… ähh Moment.
Das 3Klang-Festival ist eines jener Musikereignisse, die einem als Zuschauer das Gefühl geben, Teil von etwas besonderem zu sein. Drei geladene, teils überregionale Bands spielen je ca. 30 Minuten und hinterlassen meist einen so intensiven Eindruck beim Publikum, dass man stets wünscht, es möge noch nicht aufhören. Ich weiß aus sicherer Quelle, dass das Lineup der kommenden Konzerte beim 3Klang derart spektakulär wird, dass ich versucht bin, die Ausgabe von Dauerkarten anzuregen. Lasst euch das nicht entgehen.
Das Subrosa.
Über das Subrosa werde ich in den kommenden Tagen einen eigenen Text schreiben, denn es handelt sich um nicht weniger als um das Kongresszentrum der freien Künstlerschar Dortmunds, das schangelige Wohnzimmer ehemaliger Dortmunder Innenhofkinder, die erste Anlaufstelle für Kultur am Abend, Unmengen Bier und einen Satz heiße Ohren, direkt vom Wirt.
Im Takt der Stadt - Musikreihe im Bam Boomerang
Jeden Dienstag!
http://www.bam-boomerang.de/pages/im-takt-der-stadt.php
Wenn man am Kneipentisch sitzt und die Füße direkt auf der Bühne ablegen kann und dann nicht sicher ist, ob man Akustik-Metal, Countryballaden oder sexy Retrorockerinnen aus Bochum serviert bekommt, dann ist man wohl im Bam Boomerang gelandet.
Bluesstammtisch im Trödler
Termine hier: http://www.bluesstammtisch.de/about.php
Da war ich noch nie. Das klingt paradox, denn wenn man mir alles wegnimmt, mich nackt auszieht und an der Haut kratzt kommt nichts anderes als Blut und Blues zum Vorschein.
Aber die Bluespuristen haben mir immer ein gewisses Unbehagen bereitet. Und Bluesstammtisch klingt nach Bluespuristen. Ich liege bestimmt falsch und werde mich durch einen Feldversuch widerlegen. Hat wer Bock mitzukommen?
Jazz am Dienstag (1. und 3.)
http://troedler-einstein.de/?p=70
Ebenfalls im Trödler wird regelmäßig gejazzt. Auch hier gilt, hingehen und selber prüfen, denn da ich kein Jazzer bin und wohl auch keiner mehr werde, kann ich nichts anderes hierüber sagen, als dass es da ist.
Jazzsession im Café Corso
http://www.projazz.de/Konzerte/Monday%20Night%20Session/session%20corso/
Auch im Corso wird gejazzt - Rhythm Section scheint immer da zu sein, und wenn die Ladies & Gentlemen aufeinander eingestimmt sind, kann mit dem Rest der Mucke eigentlich nicht mehr viel schief gehen…
Jazz-Session, jeden Montag im Domicil
http://www.domicil-dortmund.de/
Soweit ich weiß, wurde das Domicil Dortmund in einem amerikanischen Jazzmagazin zu einem der hundert besten Jazzclubs gewählt. Weltweit.
Wer sich noch an den miesen Keller in der Leopoldstraße erinnert, weiß, dass man nicht viel Repräsentation für wahre Größe braucht, aber das neue Domizil des Domicils macht natürlich mehr her.
Rock-Session Kultur-Bistro Legato im DKH
jeden Mittwoch
Leopoldstr. 50-58
Das Dietrich-Keuning-Haus setzt hier eine Tradition fort, die im Cosmotopia/Neotopia irgendwann ein Ende fand: die offene Bühne für Rockmusik. Wie immer bei offenen Bühnen kann man an einem solchen Abend als Zuhörer Glück haben - oder unsägliches Pech. Aber wer das Risiko scheut ist mit einem Abonnement der öffentlich subventionierten Sicherheitskultur ohnehin besser beraten.
Ergänzung vom Schlakks:
"Hinzuzufügen hätt' ich noch die Freistil-Session im Domicil, jeden 3. Mittwoch im Monat. "Funk Rock Soul Rap Jazz"...nach der Opener-Band um Sista Silk und Kid Mo ist die Bühne offen, oftmals eine schöne Verschmelzung von Musikstilen, es wird gefunkt, gejazzt, gerappt...teils echt gute Musiker dabei, schön. Und wer, wenn's sich gegen halb 1 dem Ende neigt, noch heiß ist, zieht weiter ins Legato, wo man dann so einige Gestalten aus dem Domicil wieder trifft."
Soweit regelmäßige Musiktermine, wie ich sie mir gerade aus dem Hut zaubere. Habe ich was vergessen? Bestimmt! Teilt es mir mit, ich nehme es mit in die Liste auf. Und dann lasst uns da raus gehen und Musik hören, wie sie nicht im Radio kommt, wie man sie nur da draußen erleben kann, wie man sie nicht per Filesharing auf den Rechner bekommt. In Echt.
Mittwoch, 5. Januar 2011
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2 Kommentare:
Danke für diesen tollen Beitrag! Nicht nur Zugereiste haben sich schon häufiger gefragt, wo man in Dortmund gute Musik findet.
Und du konntest Andy McKee live sehen? Beneidenswert :)
Jo, das war ein grandioses Konzert. Darum: Augen auf, und die FHH Terminliste studiert!
^^
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