(zu den anderen Artikeln der Reihe "Werkzeug für Autoren")
Handschriftliche Notizen kommen durch Services wie Evernote und mobile Endgeräte mit ausreichend großer Tastatur ein wenig außer Mode. Allerdings bin ich ein großer Verfechter traditioneller Schreibmethoden und Datenspeicher. Gleichzeitig bin ich begeisterter Evernote-Nutzer.
Livescribe kombiniert beide Welten. Livescribe ist 19. Jahrhundert meets 21. Jahrhundert.
Livescribe ist ein Unternehmen, welches sogenannte Smartpens und passende Notizbücher herstellt und vertreibt. Der Smartpen ist ein Kugelschreiber, der außerdem noch folgendes enthält:
- ein Mikrofon
- einen Lautsprecher
- eine Infrarotkamera
- ein Display
- eine Recheneinheit
- ab 2 bis ca. 16 GB Speicher, je nach Modell
- einen USB Anschluss
- einen Eingang für ein Stereo-Mic/Kopfhörer Headset
Was kann man damit machen?
Nun, das läuft so: Man schlägt sein Notizbuch auf, tippt mit dem Stift auf die aufgedruckten Record/Play/Pause Knöpfe auf dem Papier, um beispielsweise eine Aufnahme zu starten und macht dann während eines Gesprächs handschriftliche Notizen. Am Ende der Aufnahme kann man irgendwo im Notizbuch auf eine Notiz tippen und hört, was zu dem Zeitpunkt des Niederschreibens der Notiz gerade gesagt wurde.
Das ist so abwegig, dass man es sehen muss, um es voll zu begreifen.
So etwas funktioniert über stundenlange Gespräche hinweg, denn in der kleinsten Speicherversion kann man bereits über hundert Stunden Audio in mittlerer Qualität aufzeichnen. Neben der reinen Steuerung der Audio-Aufnahme kann man über das Papier aber auch Lesezeichen anlegen (die man nach Beenden der Aufnahme über Papierknopfdruck auch wieder ansteuern kann), die Lautstärke sowie andere Einstellungen des Stiftes regeln, oder einen standardmäßig aufgedruckten Taschenrechner benutzen.
Die Interaktion Papier/Stift kann auch über Drittanbieter erweitert werden. So gibt es Software, mit der man das Notizbuch in einen Übersetzer verwandeln kann: deutsches Wort aufschreiben, der Stift gibt die Übersetzung aus.
Oder man malt eine Zeitangabe im Format hh:mm:ss und der Stift macht auf Kommando (d.h. Druck aufs Papier) einen Countdown. Das ist zum Beispiel nützlich fürs Brainstorming, welches ja mit Zeitbegrenzung laufen soll.
Was stellt man am Ende mit seinen Notizen an?
Da der Stift am Rechner angeschlossen werden kann, kann man die handschriftlichen Notizen sowie das Audiomaterial auf eine Desktopsoftware übertragen, die alle Notizen sauber verwaltet. Die Verknüpfung zwischen Notiz und Audio bleibt dabei erhalten, das heißt, man kann mit der Maus auf sein Gekritzel tippen und man hört wieder, was zu dem Zeitpunkt gesagt wurde. Eine solche Datei kann man auch separat abspeichern, in einem sogenannten "Pencast".
Das Spezialpapier von Livescribe ist mit einem sehr feinen kaum sichtbaren Punktmuster übersät, welches dieses technische Wunder erst möglich macht. Das bedeutet, man muss das Papier benutzen. Entweder kauft man die Notizbücher von Livescribe oder man druckt das Papier samt Muster via Software selbst aus. Hierzu benötigt man aber einen postscriptfähigen Laserdrucker.
Ich kaufe einfach Notizbücher. Die Kosten halten sich in Grenzen (beispielsweise 19 Euro für vier Bücher mit je 160 Seiten).
Sind die Notizen im Rechner kann man die handschriftlichen Notizen auch durchsuchen. Die Volltextsuche über meine Sauklaue von Handschrift war dabei erstaunlich erfolgreich. Ich habe mir keine Mühe gegeben, besonders leserlich zu schreiben und Livescribe hat alle Stichwörter gefunden und hinterlegt die Fundstellen dabei mit gelber Farbe.
Für Evernote-Nutzer besonders interessant ist die Kooperation zwischen Livescribe und Evernote. Alle Notizen können als Audio, Bilddatei oder mit beidem automatisch in Evernote abgelegt werden. Auf die Art werden die Notizen direkt im momentan besten Notizenspeicher abgelegt, der sich denken lässt.
Was geht noch?
- Stereo-Audioaufnahmen über das mitgelieferte Stereoheadset
- Transkription der handschriftlichen Notizen in Textdateien über kostenpflichtigen Drittanbieter (nicht getestet)
- Archivierung alter Notizen. Wenn das Buch voll ist, oder der Speicher im Stift verbraucht, kann man die Notizen im Archiv ablegen. Damit kann man dann Speicher freimachen, verliert aber die Verbindung zwischen Buch und Stift, die fürderhin nur noch im Archiv enthalten ist.
- Online-Konvertierung der gesamten Notiz-Session in einen interaktiven Flash-Film
- Konvertierung in PDF (nur Bild) oder natives Format (Bild und Audio)
- man kann in einem Gespräch auch nur die Audioaufnahme im Stift starten und keine Notizen machen. Falls man später, beim reinen Nachhören, beginnt Notizen zu machen, werden diese auf die bekannte Art und Weise mit dem Audiomaterial verknüpft. In manchen Gesprächssituationen äußerst praktisch, wenn man sich ganz auf die Unterhaltung konzentrieren möchte.
Gibt es auch Nachteile?
Klar.
- Die Evernote-Verknüpfung ist noch inkonsequent, denn noch kann Evernote nicht selbst die sogenannten Pencasts abspielen. Die Desktopsoftware muss also auf dem Rechner installiert sein. Da Evernote aber davon lebt, dass man es eben nicht nur auf dem heimischen Rechner nutzt, ist das ein Nachteil. Allerdings hat die Kooperation der beiden Dienste erst kürzlich begonnen. Da steht noch einiges ins Haus.
- Die Pencasts können nur online in Flash konvertiert werden. Man kann die resultierende Flashdatei aber nicht herunterladen. Wer den Pencast sehen will, muss sich registrieren. Das nervt. Kaum jemand, der den Stift nicht hat, wird sich das antun wollen, um zum Beispiel ein Protokoll einer Sitzung zu sehen.
- Es gibt keine kleine Abspielsoftware für die Pencasts. Damit ein Pencast also so leicht zu öffnen ist wie eine PDF-Datei, muss noch ein bisschen was passieren. Denn keiner, der nur die Notiz sehen will, hat Lust, gleich die komplette Desktopsoftware zu installieren.
- Ich rate überhaupt von der Nutzung des Online-Dienstes ab. Die Speicherung der Pencasts ist zwar standardmäßig von der Öffentlichkeit abgeschirmt - mit anderen Worten, andere können die Datei nur sehen, wenn man sie explizit dazu einlädt. Aber es gibt kein Statement von Livescribe zur Datensicherheit. Die Übertragung ist nicht verschlüsselt, und auch die Daten liegen hinterher unverschlüsselt auf dem Server. Wenn man also Besprechungen oder Interviews mit vor allem sensitivem Audiomaterial aufnimmt, behält man diese Daten besser lokal.
- Nicht direkt ein Nachteil, eher eine Benutzungsanweisung: man muss natürlich die Gesprächspartner davon informieren, was man gerade tut, denn unerlaubte Audioaufnahmen von Gesprächen sind unzulässig.
Fazit:
Als ich diese Technologie das erste Mal benutzt habe, dachte ich, ich bin in der Zukunft. Endlich!
Die Begeisterung hält an. Wer viele Notizen macht, wer sich oft mit anderen bespricht, wer Interviews führt, wer in Lernsituationen ist, findet hier ein Produkt, welches wirklich einmal den abgenudelten Begriff "innovativ" mit Bedeutung füllt. Kaufempfehlung!
Donnerstag, 6. Januar 2011
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