Dienstag, 22. März 2011

Werkzeug für Autoren: introspektives Schreiben

Introspektives Schreiben ist eine Form des automatischen Schreibens.

Beim automatischen Schreiben kommt es auf einen von jeglichem Kritisieren ungestörten Schreibfluss an. Gerade für Autoren, die sehr kontrolliert, stilsicher und formbewusst schreiben, ist es daher ein wenig wie Urlaub von der eigenen Pedanterie. Es kann den eigenen Stil auffrischen, neue und ungewöhnliche Gedanken hervorrufen und auch die Lösung einiger Schreibprobleme sein. Man kann Ideen finden, es als Brainstorming-Methode nutzen oder mit wirklich sehr tief verborgenen Teilen des eigenen Selbst in Kontakt treten.

Automatisches Schreiben funktioniert so, dass man beginnt zu schreiben, am besten ohne Satzzeichen, und einfach auf gar nichts achtet. Außer auf die Tatsache, dass man weiterschreibt. Unsinn befreit und ist erwünscht. Einem kontrollierten Satzbau ist zu misstrauen.

Introspektives Schreiben fügt noch ein zwei Randbedingungen hinzu, die meiner Meinung nach sehr förderlich für den Prozess sind:

Ich schreibe am Rechner - mit geschlossenen Augen. Hierfür muss man entweder einen Schreibmaschinenkurs kaufen, bzw. belegen oder aber seit Jahren geschrieben haben als hätte man nichts besseres zu tun gehabt. Bei mir trifft zweites zu. Wenn man die Fingerspitzen über die Tasten huschen lässt ohne hinzusehen, kann man am Rechner einen Schreibfluss erzeugen, der mit noch weniger Reibung vor sich geht als mit dem besten Füllfederhalter. Man kann auf diese Art sehr schnell schreiben, schneller als auf Papier, vor allem aber schneller als der eigene kopfinterne Kritiker - und darauf kommt es an.
Unsere Fähigkeit, laufend zu hinterfragen, was wir zu tun im Begriff sind, ist ein großer Segen, denn ansonsten liefe ich im Sommer nackt durch die Öffentlichkeit, würde bei jedem Parkwutanfall fremde Windschutzscheiben demolieren und äße morgens, mittags und abends Schokoladeneis. Nackt, fett und gewalttätig landete ich also früher oder später in der Klapse.
Beim kreativen Chaos allerdings ist der Kritiker nicht nur überflüssig - er schadet. Und er nervt hochgradig. Wer etwas erschafft, will vor allem spielen. Und spielen macht ohne Bewertung am meisten Freude. Der Kritiker kann später, wenn aus dem Chaos Form gewonnen werden muss, hinzu gezogen werden! Dann ist es noch früh genug.

Bis dahin also, Augen zu, den Kopf am besten nach hinten abstützen und leicht nach oben richten. Grad so gemütlich, dass man nicht direkt weg pennt. Die Arme ein wenig ausgestreckt und los geht es. Es hilft im Übrigen, wenn man sich vorstellt, das Gehör nach hinten auszurichten. Warum das so ist, weiß ich nicht, aber es hilft, aus den Regionen des Kopfes heraus zu kommen, in denen der Kritiker sich tummelt.

Man sollte sich ein Zeitlimit setzen. Innerhalb dieser Begrenzung ist die Freiheit um so größer, denn erstens will man die kostbare Zeit nicht mit Denken verschwenden, und zweitens habe ich oft erlebt, dass vollkommene Spielfreiheit innerhalb eines begrenzenden Rahmens oft die schöpferischen Kräfte zu ungeahnten Höhen treibt. Vielleicht braucht man ein bisschen Restreibung, vielleicht mag der Geist die Herausforderung, das weiß man nicht.
Außerdem hilft einem das Zeitlimit, sich nicht rettungslos in den eigenen Assoziationsketten verlieren. Unvorbereitet und mit ungünstiger Stimmungslage kann einen diese Übung nämlich ganz leicht aus dem Alltagsgeschehen werfen.

Ein wichtiges Zeichen dafür, dass man sich aus dem Fluss des automatischen Schreibens entfernt, sind Pausen. Pausen sind meist Denkpausen. Denken aber ist unerwünscht. Wenn der Lärm der Tasten abebbt, weiß ich, es läuft was schief und tippe etwas. Vorzugsweise Wörter, und zwar wirklich vollkommen schnurz welche. Aber wenn die Verzweiflung gar zu groß wird, tun es auch wilde Buchstabenkombinationen, aus denen - wenn man viel Glück hat - Wörter erwachsen können. In solch schönen Augenblicken läuft das introspektive Schreiben zur Hochform auf, denn man erreicht einen Zustand, in dem der Text sich selbst träumt.

Schließlich und endlich kommt das Aufräumen. Die Schreibsoftware hat mich mit ihrem Zeitlimit ans Aufhören erinnert und ich finde ins normale Autorendasein zurück. In diesem allerdings starre ich dann nicht selten auf einen Haufen Wörter, die man vielleicht unter Pseudonym beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb vorlesen kann, aber ganz bestimmt nicht als eigenen Text ausgeben will.
Das macht aber nichts. Denn ich verfüge ja über ein ausgezeichnetes Werkzeug für diese Phase der Arbeit: den kopfinternen Kritiker. Hier darf er sich austoben, Passagen per "Entf" ins ewige Vergessen schicken, Absätze neu ordnen, das Ende an den Anfang stellen und was dergleichen Späße mehr sind. Nicht selten jedoch ist er, der sonst nie die Klappe hält, auffällig still. Weil er sich wundert, was da aus mir heraus gekommen ist. Und dann zucken wir mit den Schultern und bewahren die seltsamsten Gedanken in einem kleinen Kästchen auf, das wir immer dann öffnen, wenn wir in der Stimmung sind, jemanden zu bestürzen.

3 Kommentare:

Nico hat gesagt…

Aber danach bitte den Text wieder überarbeiten.. Um sich noch weiter aus der Welt (mit Stuhl, Tisch und Computer) zu entfernen helfen natürlich auch große Kopfhörer, aus denen was rauskommt. Dann ist Schreiben wie Klavierspielen.

Maria Kempf hat gesagt…

ja, von dieser Methode habe ich auch schon mal gehört. wenn einen mal wieder die Abneigung gegenüber der eigenen Schreibe packt (passiert mir manchmal), ist das automatische Schreiben vielleicht auch ganz gut, um wieder rauszukommen aus dem Sumpf. jetzt muss ich es nur noch ausprobieren - obwohl meine Tippfähigkeiten für das von dir vorgeschlagene am Computer Schreiben zu schlecht sein dürften. also zurück zu Kuli und Papier... danke für den ausführlichen Post!

Gruß
Maria

Pardette hat gesagt…

Das klingt irgendwie hervorragend, nach allerhand schlauen Trancetechniken und für so eine Syntaxwahnsinnige wie mich im Übrigen ausgesprochen furchteinflößend.
Vielleicht hilft es trotzdem gegen das sich seit mindestens acht Jahren in meinem jungen Schriftstellerdasein einschleichende Gefühl, keine, aber auch gar keine Ideen mehr zu haben.
Danke für den eloquenten Tip, der mich die Methode nach allem "Ja mei, schon mal gehört"-Abgewinke wohl wirklich mal ausprobieren lassen wird!