Mittwoch, 16. Februar 2011

Geschenke eines Fiebers

Es ist Nacht, tiefe Nacht. Ich glühe. Ich bin irgendwo über 39°. Ich bin heiß, von Kopf bis Fuß. Es fühlt sich passend an. Vor ein paar Stunden fing ich an zu zittern und bekam kalte Füße - bei gemessenen 37,5° ein deutliches Zeichen, dass das Fieber noch in ungeahnte Höhen steigen würde. Ich habe beschlossen, nicht dagegen anzugehen. Ich bin krank, der Körper will Extraschicht. Bitte schön. Wollen doch mal sehen, wer hier das Sagen hat. Die Viren oder ich. Jetzt hat mein Körper sich eingeglüht. Ich bin gleichzeitig vollkommen erschöpft und hibbelig.

Gräusch im Kopf. Gräusch. Das ist schon kein Geräusch mehr, das ist ein Gräusch. vollkommen undeutbar - ich komme da gar nicht mehr mit.
Und das Herz klopft.
Luft bekomme ich auch keine. Das nehme ich mehr so nebenbei zur Kenntnis. Es klingt behämmert, aber man kann sich daran gewöhnen, ständig zu wenig Luft zu bekommen. Als Asthmatiker lernt man, darüber nicht in Panik zu verfallen. Oder sagen wir, zumindest nicht sofort in Panik zu verfallen.
Ich habe eine Hand auf der Stirn, eine auf dem Herzen. Ich versuche, zur Ruhe zu kommen. Das Fieber wird mich eh noch durchrütteln, heute Nacht. Da sollte ich ein wenig nach innen gehen. Und innen treffe ich...
    "Es liegt"
Da hat sie recht, ich liege flach. Aber so was von. Andererseits liege ich gedanklich überhaupt nicht flach, also danke für den Hinweis.
In meinem Kopf ist Lärm, wie auf dem Potsdamer Platz in den zwanziger Jahren, es ist auch alles so ruckelig, wie in den zwanziger Jahren. Früher sind die Leute ja alle so ruckelig gegangen und alles war immer schwarz-weiß...
    "Sollst Du schweigen?"
Ja, das soll ich. Ich soll die Klappe halten, nur wie? Schon merke ich, wie ich den Vorschlag fiebrig auseinandernehme, ihn kommentiere, weiter erzähle...
    "Sollst Du lauschen?"
Ja, das soll ich. Worauf lauschen? Mein Herz hämmert. Grippostad ist voller Koffein und Allergospasmin kann zu Herzklopfen führen, aber das da… das ist nicht normal. So schlägt kein Herz. So traktiert Einer die Wand seiner Gummizelle. Mein Herz kreist umher wie ein viel zu wildes Tier im rostigen Käfig eines schäbigen Vorortzoos. Das soll ich mir anhören?
Offensichtlich.
Ich höre.
Das ist nicht angenehm. In diesem Herzen steckt was fest, etwas, das heraus muss. Ich habe gesehen, wie Dinge, die in Herzen feststecken, Menschen beinahe getötet haben. Das geht schnell. Also, was steckt da drin?
Ich will's eigentlich lieber doch nicht wissen. Außerdem kann ich mich nicht konzentrieren. In meinem Kopf rennen mindestens drei Gedankengänge nebeneinander her, stummfilm-ruckelig, sinnlos. Männer in Zylindern sagen Auf Wiedersehen! Wo kommen die her?
    "Verabschiede Dich von den Statisten und schlaf!"
Oh, ich schlafe ein! Dort will sie mir etwas zeigen. Ich befinde mich also an der Schwelle zur hypnagogen Phase, in der mein Hirn mich hypnotisieren wird. Ich habe aber zu viel Übung im Klarträumen, als dass ich an dieser Stelle einfach so den Bewusstheitslöffel abgeben könnte.
    "Vergiss es! - diesen Traum nicht mit klarem Kopf"
Na gut. Dann eben nicht. Ich bin wieder wach. Ich habe die Hände noch auf der Stirn und auf dem Herz, ich bekomme nach wie vor keine Luft und mein Herz sucht nach der Lücke zwischen seinen Bewachern. So geht das eine Weile bis mich mein Unterbewusstsein irgendwann von hinten erwischt, und ich endlich einschlafe.

Ich stehe auf einer Klippe. Sie nimmt Anlauf und stößt mich mit beiden flachen Händen vor den Brustkasten. Ich falle nach hinten die Klippe hinab. Ich falle und schaue mir von oben beim Fallen zu und mein Brustkasten öffnet sich und mein Herz öffnet sich und Papier flattert heraus, beschriebenes Papier! "Am Ende zählt die Geschichte", höre ich mich sagen und fahre auf, ich erwache wie aus einem Alptraum.
Ich schnappe nach Luft. Mit dieser Bewegung bekomme ich einen Hörsturz - glaube ich. Jedenfalls höre ich plötzlich nichts mehr. Bis mir aufgeht, dass lediglich die Geräusche in meinem Kopf weg sind. Restlos verschwunden.
Außerdem hat mein Herz allem Anschein nach aufgehört zu schlagen. Es dauert einen Moment, bis ich es überhaupt wieder wahrnehme. Friedlich pulsiert es vor sich hin.
Und ich kann atmen. Also hatte die Kurzatmigkeit nichts mit meinem Asthma zu tun. Aber wenn das vorhin keine Asthma-Atemnot war, was zum Henker… dunkel erinnere ich mich, dass es einen Namen für einen solchen Zustand gab.

Aber zuvor muss ich diesen Traum ergründen. Dass mein geöffnetes Herz einen Text ausspuckt, führt mir noch einmal vor Augen, dass ich wohl in diesem Leben als Musiker nicht mehr so gut werden kann wie als Autor. Ich nehme diese Erkenntnis im Vorübergehen mit, denn eigentlich geht es um etwas anderes. "Am Ende zählt die Geschichte" und dieses Bild: das hieß irgend etwas Ungeheuerliches, etwas Obszönes, etwas Gruseliges.
Und mit einem Mal wird es mir klar. Wenn ich sehe, wie meine Brust sich öffnet und mein Herz aufgeht, dann will ich keinen Text sehen! Wo sind die Gesichter der Menschen, die ich liebe?
    "Ja, wo?"
Die Familie ist mir am Wichtigsten. Aber Kinder haben ja diese lästige Gewohnheit. Sie wollen sich täglich satt essen. Also ist das, was Essen auf den Tisch bringt am Wichtigsten. Also muss man Opfer bringen. Also ist die Arbeit am Wichtigsten. So gekonnt kann nur ich mich selbst austricksen! Und ich weiß wieder, wie man diesen Lärm vorhin nennt. Ich hatte Panik, blanke Panik. Kein Wunder. Irgendein Teil von mir hatte allem Anschein nach eben noch nicht den Verstand verloren und hatte den Alarmknopf gedrückt gehalten. Und ich musste nur hinhören. Ich sehe wieder klar.

Wenn ich mich jetzt allerdings aus Panikattacken einfach herauslauschen kann, sollte ich mal meiner Therapeutin Bescheid sagen, dass ich sie nicht mehr brauche. Die macht auch drei Kreuze, wenn ich weg bin...

Dienstag, 15. Februar 2011

Ponyhof

Einen Moment! So fühlt sich dein Helfen an?
Tu doch lieber nichts, dann hast Du mehr getan!
Ach so, und das soll Freundschaft sein?
Lieber bliebe ich dann doch allein.

Und dieses Trudeln, dieses Schwanken
Dieses jammervolle Zweifeln
Dieses rechtzeitig Erkranken
und stete Sorge mir Einträufeln -

Ist das Unter Arme Greifen?
Oder doch ein Silberstreifen?

Vielleicht lebst Du ja demnächst ab?
Ich leg dann Blumen auf Dein Grab
und bedau're Dich und Deine Leiden.
Ich werde keine Mühe meiden,
dich über den grünen Klee zu loben
Liegst ja drunter, und ich oben.

Dein Leben ist ein Trümmerfeld. Ich werde Dich vermissen.
Ich kehr zurück in meines - ein Ponyhof, wie alle wissen...

Mittwoch, 9. Februar 2011

Murat Kayi im Reviergespräch

Am morgigen Donnerstag um 12.00 und um 23.00 Uhr wird ein Gespräch zwischen mir und Friedhelm Görgens auf Center.tv ausgestrahlt.

Infos und Stream auch hier: http://www.centertv-ruhr.de/

Samstag, 5. Februar 2011

Eiland

Ich bin hier gestrandet. Gestrandet an irgendeiner Isolation. Und ich stehe mit Bart und verwitterter Kleidung am Meer und kneife die Augen zusammen. Ich starre auf den Horizont, ich habe kein Holz, kein Feuer, keine Leuchtraketen, gar nichts um auf mich aufmerksam zu machen. Niemand befährt diese Route, niemand wird mich bemerken - ich und meine Insel, wir treiben langsam ab, und ich mag es. Ich schaue auf den Horizont, hoffend, dass kein Schiff auftaucht, kein Rettungstrupp. Ich habe etwas gefunden, weit draußen in meinem Meer, längst Vergessenes, Verschollenes, auf einem Eiland ohne Worte. Das Salz der Zeit gerbt meinen Körper und ich lasse nach. Langsam, ganz langsam kann ich mich hinsetzen, die Zehen im Sand, und fange an es zu glauben. Ich beginne es zu glauben, und merke, wie aus der Hoffnung Gewissheit wird - es gibt keine Rettung für mich und meine Insel. Wir sind unterwegs.

Freitag, 4. Februar 2011

Labyrinth

Ach Geliebte, komm! Komm in meine Arme!
Ich war zu lange fort, ich war zu weit da draußen.

Ich trieb in tausend Träumen haltlos vor mich hin
Ich trank in hundert Räumen lautlos ohne Sinn
Ich nahm und nahm und hatte nichts zu geben
Ich war ein Dummkopf und ich wollte leben

Ich und ich und ich ging in mir vor
Und Du bliebst immer an mir dran

Du nahmst viel zu oft den falschen Weg
nach ganz weit Innen, wo ich keinen Steg
und keine Straße fand, mich zu Dir zu führen
Ich blieb und musste Dich verlieren

All das ist nun vorbei, bis zum nächsten Mal
Wo wieder einer von uns beiden sich verirrt

Doch weiß ich, dass in keinem Irrgarten
dieser Welt einer von uns beiden
muss zu lang auf den andern warten
muss zu lang alleine leiden
Am roten Faden gleitet einer von uns zweien
zum andern, geführt von Vergebung, vom Verzeihen.

Marschroute Februar

mich mehr bewegen mehr mitgehen weniger initiieren mehr schwimmen mich mehr erden mehr nach draußen mehr atmen mehr Taiji weniger wollen.
weniger machen, mehr tun.
in die Leere zurück
aufhören zu wollen
folgen nicht führen
aufhören, aufgeben, nachgeben, einsinken, Demut zeigen, nachgeben, aufhorchen, lauschen, bejahen, bewegen, den Füßen vertrauen, lächeln, befolgen, abwarten, inne halten
Weniger denken, mehr fühlen
weniger komponieren, mehr improvisieren
weniger suchen, mehr finden
Eins werden
Und dann schreibe ich mir ein Lied. Und dann sage ich danke. So wird's gemacht.