Sonntag, 28. August 2011

Liebe Mittdreißiger Weicheier!

Auch ich bekomme Zustände, wenn ich Kinder mit Fahrradhelm auf dem Klettergerüst sehe, aber bitte, bitte hört auf mir Listen mit Gründen zuzusenden, warum man ein harter Hund ist, wenn man vor 1978 geboren wurde. Die eine Hälfte von euch saß vor Atari, C64 und Heidi, die andere wurd im Schulbus verprügelt. Also tut nich so hart, nur weil ihr aufm Rücksitz nich angeschnallt wart. Gegen unsere Großväter waren wir alle nur Luschen, nehmt es hin, anstatt überversichert und untermotiviert in euren nine-to-five Jobs zu beteuern, dass Risiko euer zweiter Vorname ist. Danke.

Dienstag, 19. Juli 2011

Mensch verschüttet

http://www.derwesten.de/nachrichten/im-westen/Dortmunder-OB-Sierau-legt-sich-mit-Polizisten-an-id4882472.html

Ich verweise hierauf, nicht etwa, weil ich finde, alle Bürger Dortmunds gehörten gleich behandelt und was dergleichen Mumpitz mehr ist. Als ob das etwa irgendjemand wirklich will... wozu pflegen wir denn die Spaltung in mehrere soziale Kasten? Auch finde ich, ein OB sollte sich nicht erklären müssen. Er sollte vielmehr Sänften, Rikschas und derlei Annehmlichkeiten gestellt bekommen, ganz im Sinne des von Jan Coenen angeregten Schuhverbots. Diese kleinkarierte Pfennigfuchserei bei unseren Beherrschern geht mir schon seit langem gegen den Strich. Es gibt einfach keine richtigen Untertanen mehr da draußen.

Nein, ich verweise hierauf, weil der OB sagt, da sei ihm "der Mensch durchgekommen".

Und alles was recht ist, aber... ihhh.

Ich meine, es ist schon schlimm genug, dass ein OB gezwungen ist, sich mit dem Hinweis zu rechtfertigen, er habe ein Dienstgespräch geführt. Ich war eigentlich davon ausgegangen, dass er sich seinen Amtsgeschäften mit etwas mehr Konzentration widmet. Noch lieber wäre mir die Ausflucht gewesen, es habe sich um persönliches von hoher Dringlichkeit gehandelt, sagen wir die Anfrage nach einer Nierenspende oder ähnlich Heikles. Und wie ich schon sagte, überhaupt müssten Polizeibeamte doch wissen, dass niemand erwartet, dass alle gleich behandelt werden, und sich entsprechend verhalten, also sozusagen Präventivkuschen.

Aber diese Formulierung. Da kam mir der Mensch durch. Als handele es sich um einen eingesperrten, halbbezwungenen Wesensmakel. Mir stellt sich die Frage, als was ist der Mann ansonsten unterwegs? Wenn ihm nicht der Mensch durchkommt? Was geschieht in diesen endlosen Ortsvereinssitzungen mit den Menschen?  Wo gehen sie hin? Warum kommen sie wieder? Und warum wählt ihr sie?

Fragen.

Dienstag, 22. März 2011

Werkzeug für Autoren: introspektives Schreiben

Introspektives Schreiben ist eine Form des automatischen Schreibens.

Beim automatischen Schreiben kommt es auf einen von jeglichem Kritisieren ungestörten Schreibfluss an. Gerade für Autoren, die sehr kontrolliert, stilsicher und formbewusst schreiben, ist es daher ein wenig wie Urlaub von der eigenen Pedanterie. Es kann den eigenen Stil auffrischen, neue und ungewöhnliche Gedanken hervorrufen und auch die Lösung einiger Schreibprobleme sein. Man kann Ideen finden, es als Brainstorming-Methode nutzen oder mit wirklich sehr tief verborgenen Teilen des eigenen Selbst in Kontakt treten.

Automatisches Schreiben funktioniert so, dass man beginnt zu schreiben, am besten ohne Satzzeichen, und einfach auf gar nichts achtet. Außer auf die Tatsache, dass man weiterschreibt. Unsinn befreit und ist erwünscht. Einem kontrollierten Satzbau ist zu misstrauen.

Introspektives Schreiben fügt noch ein zwei Randbedingungen hinzu, die meiner Meinung nach sehr förderlich für den Prozess sind:

Ich schreibe am Rechner - mit geschlossenen Augen. Hierfür muss man entweder einen Schreibmaschinenkurs kaufen, bzw. belegen oder aber seit Jahren geschrieben haben als hätte man nichts besseres zu tun gehabt. Bei mir trifft zweites zu. Wenn man die Fingerspitzen über die Tasten huschen lässt ohne hinzusehen, kann man am Rechner einen Schreibfluss erzeugen, der mit noch weniger Reibung vor sich geht als mit dem besten Füllfederhalter. Man kann auf diese Art sehr schnell schreiben, schneller als auf Papier, vor allem aber schneller als der eigene kopfinterne Kritiker - und darauf kommt es an.
Unsere Fähigkeit, laufend zu hinterfragen, was wir zu tun im Begriff sind, ist ein großer Segen, denn ansonsten liefe ich im Sommer nackt durch die Öffentlichkeit, würde bei jedem Parkwutanfall fremde Windschutzscheiben demolieren und äße morgens, mittags und abends Schokoladeneis. Nackt, fett und gewalttätig landete ich also früher oder später in der Klapse.
Beim kreativen Chaos allerdings ist der Kritiker nicht nur überflüssig - er schadet. Und er nervt hochgradig. Wer etwas erschafft, will vor allem spielen. Und spielen macht ohne Bewertung am meisten Freude. Der Kritiker kann später, wenn aus dem Chaos Form gewonnen werden muss, hinzu gezogen werden! Dann ist es noch früh genug.

Bis dahin also, Augen zu, den Kopf am besten nach hinten abstützen und leicht nach oben richten. Grad so gemütlich, dass man nicht direkt weg pennt. Die Arme ein wenig ausgestreckt und los geht es. Es hilft im Übrigen, wenn man sich vorstellt, das Gehör nach hinten auszurichten. Warum das so ist, weiß ich nicht, aber es hilft, aus den Regionen des Kopfes heraus zu kommen, in denen der Kritiker sich tummelt.

Man sollte sich ein Zeitlimit setzen. Innerhalb dieser Begrenzung ist die Freiheit um so größer, denn erstens will man die kostbare Zeit nicht mit Denken verschwenden, und zweitens habe ich oft erlebt, dass vollkommene Spielfreiheit innerhalb eines begrenzenden Rahmens oft die schöpferischen Kräfte zu ungeahnten Höhen treibt. Vielleicht braucht man ein bisschen Restreibung, vielleicht mag der Geist die Herausforderung, das weiß man nicht.
Außerdem hilft einem das Zeitlimit, sich nicht rettungslos in den eigenen Assoziationsketten verlieren. Unvorbereitet und mit ungünstiger Stimmungslage kann einen diese Übung nämlich ganz leicht aus dem Alltagsgeschehen werfen.

Ein wichtiges Zeichen dafür, dass man sich aus dem Fluss des automatischen Schreibens entfernt, sind Pausen. Pausen sind meist Denkpausen. Denken aber ist unerwünscht. Wenn der Lärm der Tasten abebbt, weiß ich, es läuft was schief und tippe etwas. Vorzugsweise Wörter, und zwar wirklich vollkommen schnurz welche. Aber wenn die Verzweiflung gar zu groß wird, tun es auch wilde Buchstabenkombinationen, aus denen - wenn man viel Glück hat - Wörter erwachsen können. In solch schönen Augenblicken läuft das introspektive Schreiben zur Hochform auf, denn man erreicht einen Zustand, in dem der Text sich selbst träumt.

Schließlich und endlich kommt das Aufräumen. Die Schreibsoftware hat mich mit ihrem Zeitlimit ans Aufhören erinnert und ich finde ins normale Autorendasein zurück. In diesem allerdings starre ich dann nicht selten auf einen Haufen Wörter, die man vielleicht unter Pseudonym beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb vorlesen kann, aber ganz bestimmt nicht als eigenen Text ausgeben will.
Das macht aber nichts. Denn ich verfüge ja über ein ausgezeichnetes Werkzeug für diese Phase der Arbeit: den kopfinternen Kritiker. Hier darf er sich austoben, Passagen per "Entf" ins ewige Vergessen schicken, Absätze neu ordnen, das Ende an den Anfang stellen und was dergleichen Späße mehr sind. Nicht selten jedoch ist er, der sonst nie die Klappe hält, auffällig still. Weil er sich wundert, was da aus mir heraus gekommen ist. Und dann zucken wir mit den Schultern und bewahren die seltsamsten Gedanken in einem kleinen Kästchen auf, das wir immer dann öffnen, wenn wir in der Stimmung sind, jemanden zu bestürzen.

Donnerstag, 17. März 2011

Gedichtspiel literarischer Spielplatz: Einschneidende Erfahrung

Hier mal ein Gedicht, das beim Gedichtspiel während des literarischen Spielplatzes entstand. Beim Gedichtspiel gibt uns das Publikum Wörter und wir dichten. Wir versprechen nichts, man muss nicht alle Wörter nutzen.

Zu verbauen gab es :
Morgenröte
Klabusterbärchen
Reizdarm
Morbus Crohn
Kassettenrekorder
Stichsäge
Entsorgungsunternehmen
Piratenschiff


Es ist zur zarten Morgenröte,
da ich dich behutsam töte.
Behutsam, mit der Stichsäge,
detailverliebt, fast träge.


Klabusterbärchen, Reizdarm, Brust
zerteile ich mit großer Lust.
Ich brauche dich nicht mal zu  lähmen.
Das Entsorgungsunternehmen
nimmt dich in kleinen Tüten mit.

Das ist genial - obwohl durch Schnitt

Beim Vorlesen macht die Schreibweise von "durch Schnitt" keinen großen Unterschied, aber ich habe "Durchschnitt", "Durch-Schnitt" und obiges zur Auswahl und mag es so am liebsten...

Mittwoch, 16. März 2011

Tacheles Gedichtspiel: Torso

Noch ein Gedicht, das im "Guten Tacheles!"-Gedichtspiel entstand. Beim Gedichtspiel gibt uns das Publikum Wörter und wir dichten. Wir versprechen nichts, man muss nicht alle Wörter nutzen.

Hier waren zu verarbeiten
Freitag
Torso
Morgengrauen
Spinat

Ich war direkt im Thema und da habe ich Spinat beim besten Willen nicht eingebaut bekommen.


Wir lauschten sieben Tage, sieben bange Nächte
Hoffend auf die eine Stund', die Erlösung brächte


Am Freitag ging dein Atem tief, zitternd deine Händ'.
Dein Torso lag im Morgengrau'n friedlich hier am End'.


Mein Kind, ich lasse dich, ich lasse dich nun gehen.
Dein Lachen, deine Seel', ich seh, wie sie verwehen.

Rückblickend muss ich sagen, ein wenig zu viel Silbengetrickse für meinen Geschmack, aber die Stimmung haut wohl hin...

Dienstag, 15. März 2011

Wege in dir

Wenn Atmen den Geschmack von frischem Morgentau
auf dem Laub der Weiden vom nahem Fluss mitbringt,
Wenn die Nacht zurückweicht, der erste Vogel singt,
Und das Tal im Nebel liegt da im ersten Blau,

Dann will ich nur weiter, will ich alles sehen,
dann muss ich Schritt um Schritt diese Welt erkunden.
Ich und die Reise, wir haben uns gefunden.
Und unterwegs daheim, werde ich verstehen.

Dein Morgentau, dein Duft nach Laub bewegt mich nun.
Dein erstes Licht, die Ahnung von der Welt darin,
es zieht mich hin zu dir und schafft uns den Beginn
von langer Freundschaft und von allem, was wir tun.

Ein Schritt zu dir wird uns die Wege weisen.
Glaub mir, mein Freund, wir werden uns bereisen!

Montag, 14. März 2011

Tacheles Gedichtspiel: Nachtkrankenschwesterwechselschicht

Hier mal ein Gedicht, das im "Guten Tacheles!"-Gedichtspiel entstand. Beim Gedichtspiel gibt uns das Publikum Wörter und wir dichten. Wir versprechen nichts, man muss nicht alle Wörter nutzen.

Bei diesem Gedicht fiel das Wort "Nachtkrankenschwesterwechselschicht", und schon war's um mich geschehen...

Ein Ruf der Klage hängt im dunklen Flur.
Ein tiefer Schmerz, der ohne Antwort bleibt.
Bis auf das Tickgeräusch der Zimmeruhr,
Die deine Lebenszeit in Ruh' hinschreibt.


So einsam wird es sein, wenn Tod dich sticht.
So stumm - zur Nachtkrankenschwesterwechselschicht.


Wie ich mich grad erinnere, kann man sich das von dem Tag auch noch einmal anhören!
Blogeintrag mit Audio Live-Mitschnitt - klick mich!

Lazarus

Regen auf den Gräbern, wo ich nach Geistern such'.
Nachtlicht wirft nun Schatten auf mich und meinen Fluch.
Geister brauchen Hüllen, und dieser Leib ist leer.
Doch kein Geist  regt sich hier - sie fürchten mich zu sehr.

Irrend ohne Ziele trägt mich kein Schritt hinfort.
Ich laufe, doch ich bleib' an meinem dunklen Ort.
Der dunkle Ort in mir, ein Grab ganz ohne Stein,
worin gebettet ich zerfall' hier ganz allein.

Ein Hauch aus Schmerz und Staub, aus Zittern und aus Leid
bin ich und bleibe es, verflucht für alle Zeit.
Ein neuer Lazarus, der niemals aufersteht.
Für alle Wunder ist es dieses Mal zu spät.

Still in meiner Tiefe, in die sich senkt kein Lot,
Liege ich zerbrochen am Leben vor dem Tod.

Freitag, 11. März 2011

Randlose Brote und andere mathematische Ungeheuer

Wenn das Töchterchen das morgendliche Brot geschnitten bekommt, dann bekomme ich nicht selten die Anweisung, eine Schnitte zu erstellen, die gefälligst keinen Rand haben soll.
"Aber ohne Rand!"

Das geht mir gegen den Strich. Denn der Rand ist auch Brot, mithin essbar und überhaupt, ich habe ja auch für den Rand bezahlt. Da müsste ich ja eigentlich schon beim Bäcker sagen, dass ich es dieses Mal nicht geschnitten brauche, sondern bitte ohne Rand. Das möchte ich mal sehen, wie lange die brauchen, bis die auch nur begreifen, wo was weggeschnitten werden soll.
Einmal ganz drum rum um den Laib. Und dann haben die ein halbes Pfund Rand in der Hand und dann sage ich, die Verpackung brauche ich nicht, wozu soll ich die zahlen? Aber das hülfe nichts, denn der Rand muss ja laut Töchterchen manchmal auch bei Broten entfernt werden, die weich sind, bis zur letzten Grenzkrume. Da soll ich Brote entranden, die derart pampig gebacken sind, dass auch noch ein AOK-gepflegtes Gebiss im letzten Lebensjahr das zerteilt bekäme.

Was mich eigentlich aber noch viel stärker entsetzt - jedes einzelne Mal - ist eine viel heimlichere Art von Widerwillen. Es handelt sich um das Wissen, dass ich der Aufgabe nicht gerecht werden kann.
Es gibt kein randloses Brot.
Die Fläche einer Brotscheibe hat nun mal einen Rand, da kann ich schnippeln wie ich will. Ich müsste schon das mathematische Fachgebiet der Topologie bemühen, um eine randlose Fläche zu finden. Ich müsste eine Scheibe Roggenbrot in Kugelform biegen, um eine randlose Fläche zu erzeugen, denn Kugeloberflächen haben keinen Rand, vorher aber müsste ich eine geeignete Projektion auswählen, mit der man normalerweise eine Kugeloberfläche in einen flachen Kartennetzentwurf überträgt, wie bei unseren Weltkarten der eigentlich kugelförmigen Erde. Die Mercatorprojektion unserer Landkarten ist aber witzlos, winkeltreu bis zum Abwinken, aber nicht flächentreu. Alles am Äquator ist viel zu klein dargestellt, zu den Polen wird es viel zu groß, deswegen nehmen wir uns auf der Nordhalbkugel auch so angenehm wichtig. Wegen der Scheiß Mercator-Projektion.
Die Frage ist also, wie soll ich die Fläche eines Roggenbrotes entsprechend strecken, bzw. in der Rückabwicklung zur Kugeloberfläche, entsprechend stauchen, dass die Mercatorprojektion als Leitfaden für die Erstellung einer Kugeloberfläche herhalten kann?
Um sieben Uhr morgens?!

So etwas macht mich wahnsinnig. Das ist wie, als ich im Matheunterricht erfuhr, dass ein Punkt der kleinste Bestandteil einer Fläche ist, und somit selbst natürlich keine Fläche hat. Natürlich. Aber da das so ist, summieren sich alle Punkte dieser Welt niemals zu einer Fläche auf, kann ja gar nicht, woher kommen also die Flächen, bei ausdehnungslosen Punkten? Einen Punkt kann ich mir nicht vorstellen, das ist wie Nullvolumen. Wenn einer in meiner Gegenwart einen solchen Begriff erwähnt, ist gleich der ganze Tag im Arsch. Dann versuche ich mir die ganze Zeit vorzustellen, wie ein Nullvolumen aussieht und bekomme Kopfschmerzen. Davon, dass Flächen keine Ausdehnung in die dritte Dimension haben, will ich gar nicht erst anfangen.

So oder so kann ich mich ja nicht zum Töchterchen umdrehen und entgeistert ausrufen: "Ach jaa, Du willst ein Brot ohne Rand? Da aber eine randlose Fläche in die dritte Dimension gebogen sein muss und ich ja wohl schlecht das Brot am künftigen Pol stauchen kann wie Sau, kannst Du mir vielleicht auch sagen, wie ich das hinkriegen soll?!"

Deswegen habe ich einen Traum: Hohle Brote. In Kugelform. Ein solches mathematisch perfektes Ungeheuer könnte ich mit Leberwurst bestreichen und sie würde befehlen "Ohne Rand!". Ich aber hielte es dem Töchterchen hin und sagte: "Ja. Dieses Brot ist randlos."
Man müsste mal mit einem Bäcker über diese Sache sprechen.
Aber ich glaub, ich halt besser einfach den Rand.

Donnerstag, 10. März 2011

Unnütze Gedanken beim Müßiggang: Star Whores, Tao und das Lächeln der Twi'leks

Wenn ein Twi'lek sich bei hoher Geschwindigkeit in einem gasförmigen Medium bewegt, oder sich ein gasförmiges Medium mit hoher Geschwindigkeit um einen Twi'lek herum bewegt, müsste es eigentlich bedingt durch Verwirbelungen der Zipfel an beiden Tentakeln zu Peitschenknall-Geräuschen kommen, bedingt durch die kurzzeitig auftretenden Überschallbewegungen. Der Zipfel. In den Tentakeln.
Eines Twi'leks.

Das macht das gesamte erste Level von Jedi Academy mit dieser Charakterklasse vollkommen UNREALISTISCH, aber "echt ey!" (Barbara Wilkes/Lukas Kobuszewski). Niemals könnte man sich als Twi'lek auf einem dahinrasenden Zug an einen Entführer heranschleichen, denn das ewige Geknalle machte ja alles zunichte. Das Leben als Twi'lek ist bestimmt nicht einfach, Jedi-Kräfte hin oder her. Entweder sie werden als leichtbekleidete Tänzerinnen und Sklavinnen vertickt oder es knallt.

Was ich auch nicht verstehe: Darth Vader kippt den Imperator in den Ausguss und gibt danach den Löffel ab. Hinfort grinsen alle Leuchtjedis topfdoof in die Kamera, aber was bitte schön hat das mit Gleichgewicht zu tun? Wenn überhaupt, dann müsste der Imperator bereits zu Darth Maul Sätze sagen wie: "Du wirst einst das Gleichgewicht herstellen, aber natürlich erst wenn DU JEDEN EINZELNEN DIESER MOTHERFUCKER PLATTMACHST, BIS AUF ZWEI!!"
Bis dahin nämlich sind die Sith total in der Unterzahl. Und soll mir keiner erzählen, das gleichen die durch Bösartigkeit aus, so böse kann selbst Darth Vader nicht sein. Die Sith sind doch eine Minderheit, eine urbane  Randgruppe, fehlt bloß noch, dass Darth Maul anfängt zu rappen - ich verstehe übrigens nicht, wie man sich als Rapper Bushido nennen kann, ich meine, die Verarsche mit Mushido liegt doch auf der Hand, oder wie?

Jedenfalls - Gleichgewicht. Das ist mitnichten am Ende von Return of the Jedi wieder hergestellt, ganz im Gegenteil! Das Gegenteil fehlt. Aus der Sicht des Gleichgewichts ist Return of the Jedi ein Gruselfilm, mit leuchtenden Zeugen Jehovas in grobem Linnen.
Was das für eine Scheiße ist, will mir übrigens auch nicht in die Birne. Ich meine nicht die Leuchterei. Wenn ich mich als Erzähler schon darauf versteife, dass die Toten erscheinen, dann sollen sie verdammt noch mal auch leuchten, ich mein, wo sind wir denn? Aber warum ist es die größte Leistung eines Jedi, den eigenen körperlichen Tod durch völliges Dematerialisieren abzuwenden? Das wird doch auch als das Meister-Kunststück angepriesen, das Anakin erlernen will, weil irgendein Sith das mal irgendwann hingekriegt hat... Warum fragt man ihn dann nicht? Irgendwo muss er ja rumgurken, der Armleuchter.

Aber darum geht's mir gar nicht. Worum es mir geht: Sith und Jedi haben ja offenbar beide so ihre Probleme mit dem Ableben. Das ist mir schon immer sauer aufgestoßen. Das ist doch kein Hinweis auf Ausgeglichenheit und Friede und lecker Midichlorianer und den ganzen Bull-Sith.
Da stimmt doch was nicht. Offensichtlich allesamt keine großen Leuchten, da können die noch so heilig vor sich hin glimmen.

Das hat doch alles mit Balance nichts zu tun. Wenn Yoda nur halb so Tao-mäßig drauf wäre, wie er tut, die kleine grüne Ratte, dann müsste er doch denken: "Lass die Sith mal machen, im Großen und Ganzen gleicht sich das alles wieder aus..."
Aber dann hätten wir nichts zu gucken.
Und ich nix zu schreiben.
Es gleicht sich also im Großen und Ganzen alles wieder aus.

Nur das mit den Twi'leks tut mir immer noch ein bisschen leid. Dann wünschte ich, jemand würde ihnen mal über die Tentakeln streicheln, so ganz ohne Sex und so, und sagen: "Jedes Mal, wenn Du Dich durch ein gasförmiges Medium bewegst und Deine Tentakeln knallen, dann stirbt irgendwo ein Midichlorianer."
Und dann könnte man sie lächeln sehen.

Mittwoch, 9. März 2011

Unnütze Gedanken beim Müßiggang: Bäume und Aliens

Wenn Bäume ein halbes Jahr lang ohne Laub auskommen, warum machen sie sich überhaupt die Mühe, welches wachsen zu lassen? Die Vermutung liegt doch nahe, dass Bäume auch ein ganzes Jahr ohne Atmung zurecht kommen.
Mein Verdacht: Die Paarung kostet zu viel Energie. Kaum wird es warm genug, sprießen die Blüten, die Pollen, Samen, Kerne, Früchte, Harz und Wurz.
Also sind Bäume im Normalzustand eigentlich kahl. Die Rinde als Ur-Laub, sozusagen. Rinde statt Kinder. Ein kahler Baum genügt sich selbst und muss noch nicht einmal Luft holen. Der ganze Aufwand wegen Sex.

Was mich außerdem umtreibt. Ich kenne diese ganzen Evolutionsstammbäume von Primaten, Säugetieren und Vögeln in- und auswendig. Die ganzen abgelutschten Verzweigungen von Fisch, Amphibium, Reptil, Dinosaurier und Mini-Nager, die meist gleich hunderte von Millionen von Jahren überspannen.
Gibt es so etwas auch für Pflanzen? Weiß man, wer die Vorfahren der Birke waren? Gibt es eine Doku auf National Geographic "Als Bäume die Welt beherrschten!" über die Baumriesen des Karbonzeitalters? Wer war der Stammvater der Stämme?

Ich glaube, wir wissen zu wenig über Bäume. Was, wenn sie doch kommunizieren und bewusst sind? Da kratzen wir doch grad erst an der Oberfläche. Erste Forschungs-Ergebnisse deuten jedenfalls an, dass...
Aber wenn ich meine ganze Oberfläche außen trage und mehr von mir in der Erde steckt als oberhalb, dabei ein halbes Jahrtausend alt werde und fast nicht zu atmen brauche... nehme ich dann einen einzelnen Menschen überhaupt wahr? Oder eine Ansiedlung? Vielleicht sind Menschen und Bäume wie Zwei, die in der selben Wohnung leben, aber einander überhaupt nicht richtig wahrnehmen.

Wer garantiert uns, dass, wenn einst Außerirdische landen, sie nicht zuerst mit den Bäumen Kontakt aufnehmen wollen? Was, wenn sie das schafften?
Was, wenn das schon passiert ist?

Montag, 7. März 2011

Werkzeug für Autoren: 10-Punkte-Text-ÜV und Papyrus Autor

"Streich doch mal den ersten Absatz!"

Das ist ein Hinweis, den jeder Autor unheimlich gerne als Rat entgegen nimmt, speziell von jemandem, der den fraglichen Text nicht einmal gelesen hat.
Warum gebe ich eine solche Ungeheuerlichkeit von mir? Weil ich bemerkt habe, dass es oft das Richtige ist. Selten ist man bereits mit dem ersten Wort als Autor voll da. Man schreibt sich eben erst einmal in Rage oder muss schlicht warm werden.
Wenn ich Gitarre spiele, leg ich auch nicht direkt mit dem schwierigsten Stück im Repertoire los, sondern lockere alle Muskeln durch ein bisschen Warmspielen.
Den Absatz testweise zu streichen, ist natürlich nicht einfach, aber das Leben ist kein Ponyhof.

Diese Weisheit ist, wie eigentlich das meiste andere, was ich so von mir gebe, nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern stammt von Andreas Eschbach, der diesen und andere Überarbeitungstips in seinem 10-Punkte-Text-ÜV zusammen gefasst hat. Mit dieser Sammlung von Überarbeitungsvorschlägen kann man jeglichen eigenen (oder fremden) Text durchgehen und auf mögliche Schwachstellen prüfen.
"Schwach" ist hierbei allerdings definiert als "schwer zugänglich", bzw. "Schwer zu lesen". Wenn es das Ziel des Autors ist, den Leser zu verwirren, einen schon als Typographie verstörenden Text zu tippen oder schlicht als besonders hochtrabend intellektuell aufzutreten, sind diese Tips nicht zielführend. Sie machen den Text nämlich tatsächlich leicht zugänglich und lassen mitunter den Autor als Wortschmied etwas in den Hintergrund treten.

Der Text-TÜV rät zu solchen Dingen wie Adjektive streichen (ja, alle!), Blähwörter kennzeichnen, Dialogauszeichner unterstreichen, lange Sätze markieren usw.
Wenn man das alles getan hat, sind drei Dinge passiert:
1. Der Text lebt noch. Man hat zwar Streichvorschläge, aber es ist noch nichts passiert. Also, Ruhe bewahren!

2. Man hat sich intensiver mit den Innereien seines Textes beschäftigt, als es bei den allermeisten Autoren ohne einen solchen Fahrplan der Fall ist. Die meisten lesen einen Text leise zur Kontrolle und stellen hier und da etwas um. Der Text-TÜV will eine ganz andere Form von Gründlichkeit.

3. Alle möglichen Dinge springen einem ins Auge.

Ab hier ist es wichtig, sich in Erinnerung zu rufen, dass es sich um Überarbeitungsvorschläge handelt. Man kann auch alles so lassen, wie es war. Wenn man weiß, dass eine Passage nun mal sperrig gehört, wenn man will, dass ein Erzähler sich wiederholt, dann ist das eben so. Oft jedoch wollte man eigentlich nur eine Geschichte erzählen. In dem Fall beginnt an dieser Stelle die eigentliche Arbeit.

Der Text-TÜV (den Namen fänd ich eigentlich um Längen besser, aber egal) ist ein schönes Stück Autorenerfahrung. Er funktioniert mit Stift und Zettel und benötigt im Wesentlichen Hingabe, Fleiß und den Willen, den eigenen Text besser zu machen.
Wenn man auf Technik steht, kann man für schlappe 169,00 Euro auch die Software "Papyrus Autor" kaufen. Ich will mich gar nicht allzu lange über dieses Programm auslassen. Es hat einige unglaubliche Vorteile, hat mich andererseits aber nicht genug umgehauen, dass ich das Geld bisher direkt auf den Tisch gelegt hätte. Falls ich jedoch mal eine professionelle Software speziell für Autoren kaufen sollte, wird es "Papyrus Autor" werden. Und dann lege ich auch noch einmal einen ausführlicheren Bericht nach.

Schöne Funktionen sind unter anderem:

- Ablenkungsfreies Schreiben, ähnlich zu WriteMonkey
- automatisches Umwandeln des Textes in eine Standardseite
- integrierte Vollversion des Duden Korrektor(!)
- Zielvorgaben, Abgabetermine, ausufernde Textstatistiken
- Notizenbereich
- Kapitelübersicht

Für den Text-TÜV-Liebhaber am interessantesten ist jedoch, dass Papyrus Autor unter Mithilfe von Andreas Eschbach eine Stilanalyse nach obigem Prinzip eingebaut hat, die auf Knopfdruck die ganze Markierungsarbeit erledigt und den unbedarften Autor in tiefe Verzweiflung stürzt. Denn man muss es sich gerade dann noch einmal ins Gedächtnis rufen, dass es sich lediglich um Vorschläge handelt, wenn eine Maschine den eigenen Text in Frage stellt.

Meine Erfahrungen mit einer Testversion von "Papyrus Autor", die Texte bis zu einer gewissen Länge analysierte, waren jedenfalls erstaunlich. Von rein äußerlichen Stolperfallen geriet ich schnell in eine tiefere Beschäftigung mit der Erzählung hinter dem Text. Und darum geht es am Ende: Um die Geschichte.

Probiert es einfach mal aus. Dieser Text wurde nicht voll durchanalysiert, aber ich habe den ursprünglich ersten Absatz gestrichen. Diesen Tip habe ich derart verinnerlicht, dass ich es fast automatisch mache. Ein bisschen wie "Papyrus Autor"...

Mittwoch, 16. Februar 2011

Geschenke eines Fiebers

Es ist Nacht, tiefe Nacht. Ich glühe. Ich bin irgendwo über 39°. Ich bin heiß, von Kopf bis Fuß. Es fühlt sich passend an. Vor ein paar Stunden fing ich an zu zittern und bekam kalte Füße - bei gemessenen 37,5° ein deutliches Zeichen, dass das Fieber noch in ungeahnte Höhen steigen würde. Ich habe beschlossen, nicht dagegen anzugehen. Ich bin krank, der Körper will Extraschicht. Bitte schön. Wollen doch mal sehen, wer hier das Sagen hat. Die Viren oder ich. Jetzt hat mein Körper sich eingeglüht. Ich bin gleichzeitig vollkommen erschöpft und hibbelig.

Gräusch im Kopf. Gräusch. Das ist schon kein Geräusch mehr, das ist ein Gräusch. vollkommen undeutbar - ich komme da gar nicht mehr mit.
Und das Herz klopft.
Luft bekomme ich auch keine. Das nehme ich mehr so nebenbei zur Kenntnis. Es klingt behämmert, aber man kann sich daran gewöhnen, ständig zu wenig Luft zu bekommen. Als Asthmatiker lernt man, darüber nicht in Panik zu verfallen. Oder sagen wir, zumindest nicht sofort in Panik zu verfallen.
Ich habe eine Hand auf der Stirn, eine auf dem Herzen. Ich versuche, zur Ruhe zu kommen. Das Fieber wird mich eh noch durchrütteln, heute Nacht. Da sollte ich ein wenig nach innen gehen. Und innen treffe ich...
    "Es liegt"
Da hat sie recht, ich liege flach. Aber so was von. Andererseits liege ich gedanklich überhaupt nicht flach, also danke für den Hinweis.
In meinem Kopf ist Lärm, wie auf dem Potsdamer Platz in den zwanziger Jahren, es ist auch alles so ruckelig, wie in den zwanziger Jahren. Früher sind die Leute ja alle so ruckelig gegangen und alles war immer schwarz-weiß...
    "Sollst Du schweigen?"
Ja, das soll ich. Ich soll die Klappe halten, nur wie? Schon merke ich, wie ich den Vorschlag fiebrig auseinandernehme, ihn kommentiere, weiter erzähle...
    "Sollst Du lauschen?"
Ja, das soll ich. Worauf lauschen? Mein Herz hämmert. Grippostad ist voller Koffein und Allergospasmin kann zu Herzklopfen führen, aber das da… das ist nicht normal. So schlägt kein Herz. So traktiert Einer die Wand seiner Gummizelle. Mein Herz kreist umher wie ein viel zu wildes Tier im rostigen Käfig eines schäbigen Vorortzoos. Das soll ich mir anhören?
Offensichtlich.
Ich höre.
Das ist nicht angenehm. In diesem Herzen steckt was fest, etwas, das heraus muss. Ich habe gesehen, wie Dinge, die in Herzen feststecken, Menschen beinahe getötet haben. Das geht schnell. Also, was steckt da drin?
Ich will's eigentlich lieber doch nicht wissen. Außerdem kann ich mich nicht konzentrieren. In meinem Kopf rennen mindestens drei Gedankengänge nebeneinander her, stummfilm-ruckelig, sinnlos. Männer in Zylindern sagen Auf Wiedersehen! Wo kommen die her?
    "Verabschiede Dich von den Statisten und schlaf!"
Oh, ich schlafe ein! Dort will sie mir etwas zeigen. Ich befinde mich also an der Schwelle zur hypnagogen Phase, in der mein Hirn mich hypnotisieren wird. Ich habe aber zu viel Übung im Klarträumen, als dass ich an dieser Stelle einfach so den Bewusstheitslöffel abgeben könnte.
    "Vergiss es! - diesen Traum nicht mit klarem Kopf"
Na gut. Dann eben nicht. Ich bin wieder wach. Ich habe die Hände noch auf der Stirn und auf dem Herz, ich bekomme nach wie vor keine Luft und mein Herz sucht nach der Lücke zwischen seinen Bewachern. So geht das eine Weile bis mich mein Unterbewusstsein irgendwann von hinten erwischt, und ich endlich einschlafe.

Ich stehe auf einer Klippe. Sie nimmt Anlauf und stößt mich mit beiden flachen Händen vor den Brustkasten. Ich falle nach hinten die Klippe hinab. Ich falle und schaue mir von oben beim Fallen zu und mein Brustkasten öffnet sich und mein Herz öffnet sich und Papier flattert heraus, beschriebenes Papier! "Am Ende zählt die Geschichte", höre ich mich sagen und fahre auf, ich erwache wie aus einem Alptraum.
Ich schnappe nach Luft. Mit dieser Bewegung bekomme ich einen Hörsturz - glaube ich. Jedenfalls höre ich plötzlich nichts mehr. Bis mir aufgeht, dass lediglich die Geräusche in meinem Kopf weg sind. Restlos verschwunden.
Außerdem hat mein Herz allem Anschein nach aufgehört zu schlagen. Es dauert einen Moment, bis ich es überhaupt wieder wahrnehme. Friedlich pulsiert es vor sich hin.
Und ich kann atmen. Also hatte die Kurzatmigkeit nichts mit meinem Asthma zu tun. Aber wenn das vorhin keine Asthma-Atemnot war, was zum Henker… dunkel erinnere ich mich, dass es einen Namen für einen solchen Zustand gab.

Aber zuvor muss ich diesen Traum ergründen. Dass mein geöffnetes Herz einen Text ausspuckt, führt mir noch einmal vor Augen, dass ich wohl in diesem Leben als Musiker nicht mehr so gut werden kann wie als Autor. Ich nehme diese Erkenntnis im Vorübergehen mit, denn eigentlich geht es um etwas anderes. "Am Ende zählt die Geschichte" und dieses Bild: das hieß irgend etwas Ungeheuerliches, etwas Obszönes, etwas Gruseliges.
Und mit einem Mal wird es mir klar. Wenn ich sehe, wie meine Brust sich öffnet und mein Herz aufgeht, dann will ich keinen Text sehen! Wo sind die Gesichter der Menschen, die ich liebe?
    "Ja, wo?"
Die Familie ist mir am Wichtigsten. Aber Kinder haben ja diese lästige Gewohnheit. Sie wollen sich täglich satt essen. Also ist das, was Essen auf den Tisch bringt am Wichtigsten. Also muss man Opfer bringen. Also ist die Arbeit am Wichtigsten. So gekonnt kann nur ich mich selbst austricksen! Und ich weiß wieder, wie man diesen Lärm vorhin nennt. Ich hatte Panik, blanke Panik. Kein Wunder. Irgendein Teil von mir hatte allem Anschein nach eben noch nicht den Verstand verloren und hatte den Alarmknopf gedrückt gehalten. Und ich musste nur hinhören. Ich sehe wieder klar.

Wenn ich mich jetzt allerdings aus Panikattacken einfach herauslauschen kann, sollte ich mal meiner Therapeutin Bescheid sagen, dass ich sie nicht mehr brauche. Die macht auch drei Kreuze, wenn ich weg bin...

Dienstag, 15. Februar 2011

Ponyhof

Einen Moment! So fühlt sich dein Helfen an?
Tu doch lieber nichts, dann hast Du mehr getan!
Ach so, und das soll Freundschaft sein?
Lieber bliebe ich dann doch allein.

Und dieses Trudeln, dieses Schwanken
Dieses jammervolle Zweifeln
Dieses rechtzeitig Erkranken
und stete Sorge mir Einträufeln -

Ist das Unter Arme Greifen?
Oder doch ein Silberstreifen?

Vielleicht lebst Du ja demnächst ab?
Ich leg dann Blumen auf Dein Grab
und bedau're Dich und Deine Leiden.
Ich werde keine Mühe meiden,
dich über den grünen Klee zu loben
Liegst ja drunter, und ich oben.

Dein Leben ist ein Trümmerfeld. Ich werde Dich vermissen.
Ich kehr zurück in meines - ein Ponyhof, wie alle wissen...

Mittwoch, 9. Februar 2011

Murat Kayi im Reviergespräch

Am morgigen Donnerstag um 12.00 und um 23.00 Uhr wird ein Gespräch zwischen mir und Friedhelm Görgens auf Center.tv ausgestrahlt.

Infos und Stream auch hier: http://www.centertv-ruhr.de/

Samstag, 5. Februar 2011

Eiland

Ich bin hier gestrandet. Gestrandet an irgendeiner Isolation. Und ich stehe mit Bart und verwitterter Kleidung am Meer und kneife die Augen zusammen. Ich starre auf den Horizont, ich habe kein Holz, kein Feuer, keine Leuchtraketen, gar nichts um auf mich aufmerksam zu machen. Niemand befährt diese Route, niemand wird mich bemerken - ich und meine Insel, wir treiben langsam ab, und ich mag es. Ich schaue auf den Horizont, hoffend, dass kein Schiff auftaucht, kein Rettungstrupp. Ich habe etwas gefunden, weit draußen in meinem Meer, längst Vergessenes, Verschollenes, auf einem Eiland ohne Worte. Das Salz der Zeit gerbt meinen Körper und ich lasse nach. Langsam, ganz langsam kann ich mich hinsetzen, die Zehen im Sand, und fange an es zu glauben. Ich beginne es zu glauben, und merke, wie aus der Hoffnung Gewissheit wird - es gibt keine Rettung für mich und meine Insel. Wir sind unterwegs.

Freitag, 4. Februar 2011

Labyrinth

Ach Geliebte, komm! Komm in meine Arme!
Ich war zu lange fort, ich war zu weit da draußen.

Ich trieb in tausend Träumen haltlos vor mich hin
Ich trank in hundert Räumen lautlos ohne Sinn
Ich nahm und nahm und hatte nichts zu geben
Ich war ein Dummkopf und ich wollte leben

Ich und ich und ich ging in mir vor
Und Du bliebst immer an mir dran

Du nahmst viel zu oft den falschen Weg
nach ganz weit Innen, wo ich keinen Steg
und keine Straße fand, mich zu Dir zu führen
Ich blieb und musste Dich verlieren

All das ist nun vorbei, bis zum nächsten Mal
Wo wieder einer von uns beiden sich verirrt

Doch weiß ich, dass in keinem Irrgarten
dieser Welt einer von uns beiden
muss zu lang auf den andern warten
muss zu lang alleine leiden
Am roten Faden gleitet einer von uns zweien
zum andern, geführt von Vergebung, vom Verzeihen.

Marschroute Februar

mich mehr bewegen mehr mitgehen weniger initiieren mehr schwimmen mich mehr erden mehr nach draußen mehr atmen mehr Taiji weniger wollen.
weniger machen, mehr tun.
in die Leere zurück
aufhören zu wollen
folgen nicht führen
aufhören, aufgeben, nachgeben, einsinken, Demut zeigen, nachgeben, aufhorchen, lauschen, bejahen, bewegen, den Füßen vertrauen, lächeln, befolgen, abwarten, inne halten
Weniger denken, mehr fühlen
weniger komponieren, mehr improvisieren
weniger suchen, mehr finden
Eins werden
Und dann schreibe ich mir ein Lied. Und dann sage ich danke. So wird's gemacht.

Freitag, 21. Januar 2011

Storyspiel - aus den Würfeln gesogen...

Ihr Geschichtenerzähler!

Lasst uns spielen! Das Spiel geht ganz einfach. Ich habe mir Storycubes gekauft, welche allerlei Symbole fürs freie Assoziieren und gebundene Brillieren enthalten.



An manchen Freitagen würfle ich und stelle ein solches Bild online.
Dann fangt ihr an.

Es gibt nur folgende Regeln:

- Erzähle eine Geschichte!
- Verwende die Bilder der Würfel!

Abgesehen davon sind wir frei. Wir können dichten oder Prosa schreiben, lang oder kurz, laut oder leise. Ihr dürft es meinetwegen auch mit Bildern versuchen, denn "Geschichtenerzähler" ist ein dehnbarer Begriff. Ein Comic, beispielsweise, käme einer Heldentat gleich! Wenn ihr mögt, könnt ihr die Nummerierung benutzen, um in eueren Geschichten zu zeigen, welchen Würfel ihr gerade verwertet (die Nummer in Klammern einfügen).
Meist merkt man das zwar auch ohne Hinweis, doch wer zu solchen Heldentaten wir Tobi Katze fähig ist, fügt die Nummer am besten doch mit ein.

Zitat Tobi:







"Er zog sich an!"





Als Geschichtenanfang schlage ich, neben dem Klassiker "es war einmal..." vor:
- "Eines Tages, auf dem Amt für Gerechtigkeiten..." (ein Anfang, den wir Katja Freese verdanken!)
- "Was Klaus nicht wusste, war..."
- "Am letzten Tag meines Lebens..."

Postet eure Beiträge als Kommentare hier im Weblog, denn hier findet das Spiel statt! Wir freuen uns auf euere Geschichten.
P.S.: Wegen Spamschutz muss ich alle Kommentare noch einmal sehen und aktivieren. Lasst euch also nicht ins Bockshorn jagen, das Posting klappt schon!

Mittwoch, 19. Januar 2011

Werkzeug für Autoren - Evernote Mobile



Mit den Notizen ist es ja so eine Sache…

Im Regal meines Büros stehen fein säuberlich aufgereiht die Gedanken der Jahre nebeneinander in kleinen handschriftlichen Bänden. Seit Livescribe kann diese Handschrift zwar wesentlich mehr, als einfach nur gelesen zu werden, aber eines haben diese Bände gemeinsam: Sind die Bücher voll, bleiben sie im Regal.
Das heißt auch, dass ich auf diese Notizen nur bedingt Zugriff habe. Die Bedingung ist eben, dass ich da bin, wo die Notizen sind.

Das ist mit Evernote anders. Ich will jetzt gar nicht den ganzen Dienst beschreiben, nicht zuletzt deswegen, weil ich das schon an anderer Stelle getan habe. Wer jenen anderen Artikel nicht lesen will und das wichtigste in Kürze braucht: Evernote legt alle Arten von Notizen online ab und stellt sie dem Nutzer überall zur Verfügung. Notizen können getippter Text, Dateien, Klänge, Bilder (nach Text durchsuchbar!) oder spezielle Freihand-Dateien, sogenannte "inks" sein.

Worum es heute geht ist, was genau aus Evernote wird, wenn der Dienst auch unterwegs genutzt wird.

Evernote mobile.

Mobil kann vieles heißen. Evernote hat neben dem Webclient, der also überall läuft, wo man einen Browser starten kann und Zugriff aufs Internet hat, noch weitere mobile Zugriffssoftware fürs iPhone, Android, Windows mobile und sonstige.
Ich beziehe mich hier auf den Android-Client, also die Software (neudeutsch:"App"), die speziell entworfen ist für internetfähige Handys und Smartphones mit dem Google-eigenen Betriebssystem.
Zu Android gäbe es einiges zu sagen, aber auch darum geht es heute hier nicht. Tatsache ist, Android-Handys werden immer beliebter, und die Softwarehersteller stellen inzwischen so gut wie immer einen Android-Ableger ihrer Produkte zur Verfügung. So auch Evernote.
Dieser Bericht bezieht sich im Einzelnen auf ein x10 mini pro Smartphone von Sony Ericsson. Wichtig hieran ist, dass das x10 mini pro tatsächlich einen viel kleineren Bildschirm als die meisten anderen Smartphones hat. Wen es interessiert: Das Handy läuft mit der Betriebssystemversion 2.1-update1 (Kernel 2.6.29).

Was ist drin?

Hat man Evernote installiert, findet sich neben dem normalen Icon in der Liste der Anwendungen auch ein sogenanntes "Widget". Diese Schnellansicht, die man sich nach Belieben an eine Stelle des Startbildschirms legen kann, bietet Zugriff auf die wichtigsten Funktionen von Evernote (v.l.n.r.):



- Zum Startbildschirm von Evernote gehen
- Neue Notiz erstellen
- Bild knipsen und in neue Notiz ablegen
- Klang aufnehmen und in neue Notiz ablegen
- Notizen suchen

Das ist praktisch, denn gerade das Erstellen von Notizen muss oft schnell gehen. Auf diese Art hat man die wesentlichen Infos meist fix erfasst, ohne sich überhaupt näher mit der Software auseinander gesetzt zu haben.

Die Bildfunktion startet die standardmäßige Handykamerasoftware, mit der man auch andere Bilder aufnimmt.
Die Klangaufnahme wird von Evernote selbst geregelt, was ein Segen ist, denn auf dem x10 mini pro ist beispielsweise keine Aufnahmesoftware vorinstalliert.
Ob es das Abfotografieren von Visitenkarten oder kleiner handschriftlicher Notizen ist, ob man eine Formulierung aufspricht oder ein bisschen Musik einfängt - mit solcherlei leichtem Gerät wird das Datensammeln ein Kinderspiel.
In unkomfortabler Form ging so etwas auch vorher schon über MMS-Nachrichten, die man an eine spezielle Evernote-E-Mail-Adresse schickte. Bilder und Klang ließen sich so einfangen und wurden automatisch in einem Standard-Notizbuch für eingehende Nachrichten abgelegt.
Neben dem erhöhten Komfort ist natürlich in dieser Software das Ablegen viel besser und genauer. Wo man vorher die Infos einfach reingeschmissen hat, kann man nun alles fein säuberlich Einordnen. So kann man das Notizbuch angeben, in dem die Notiz abgelegt werden soll, die "Tags" (ordnende Namens-Etiketten für alle Notizen)auswählen und Titel vergeben. Die "Tags" vervollständigt Evernote beim Erstellen einer Notiz auch selbst, so dass man sich nicht fragen muss, ob man einen Kontakt unter "Adresse", "adresse", "Adressen" oder sonstwas abgelegt hatte.



Startet man die Hauptanwendung sieht man, dass mobil hier so gut wie alles geht. Suchen, Ordnen, Erstellen, Editieren (mit Vorbehalten, rich text mit blumigen Formatierungen muss man noch am PC bearbeiten)…



Wie findet man seine Notizen wieder?

Nun, man kann sich zunächst einfach eine Liste anschauen, die auf Wunsch auch kleine Vorschaubilder enthält.



Klickt man auf eine Notiz, wird der Inhalt geladen und dargestellt. Bei großen Bildern kann es speziell auf einem kleinen Bildschirm ungemütlich werden. Die Zoomfunktion ist unzulänglich, weil man entweder nicht weit genug heraus oder nicht nah genug heran zoomen kann. Fairer weise muss man aber dazu sagen, dass sich dieses Problem auf die Darstellung von hochauflösen eingescannten Briefen bezieht. Kleinere Bilder sind gut zu lesen und zu betrachten.

Natürlich kann man auch Notizen suchen. Die Suchfunktionen von Evernote sind generell sehr umfangreich. Das geht viel weiter, als ich hier beschreiben will. Man kann nach "Tags" suchen, nach Text, nach Text, der in Bildern vorkommt(!), man kann nach Erstelldatum, angehängten Dateien, To-Dos und weiteren Inhalten suchen. Man kann auch Suchen neu starten, die man zuvor gespeichert hatte ("Finde mir alle Notizen vom sounsovielten, die dieses und jenes enthalten"). All das geht nun auch unterwegs.



Man kann sich auch die Notizen nach Tags oder Notizbuch anzeigen lassen.



Diese Funktionen sind eigentlich wichtiger als der ganze Komfort beim Ablegen. Denn nun habe ich alles unterwegs im Zugriff, was ich entweder am heimatlichen PC, im Büro oder sonstwo am PC oder eben auch unterwegs in Evernote abgelegt habe. Das können auch Dateien jeglichen Formats sein, wenn man Premium-Nutzer ist. Für Standardnutzer beschränkt sich das Dateiformat auf PDF.

Konkret bedeutet das, dass ich schon einmal eine Lesung hatte, bei der ich einen Teiltext vom Handy vorgelesen habe, weil ich bis zum Auftritt keine Möglichkeit zum Ausdruck hatte (Hallo Druckerhersteller! Mobiler Drucker!). Irgendwann verlor ich aber die Panik und konnte mich auf die Organisation der Lesung konzentrieren, weil mir auffiel, dass ich den Text ja schon dabei hatte… in Evernote! Denn Evernote "überwacht" mein Verzeichnis für neue Texte im Bürorechner und legt alle neu hinzugekommenen Dateien automatisch in Evernote ab.

Ich könnte noch viele Beispiele geben, aber keines reicht an das heran, was ich hier lesen konnte… das Versprechen von "remember everything everywhere" kann für einige Menschen äußerst wichtig sein. So oder so: Für Standardnutzer ist der Dienst sowie alle Clients (PC, web, Handy-App) umsonst. Klare Empfehlung für alle, die Notizen machen.

Dienstag, 18. Januar 2011

Gedächtnis und Erinnerung

"Ich habe das Gefühl, ich war gar nicht da."

So fasste das Töchterchen die Zeit zusammen, an die sie sich nicht erinnern kann. Das Langzeitgedächtnis wird erst ab einem bestimmten Zeitpunkt befüllt, so sagt man. Obwohl das nun jeder bestätigen könnte, wackelt allein diese Aussage an so vielen Stellen, dass sie schön veranschaulicht, welch ungreifbares Konzept hinter dem Begriff Gedächtnis steckt.

Man kann dem Gedächtnis nicht trauen. Seine Erinnerungen garantieren nicht, dass man etas auch wirklich erlebt hat, über manche Dinge verrät es einem nichts und was man schließlich noch weiß, muss man noch lange nicht voll verstanden haben...

Die frühesten Erinnerungen der meisten Menschen setzen irgendwann im dritten oder vierten Lebensjahr ein. Wenn man sich als Vater vor Augen hält, wie viel Leben, wie viel Nähe und gemeinsame Zeit man bis dahin mit einem Kind hatte, dann kann es einem ganz anders werden. Stürbe man in dieser Zeit, behielte das Kind nicht einmal ein Gesicht im Kopf. Es würde als erwachsener Mensch dereinst behaupten, seinen Vater nie kennen gelernt zu haben. Tatsächlich kenne ich diesen Satz von einem Freund, dessen Vater früh starb. Ich habe wenig Erinnerungen an meinen leiblichen Vater, auch wenn ich ihn erst mit 11 Jahren das letzte Mal sah. Wenn man die verlebte Zeit der Erinnerungen aufaddiert, kommt man maximal auf ein paar Tage.
Wer noch beide Elternteile hat, kann sein Gedächtnis ja anhand weit weniger dramatischer Ereignisse testen und die Nervenzellen nach einem sehr schönen Urlaub befragen. Immerhin sind Ferien und Urlaub Gelegenheiten, viele neue Eindrücke zu sammeln. Die bleiben ja gerne besonders stark haften. Wie viel bleibt übrig? Das Langzeitgedächtnis sollte seinen Dienst im Erwachsenenalter bereits sehr viel besser verrichten, als im Kleinkindalter - und doch behält man nicht viel mehr als einen Flickenteppich von Gesichtern und ein paar tiefen Atemzügen irgendwo in der Landschaft.
Nur weil man etwas besonderes erlebt hat, heißt das noch lange nicht, dass man sich daran erinnert.

Damit nicht genug.
Der Inhalt des Gedächtnisses selbst ist außerdem auch noch massiv in Zweifel zu ziehen. Menschen konstruieren sich Erinnerungen zurecht. Man kann Menschen dazu bringen, sich an Ereignisse zu erinnern, die sie nie erlebt haben. Dazu braucht es keine Hypnose. Eine simple Fotomontage kann da ausreichen, wie Versuche gezeigt haben. Bugsierte man Bilder von Versuchspersonen in Aufnahmen von Kirmesbesuchen, waren sie plötzlich in der Lage, einem allerlei Details eines solchen Tages zu berichten.
Dass man sich an etwas erinnert, heißt noch lange nicht, dass man es auch erlebt hat.

Unangenehmes oder Unverständliches verbirgt das Gedächtnis gerne vor seinem Wirt. Das Konzept der Verdrängung ist sehr erfolgreich, denn es hilft Menschen, Traumata und große Schrecken zu überleben. Probleme entstehen, wenn die Umstände sich ändern, aber die Person an dem alten Überlebensmechanismus festhält. Die Eindrücke, die ein bestimmtes Verhalten hervorgerufen haben, sind ja vor einem verborgen. Man kann sich also nicht selbst zur Räson rufen. Folglich rennt man in gewisser Weise ferngesteuert von den eigenen Traumata durch die Gegend und verhält sich unangemessen.
Nur weil man sich an ein Erlebnis nicht erinnert, heißt das noch lange nicht, dass man nicht von ihm gelenkt wird.

Meine "Pflegeschwester" konnte sich noch daran erinnern, dass sie und ihr damaliger Freund mich zur Betreuung bei meiner leiblichen Mutter aus Lünen abholten, als meine Schwester ungefähr 16 Jahre alt war. Diese Erinnerung verwirrte sie. Meine leibliche Familie lebte damals nicht in Lünen. Warum wurde ich in Lünen abgeholt? Die Verwirrung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Ihr damaliger Freund ist ihr heutiger Mann. Er ist ein paar Jahre älter. Er hatte damals die entscheidenden paar Jährchen mehr Lebenserfahrung und konnte sich - getrennt befragt - entsinnen: Meine Mutter hatte fluchtartig mit mir die Wohnung verlassen und sich in einem Hotel einquartiert. Er hatte die Situation bereits damals voll verstanden und entsprechend abgespeichert. Meine Schwester hingegen betrachtet die Erinnerung hieran auch im Alter von rund 50 Jahren immer noch mit dem geistigen Horizont einer Sechzehnjährigen. Sie kann gar nicht anders. Ihr Gedächtnis ist so beschaffen. Man kann nicht Fakten aus dem Gedächtnis abrufen wie aus einer Festplatte, um sie dann objektiv zu analysieren. Man kann sich maximal ins gleiche Unverständnis zurück versetzen, das man einst hatte. Es erinnert sich immer die Person, die man zum Zeitpunkt des Erlebens einer Erinnerung war.

Nach all diesen Fragezeichen hinter unserem Gedächtnis drängt sich die letzte Frage auf: Was bleibt uns von unserem Leben?
Wer sind wir, ohne unser Gedächtnis? Wir müssten uns bei jeder Situation jeglichen Urteils enthalten, denn ohne Gedächtnis kein Deutungshorizont. Alles bliebe im Unbestimmten, einschließlich unseres Ichs.
Meine Großmutter hatte einmal rund zwei Stunden, um mir von ihrem Lebenslauf zu erzählen. Heraus kamen circa fünfzehn Minuten vor dem Krieg, fünfzehn Minuten für die gesamte Zeit von 1945 bis 2009 - und sehr viele Eindrücke aus dem Krieg selbst im Rest der Gesprächszeit. Rund vier Jahre Schrecken. Die Bilanz eines Lebens? Was ist mit ihren Glücksmomenten, ihrer Kindheit?
Hat mein Freund wirklich seinen Vater nie kennen gelernt? Wo sind die väterlichen Berührungen hin, die Gerüche der Kleidung, der Klang der Stimme?

Ich glaube, Gedächtnis und Erinnerung sind zwei verschiedene Dinge. Erinnerung geht tiefer. Sie ist ohne Gestalt. Sie hält sich länger.
Wenn man zur Ruhe kommt, wenn man mal nichts tut, wirklich einfach auf der Couch sitzt und nichts tut, nicht einmal meditieren… dann sinkt man unweigerlich in sich selbst ein, wie in lichter Watte. Und dort, jenseits aller Deutung und Emotion findet sich der formlose Eindruck eines ganzen Lebens, gleichermaßen destilliert in einem einzigen Gefühl.
Darum schrecken die meisten vor einem innigen Besuch dieses Orts zurück: man weiß ja nicht, worauf man dort trifft. Auf Angst oder auf Liebe.

Donnerstag, 6. Januar 2011

Werkzeug für Autoren - Livescribe und der Stift der Zukunft

(zu den anderen Artikeln der Reihe "Werkzeug für Autoren")

Handschriftliche Notizen kommen durch Services wie Evernote und mobile Endgeräte mit ausreichend großer Tastatur ein wenig außer Mode. Allerdings bin ich ein großer Verfechter traditioneller Schreibmethoden und Datenspeicher. Gleichzeitig bin ich begeisterter Evernote-Nutzer.

Livescribe kombiniert beide Welten. Livescribe ist 19. Jahrhundert meets 21. Jahrhundert.

Livescribe ist ein Unternehmen, welches sogenannte Smartpens und passende Notizbücher herstellt und vertreibt. Der Smartpen ist ein Kugelschreiber, der außerdem noch folgendes enthält:

- ein Mikrofon
- einen Lautsprecher
- eine Infrarotkamera
- ein Display
- eine Recheneinheit
- ab 2 bis ca. 16 GB Speicher, je nach Modell
- einen USB Anschluss
- einen Eingang für ein Stereo-Mic/Kopfhörer Headset

Was kann man damit machen?

Nun, das läuft so: Man schlägt sein Notizbuch auf, tippt mit dem Stift auf  die aufgedruckten Record/Play/Pause Knöpfe auf dem Papier, um beispielsweise eine Aufnahme zu starten und macht dann während eines Gesprächs handschriftliche Notizen. Am Ende der Aufnahme kann man irgendwo im Notizbuch auf eine Notiz tippen und hört, was zu dem Zeitpunkt des Niederschreibens der Notiz gerade gesagt wurde.
Das ist so abwegig, dass man es sehen muss, um es voll zu begreifen.




So etwas funktioniert über stundenlange Gespräche hinweg, denn in der kleinsten Speicherversion kann man bereits über hundert Stunden Audio in mittlerer Qualität aufzeichnen. Neben der reinen Steuerung der Audio-Aufnahme kann man über das Papier aber auch Lesezeichen anlegen (die man nach Beenden der Aufnahme über Papierknopfdruck auch wieder ansteuern kann), die Lautstärke sowie andere Einstellungen des Stiftes regeln, oder einen standardmäßig aufgedruckten Taschenrechner benutzen.

Die Interaktion Papier/Stift kann auch über Drittanbieter erweitert werden. So gibt es Software, mit der man das Notizbuch in einen Übersetzer verwandeln kann: deutsches Wort aufschreiben, der Stift gibt die Übersetzung aus.
Oder man malt eine Zeitangabe im Format hh:mm:ss und der Stift macht auf Kommando (d.h. Druck aufs Papier) einen Countdown. Das ist zum Beispiel nützlich fürs Brainstorming, welches ja mit Zeitbegrenzung laufen soll.

Was stellt man am Ende mit seinen Notizen an?

Da der Stift am Rechner angeschlossen werden kann, kann  man die handschriftlichen Notizen sowie das Audiomaterial auf eine Desktopsoftware übertragen, die alle Notizen sauber verwaltet. Die Verknüpfung zwischen Notiz und Audio bleibt dabei erhalten, das heißt, man kann mit der Maus auf sein Gekritzel tippen und man hört wieder, was zu dem Zeitpunkt gesagt wurde. Eine solche Datei kann man auch separat abspeichern, in einem sogenannten "Pencast".

Das Spezialpapier von Livescribe ist mit einem sehr feinen kaum sichtbaren Punktmuster übersät, welches dieses technische Wunder erst möglich macht. Das bedeutet, man muss das Papier benutzen. Entweder kauft man die Notizbücher von Livescribe oder man druckt das Papier samt Muster via Software selbst aus. Hierzu benötigt man aber einen postscriptfähigen Laserdrucker.
Ich kaufe einfach Notizbücher. Die Kosten halten sich in Grenzen (beispielsweise 19 Euro für vier Bücher mit je 160 Seiten).

Sind die Notizen im Rechner kann man die handschriftlichen Notizen auch durchsuchen. Die Volltextsuche über meine Sauklaue von Handschrift war dabei erstaunlich erfolgreich. Ich habe mir keine Mühe gegeben, besonders leserlich zu schreiben und Livescribe hat alle Stichwörter gefunden und hinterlegt die Fundstellen dabei mit gelber Farbe.

Für Evernote-Nutzer besonders interessant ist die Kooperation zwischen Livescribe und Evernote. Alle Notizen können als Audio, Bilddatei oder mit beidem automatisch in Evernote abgelegt werden. Auf die Art werden die Notizen direkt im momentan besten Notizenspeicher abgelegt, der sich denken lässt.

Was geht noch?

- Stereo-Audioaufnahmen über das mitgelieferte Stereoheadset
- Transkription der handschriftlichen Notizen in Textdateien über kostenpflichtigen Drittanbieter (nicht getestet)
- Archivierung alter Notizen. Wenn das Buch voll ist, oder der Speicher im Stift verbraucht, kann man die Notizen im Archiv ablegen. Damit kann man dann Speicher freimachen, verliert aber die Verbindung zwischen Buch und Stift, die fürderhin nur noch im Archiv enthalten ist.
- Online-Konvertierung der gesamten Notiz-Session in einen interaktiven Flash-Film
- Konvertierung in PDF (nur Bild) oder natives Format (Bild und Audio)
- man kann in einem Gespräch auch nur die Audioaufnahme im Stift starten und keine Notizen machen. Falls man später, beim reinen Nachhören, beginnt Notizen zu machen, werden diese auf die bekannte Art und Weise mit dem Audiomaterial verknüpft. In manchen Gesprächssituationen äußerst praktisch, wenn man sich ganz auf die Unterhaltung konzentrieren möchte.

Gibt es auch Nachteile?

Klar.

- Die Evernote-Verknüpfung ist noch inkonsequent, denn noch kann Evernote nicht selbst die sogenannten Pencasts abspielen. Die Desktopsoftware muss also auf dem Rechner installiert sein. Da Evernote aber davon lebt, dass man es eben nicht nur auf dem heimischen Rechner nutzt, ist das ein Nachteil. Allerdings hat die Kooperation der beiden Dienste erst kürzlich begonnen. Da steht noch einiges ins Haus.
- Die Pencasts können nur online in Flash konvertiert werden. Man kann die  resultierende Flashdatei aber nicht herunterladen. Wer den Pencast sehen will, muss sich registrieren. Das nervt. Kaum jemand, der den Stift nicht hat, wird sich das antun wollen, um zum Beispiel ein Protokoll einer Sitzung zu sehen.
- Es gibt keine kleine Abspielsoftware für die Pencasts. Damit ein Pencast also so leicht zu öffnen ist wie eine PDF-Datei, muss noch ein bisschen was passieren. Denn keiner, der nur die Notiz sehen will, hat Lust, gleich die komplette Desktopsoftware zu installieren.
- Ich rate überhaupt von der Nutzung des Online-Dienstes ab. Die Speicherung der Pencasts ist zwar standardmäßig von der Öffentlichkeit abgeschirmt - mit anderen Worten, andere können die Datei nur sehen, wenn man sie explizit dazu einlädt. Aber es gibt kein Statement von Livescribe zur Datensicherheit. Die Übertragung ist nicht verschlüsselt, und auch die Daten liegen hinterher unverschlüsselt auf dem Server. Wenn man also Besprechungen oder Interviews mit vor allem sensitivem Audiomaterial aufnimmt, behält man diese Daten besser lokal.
- Nicht direkt ein Nachteil, eher eine Benutzungsanweisung: man muss natürlich die Gesprächspartner davon informieren, was man gerade tut, denn  unerlaubte Audioaufnahmen von Gesprächen sind unzulässig.

Fazit:

Als ich diese Technologie das erste Mal benutzt habe, dachte ich, ich bin in der Zukunft. Endlich!
Die Begeisterung hält an. Wer viele Notizen macht, wer sich oft mit anderen bespricht, wer Interviews führt, wer in Lernsituationen ist, findet hier ein Produkt, welches wirklich einmal den abgenudelten Begriff "innovativ" mit Bedeutung füllt. Kaufempfehlung!

Mittwoch, 5. Januar 2011

RUHR2011 - Musik

Das Geld ist nun also alle, aber die gute Nachricht ist: die Repräsentationskultur zwischen Großprojekt und Opernhaus kann wieder sein, was sie von jeher war - die Spitze des Eisbergs nämlich.

Die Kulturhaupstadt ist nun auch wieder das, was sie schon immer war. Eine zerfaserte Region, die vor großartiger Kultur überquillt, die sich meist einen Scheiß drum kümmert, ob irgendjemand außerhalb Notiz nimmt (und die sich im Übrigen von Geldmangel nicht beeindrucken lässt). Da laufen vielleicht sonderbare Leute herum. Da wird Bier statt Sekt getrunken (und zwar nicht zu knapp). Da wird auch mal herumgeschrien oder man sitzt mit zehn Leuten da und weint leise vor sich hin, weil man nicht fassen kann, dass man diesen wunderbaren Augenblick nur mit so wenigen wildfremden Menschen teilen kann.
Aber so sieht Kultur nun mal aus, wenn es nicht nur darum geht, andere zu beeindrucken.

Ich möchte euch also alle einladen, nach dieser besinnungslosen Geltungssucht-Orgie des letzten Jahres an einer Rückbesinnung teilzunehmen. Dortmund (und eben von mir aus auch die Region) hat derart aufregende Kulturszenen, dass man jeden Tag unterwegs sein könnte, um sich irgendetwas tolles anzusehen.

Beispielsweise Musik.
Neulich wurde ich von einer Zugereisten gefragt, wo man denn in Dortmund so hingehen könne, wenn man Musik sehen wolle. Damit war ganz eindeutig nicht das Schauspielhaus, die Oper oder das Konzerthaus gemeint. Ich beginne hier mal aufzulisten, bestimmt habe ich Dinge übersehen. Ich hoffe also darauf, dass ggf. Leser die Liste bereichern…

Gitarren-Café im Fritz-Henssler-Haus
jeden ersten Dienstag im Monat
http://www.fhh.de/veranstaltungen/index_termine.htm

Eine Beschallungsanlage vom allerfeinsten auf der professionell ausgeleuchteten Bühne, Bistrotische und ein Raum vollgestopft mit ultrakritischen Gitarrenprofessoren zwischen 40 und 60 Jahren. Hier habe ich magische Momente erlebt, sowohl auf, als auch abseits der Bühne. 14jährige Wunderkinder spielen moderne Meister, Hausfrauen aus Essen vertonen Selbstgedichtetes und schnoddrige Gitarren-Antiquitätensammler spielen den Blues. Ohne Ti-Äitsch.

Hier wird Gitarre gespielt; jeder darf ran. Den Opener macht seit einiger Zeit eine hierfür gedungene (Semi-)professionelle Truppe, aber ansonsten ist Dilettant und Gitarrengott gleichermaßen aufgerufen, sich herzuzeigen. Die offenen Weihnachtsfeiern (Mitbringbuffet!) sind stets besonders besonders.

Akkordeon-Café im Fritz-Henssler-Haus
jeden ersten Mittwoch im Monat
http://www.fhh.de/veranstaltungen/index_termine.htm

Akkordeon-Café.
Ernsthaft.
Grad entdeckt. War ich noch nie. Werde ich aber ändern. Wer Lust hat, mich zu begleiten, funkt mich an.

Fritz-Henssler-Haus

Das FHH ist generell eine Top-Adresse für Konzerte, die leicht abseits vom Mainstream liegen. Hier habe ich Tommy Emmanuel erlebt und Don Ross und Andy McKee. Im Bistro. Mit Meet & Greet. Schluck das, Youtube!

Talentschuppen im Subrosa
am letzten Donnerstag im Monat
http://www.hafenschaenke.de/schedule.html

Das Subrosa ist einen eigenen Eintrag wert, aber zuvor ein Wort über den Talentschuppen: Hingehen! Hier ist mal wieder offene Bühne, aber im Gegensatz zum Gitarrencafé kann man hier auch mit Hang-Drum aufkreuzen, A capella singen oder sich nackt ausziehen. Boris Gott leitet das Ganze mit der üblichen Rampensau-Verve und wenn der Liebling des Abends gewählt ist, wissen alle, dass hier die wahren Superstars geboren werden.

3Klang Bonsai-Festival im Subrosa
Termine hier: http://www.daddyweyland.de/?page_id=259

Das Subrosa ist einen eigenen… ähh Moment.
Das 3Klang-Festival ist eines jener Musikereignisse, die einem als Zuschauer das Gefühl geben, Teil von etwas besonderem zu sein. Drei geladene, teils überregionale Bands spielen je ca. 30 Minuten und hinterlassen meist einen so intensiven Eindruck beim Publikum, dass man stets wünscht, es möge noch nicht aufhören. Ich weiß aus sicherer Quelle, dass das Lineup der kommenden Konzerte beim 3Klang derart spektakulär wird, dass ich versucht bin, die Ausgabe von Dauerkarten anzuregen. Lasst euch das nicht entgehen.


Das Subrosa.

Über das Subrosa werde ich in den kommenden Tagen einen eigenen Text schreiben, denn es handelt sich um nicht weniger als um das Kongresszentrum der freien Künstlerschar Dortmunds, das schangelige Wohnzimmer ehemaliger Dortmunder Innenhofkinder, die erste Anlaufstelle für Kultur am Abend, Unmengen Bier und einen Satz heiße Ohren, direkt vom Wirt.

Im Takt der Stadt - Musikreihe im Bam Boomerang
Jeden Dienstag!
http://www.bam-boomerang.de/pages/im-takt-der-stadt.php

Wenn man am Kneipentisch sitzt und die Füße direkt auf der Bühne ablegen kann und dann nicht sicher ist, ob man Akustik-Metal, Countryballaden oder sexy Retrorockerinnen aus Bochum serviert bekommt, dann ist man wohl im Bam Boomerang gelandet.


Bluesstammtisch im Trödler
Termine hier: http://www.bluesstammtisch.de/about.php

Da war ich noch nie. Das klingt paradox, denn wenn man mir alles wegnimmt, mich nackt auszieht und an der Haut kratzt kommt nichts anderes als Blut und Blues zum Vorschein.
Aber die Bluespuristen haben mir immer ein gewisses Unbehagen bereitet. Und Bluesstammtisch klingt nach Bluespuristen. Ich liege bestimmt falsch und werde mich durch einen Feldversuch widerlegen. Hat wer Bock mitzukommen?

Jazz am Dienstag (1. und 3.)
http://troedler-einstein.de/?p=70

Ebenfalls im Trödler wird regelmäßig gejazzt. Auch hier gilt, hingehen und selber prüfen, denn da ich kein Jazzer bin und wohl auch keiner mehr werde, kann ich nichts anderes hierüber sagen, als dass es da ist.

Jazzsession im Café Corso
http://www.projazz.de/Konzerte/Monday%20Night%20Session/session%20corso/

Auch im Corso wird gejazzt - Rhythm Section scheint immer da zu sein, und wenn die Ladies & Gentlemen aufeinander eingestimmt sind, kann mit dem Rest der Mucke eigentlich nicht mehr viel schief gehen…


Jazz-Session, jeden Montag im Domicil
http://www.domicil-dortmund.de/

Soweit ich weiß, wurde das Domicil Dortmund in einem amerikanischen Jazzmagazin zu einem der hundert besten Jazzclubs gewählt. Weltweit.
Wer sich noch an den miesen Keller in der Leopoldstraße erinnert, weiß, dass man nicht viel Repräsentation für wahre Größe braucht, aber das neue Domizil des Domicils macht natürlich mehr her.

Rock-Session Kultur-Bistro Legato im DKH
jeden Mittwoch
Leopoldstr. 50-58

Das Dietrich-Keuning-Haus setzt hier eine Tradition fort, die im Cosmotopia/Neotopia irgendwann ein Ende fand: die offene Bühne für Rockmusik. Wie immer bei offenen Bühnen kann man an einem solchen Abend als Zuhörer Glück haben - oder unsägliches Pech. Aber wer das Risiko scheut ist mit einem Abonnement der öffentlich subventionierten Sicherheitskultur ohnehin besser beraten.

Ergänzung vom Schlakks:
"Hinzuzufügen hätt' ich noch die Freistil-Session im Domicil, jeden 3. Mittwoch im Monat. "Funk Rock Soul Rap Jazz"...nach der Opener-Band um Sista Silk und Kid Mo ist die Bühne offen, oftmals eine schöne Verschmelzung von Musikstilen, es wird gefunkt, gejazzt, gerappt...teils echt gute Musiker dabei, schön. Und wer, wenn's sich gegen halb 1 dem Ende neigt, noch heiß ist, zieht weiter ins Legato, wo man dann so einige Gestalten aus dem Domicil wieder trifft."

Soweit regelmäßige Musiktermine, wie ich sie mir gerade aus dem Hut zaubere. Habe ich was vergessen? Bestimmt! Teilt es mir mit, ich nehme es mit in die Liste auf. Und dann lasst uns da raus gehen und Musik hören, wie sie nicht im Radio kommt, wie man sie nur da draußen erleben kann, wie man sie nicht per Filesharing auf den Rechner bekommt. In Echt.

Dienstag, 4. Januar 2011

Der Kreis der Wunden

Als ich 21 und auf dem Höhepunkt meiner jugendlichen Körperkraft, zudem rank und schlank und durchtrainiert, bei alledem aber offensichtlich nicht allzu helle war, sprang ich kopfüber aus drei Metern Höhe in flaches Wasser.

Mein Handgelenk war schon gebrochen, da war mein Hintern noch nicht nass.

Nachdem ich im nahe gelegenen Krankenhaus einer komplexen Operation unterzogen worden war, nicht ohne zuvor einige mitleidige Blicke ertragen zu müssen, weil ich in dem Sommer bestimmt der hundertste Depp war, der im Baggersee das Flachwasser nicht erkennt, war meine Hand wieder voll funktionstüchtig. Das war ein Segen, denn ich stand kurz vor einer Eignungsprüfung, die mir ein Musikstudium ermöglichen sollte.

Das ist nun schon fast zwanzig Jahre her, und es ist schon komisch, aber ich habe das Gefühl, dass mein Handgelenk erst in den letzten Jahren angefangen hat, hier und da zu schmerzen. Bei den nichtigsten Verrichtungen merke ich plötzlich: Handgelenk!
Was bedeutet:
Zeit heilt eben nicht alle Wunden.
Selbst die rein körperlichen nicht. Mit der Zeit werden manche Wunden immer weher, und es ist absehbar, dass ich dereinst die Schürfwunde wieder spüren werde, die ich mir zuzog, kurz nachdem ich sagte "Nein, ohne Stützräder!"
Vielleicht ängstigt es mich schon bald darauf, verlassen zu werden, wie mit fünf Jahren, als ich meinen Eltern zusah, wie sie mich bei der Tagesmutter ließen. Und schon bald darauf stoße ich wieder einen Geburtsschrei aus, den niemand hören kann, da er in einer anderen Welt erschallt, wo ich dann endlich verstanden haben werde, wie der Kreis der Wunden sich schließt.

Montag, 3. Januar 2011

Liebesbrief ans neue Jahr

Hallo 2011,

wir kennen uns noch nicht so lang, aber Du hast mich bereits ganz für Dich eingenommen. Ich habe den Eindruck, Du steckst bis unter die Hutkante voll mit Musik, was ich herrlich finde, denn da stimmen wir beide voll überein.

Auch scheinst Du mir in vielerlei Hinsicht ruhiger zu sein als Deine Schwester 2010 - das passt mir ganz gut. Nicht, dass ich irgendetwas gegen 2010 zu sagen hätte. Wir hatten großartige Zeiten. In der Tat kann ich mich an kein anderes Jahr erinnern, in dem ich derart durchgehend großartiger Stimmung war; selbst zu Zeiten mieser Laune. Diesen Gegensatz kann wohl nur verstehen, wer ebenfalls jenen Satz von sich sagen kann, den ich als meine Quintessenz des Jahres 2010 ermittelt habe:
Ich will genau da sein, wo ich bin.

Allerdings riechst Du auch nach Veränderung, 2011. Das ist ein Duft, der gleichermaßen berückend wie beängstigend ist. Wenn Du Dir meine letzten Beziehungen zu Deinen Schwestern so anschaust, wirst Du feststellen, dass viele von Ihnen diesen Duft an sich trugen.
2008 war eine stürmische Draufgängerin. Ich wusste selbst nicht mehr, wo mir der Kopf steht und habe mich am Ende gar nicht mehr wieder erkannt. Leider hat mir das Miststück auch jede Menge Schmerzen bereitet.
2009 war eine Übergangsfreundin. Tut mir leid, dass so sagen zu müssen, aber sie konnte nicht von Dauer sein, oder jedenfalls hat sie mir klar gemacht, dass nichts von Dauer ist. Dafür hat sie mir einen großen Wechsel, beziehungsweise eine große Veränderung erleichtert. Ich denke voller Dankbarkeit an sie zurück.
2010 war ein großartiger Fick.
Kann man nicht anders sagen.
Die Zeit zog wie im Rausch an mir vorüber. Im Hinblick auf viele Feiern mit großartigen Künstlern um mich herum muss man sogar vielmehr sagen: Die Zeit zog im Rausch an mir vorüber.

Gleichzeitig habe ich das erste Mal mein volles Potential gespürt. Es ist wie ein Märchen, in dem ich selbst der Wunsch bin, der hier in Erfüllung ging.

Nun hat sie mich verlassen und Dich hierher geschickt. Ihr habt in eurer Familie komische Sitten, die Männer so an die Schwestern weiter zu reichen, aber ich will mich nicht beschweren. In ihrem Abschiedsbrief hieß es nämlich, dass nichts mir die Erfahrungen mit ihr nehmen kann. Und das war ja schließlich und endlich der Grund, warum ich mich überhaupt auf sie eingelassen habe. Sie bleibt mir also ein bisschen erhalten, wie all ihre Vorgängerinnen.

So reicht ihr mich also weiter, und ich werde jede von euch mit Kusshand in Empfang nehmen, bis mich schließlich eine von euch überleben wird.
So ist das nämlich mit meiner Familie. Wir sind samt und sonders vergänglich.

Deswegen lass uns keine Zeit verlieren.
Willst Du mit mir gehen?

Dienstag, 21. Dezember 2010

An zwei anonyme Zuschauerinnen...

Sehr geehrte Damen,

Es freut mich, dass Sie beide bei meinem Auftritt waren. Ich glaube, wir hatten alle einen schönen Abend. Es freut mich außerdem, Post von Ihnen bekommen zu haben, denn das ist eine in Vergessenheit geratene Kunst und eine seltene Freude.
Des weiteren ist es schön, dass ich etwas in Ihnen anstoßen konnte, denn einen solchen Brief schreibt man nur, wenn man aufgewühlt ist.

Ich hatte "Stille Nacht, heilige Nacht" gespielt und etwas über den ständigen Flüchtlingsstatus der heiligen Kleinfamilie erzählt. Außerdem habe ich darauf hingewiesen, dass aus dem Sohn nichts geworden ist, dass er ohne Job durchs Land zog, dass er ständig anderen auf der Tasche lag und schließlich im Tempel herum pöbelte. Wie es dazu kommen konnte, ist klar: Jesus hatte Migrationshintergrund.
Soweit die kleine Pointe.

In salbungsvollem Ton weisen Sie mich nun darauf hin, dass Jesus geistlich gesehen niemals gescheitert sei. Dies scheine nur menschlich so.
Danke auch für diese Meinung.
Diese und eine weitere Kernaussage sind mit viel christlichem Dämmstoff eingekleidet, der den Brief bei genauerer Betrachtung bei mir hätte einschweben lassen müssen und hier nicht wiedergegeben werden muss.

Danke auch für die christlichen Kalender, die Sie meinen Kindern beigelegt haben. Ich denke, ich werde Sie lieber selbst behalten, denn meine Tochter würde sie mir wahrscheinlich befremdet vor die Schlafzimmertür legen. Sie hat mir kürzlich ihren Glaubenswerdegang so beschrieben:
"Erst habe ich gedacht, wenn man stirbt wird man ein Engel und muss die ganze Zeit Gott dienen. Dann habe ich geglaubt, wenn man stirbt kann man sich aussuchen, was man werden will, Hexe oder Vampir oder so…"
"Und was glaubst du jetzt?"
"Jetzt glaube ich, dass wir wieder geboren werden."
Unsere Kinder sind konfessionslos, weil die Kindstaufe ein Vorgang von geradezu gotteslästerlicher Dummheit ist. Ich bin gespannt, zu welchen Schlüssen über Gott meine Tochter im Weiteren noch kommt. Man kann ja so viel lernen, wenn man ein bisschen zuhört.

Zur anderen Kernaussage.
Ihnen ist einmal etwas in die richtigen Textzeilen gerutscht, was in Ihrem Brief ansonsten nur zwischen den Zeilen zu lesen ist: "Wenn Sie evangelischer Türke sein wollen…"

Meine anonymen Damen (und dass Sie als Absenderinnen anonym blieben, spielt ebenfalls eine Rolle - doch dazu später mehr)!
Kommen wir mal zu den zwei Punkten, die Ihren Brief zu einem Dokument Ihres mangelnden Gottvertrauens machen:

1. "Jesus ist nicht gescheitert."
Doch.
Ist er.
Wenn man überhaupt etwas über diesen Mann sagen kann, dann, dass er sagenhaft erfolglos war. Und zwar nach heutigen, wie nach damaligen gesellschaftlichen Maßstäben. Unverheiratet, ohne Nachkommen, ohne Einkommen, ohne Habe durchs Land gezogen, ein paar wankelmütige Gefolgsleute, Verrat in den eigenen Reihen, als Verbrecher hingerichtet. Sieht so ein grandioser Lebenslauf aus?
Es gibt wohl kaum eine andere historische Figur, aus deren Scheitern soviel erwachsen ist. Wenn man den spärlichen Dokumenten glauben darf, hat Jesus selbst sein Gottvertrauen in dem ganzen Vorgang zwischenzeitig verloren (siehe Matthäus 27.46, auch wenn es eigentlich ein Sterbe-Psalm ist).
Nehmen Sie es hin. Christ zu sein, bedeutet, Vertrauen in den Vorgang des Scheiterns zu haben. Wenn Ihnen dieser Umstand so viel Angst macht, begeben Sie sich ins Gebet. Falls Sie diesbezüglich Mitteilungsbedürfnis haben, akzeptieren Sie zumindest den Beginn eines Gesprächs und nennen Sie Ihre Namen; Sie könnten sonst versehentlich den Eindruck machen, als wollten Sie mir etwas aufzwingen, damit es Ihnen besser geht.

2. "Wenn Sie evangelischer Türke sein wollen…"
Ihr Brief ist von einem überbordenden Missionierungsdrang beherrscht, der Sie zur Annahme verleitet, mir meinen Glauben erklären zu müssen.
Ich nehme stark an, dass Sie sich fühlen, als hätten Sie etwas zu geben. Dabei wollen Sie in erster Linie, dass ich Ihnen etwas nehme:
die Angst, falsch zu liegen.
Wenn Ihnen eine kleine Pointe schon so viel Angst einjagt, wie ist es dann um Ihren Glauben bestellt? Verträgt ihr Weltbild eigentlich die Tatsache, dass unglaublich viele Menschen da draußen anderer Meinung sind? Können Sie sich vorstellen, dass es Gott vollkommen egal ist, ob man an sie glaubt? Wenn ihr Gottvertrauen groß genug ist, dass es solche Allerweltsdinge wie Zweifel, Meinungs- und Glaubensvielfalt, Atheismus und Wandel zulässt, sind Sie vielleicht auch bereit, auf "Empfang" umzuschalten. Das ist nämlich die schöne Doppeldeutigkeit des Wortes "Mission" und der Grund, warum ich allergisch auf Missionierung reagiere. Sie fühlen sich ausgesandt und sind auf "Sendung", eine Antwort wollen Sie jedoch nicht und bleiben lieber anonym. Es drängt sich ein Bild auf: Sie sitzen da, reden unablässig auf mich ein und halten die Zeigefinger tief in den Gehörgang. Dabei heißt es doch, wer Ohren hat, zum Hören, der höre!
Wer missioniert, dokumentiert sein mangelndes Gottvertrauen.

Wie ich in einem anderen Text mal zusammen gefasst habe:
In der Wahrheit können eine Aussage und ihr Gegenteil widerspruchslos vereinigt werden.
Das Bild von der Welt, das am ehesten der Wahrheit entspricht, ist stets um jeden Widerspruch, auf den es getroffen ist, bereichert worden.

Nicht der Widerspruch muss aus der Welt geschafft werden. Die Welt muss in den Widerspruch hinein.
Amen und Over.

Freitag, 5. November 2010

Wider dem Kulturimperialismus sein leichtes Spiel

Die fünfte Jahreszeit naht.

Halbverkleidete Volldeppen bereiten sich hochtrunken auf die Freuden des Fremdgehens vor. Das habe ich alles zu ertragen gelernt. Was nicht geht, jedoch, sind Dortmunder Westfalen, die "Viva Colonia!" singen.

Es ist keine 800 Jahre her, dass zwischen Dortmund und Köln Krieg herrschte! Das ist, wie soll ich sagen? Vorhin! Neulich! Jedesmal, wenn ich einen dieser verräterischen Wirrköpfe das Lied der Feinde singen höre, habe ich das Bedürfnis, diese im Schandkäfig vom First der Reinoldikirche baumeln zu sehen!

Ja, wenn gesungen würde:
"Komm Tremonia! | den rothen Hahn aufs Dach | den Köllnern gesetzt!"
...da wäre ich dabei. Geschichtsvergessene Säuferbande.

Samstag, 30. Oktober 2010

Ankündigung: Ergänzungen zu "Werkzeug für Autoren" und e-book

Bei manchen Werkzeugen hat sich in der Zwischenzeit so einiges getan. Evernote, beispielsweise, hat völlig neue Nutzungsaspekte für mich bekommen. Aber auch Tabbles entwickelt sich im Raketentempo.

Ich werde also diese und andere Artikel auf den neuesten Stand bringen, neue Artikel hinzu fügen und dann die ganze Reihe als E-Book heraus bringen, was hochtrabend neudeutsch ist für: man kann es dann als eine PDF-Datei herunterladen...

Mittwoch, 20. Oktober 2010

Die Apokayilypse

Ich finde meine Konfession ja sehr gelungen.
Protestant zu sein bedeutet, sich denen angeschlossen zu haben, denen man keine Angst einjagen konnte. Revolution, bitches!

Das sind alles Vorgänge, die ein halbes Jahrtausend zurück liegen. Da sind ja Dinge geschehen, so strunzdumm, man macht sich keine Vorstellung. Da sind wir nun, 500 Jahre später, schon bedeutend weiter. Wir lassen uns nicht so leicht manipulieren, ablenken und kontrollieren - wir wissen, was Sache ist.
Aber damals waren die Leute halt vielleicht einfach dümmer als wir. Anders kann man sich nicht erklären, dass zum Beispiel die katholische Kirche so erfolgreich damit war, die Menschen mit Angst zu kontrollieren.
Das lief ja so: Da zogen Agitatoren durchs Land und haben den Menschen erzählt: "Die Welt geht unter!"

Ehrlich!
Die Menschen haben das geglaubt. Die wussten: "Alter, noch ein zwei Generationen, dann ist hier Schluss, das ganze Scheißhaus wird in Flammen aufgehen!" Und dann, wenn die Menschen wirklich Schiss hatten, hatte man die Möglichkeit, Geld dafür zu bezahlen, dass man sich weniger schuldig als die anderen fühlen musste. Schuld wollte jedenfalls keiner haben. Also hat man so einen Wisch gekauft, der einem bescheinigte, dass man selbst nicht Schuld ist. Die anderen schon, aber man selbst war weitgehend aus dem Schneider. Begnadigt, sozusagen. So blöd waren die damals!
Dann kam Luther und hat eigentlich nur eine kleine Idee gehabt, die alles gesprengt hat:
Gnade kann man nicht erzwingen. Tatsächlich kann nichts und niemand Gnade hervorbringen. Du bist Schuld, akzeptiere es einfach.
Gnade passiert dem Dummkopf und übergeht den Intelligenten. Der Eine führt ein asketisches Leben, betet jahrelang darum und kommt nie in ihre Nähe.
Der andere begegnet ihr zufällig wenn er gerade mal lang genug nüchtern ist, um in sich hinein zu spüren.
Gnade wird dem Reichen gewährt, wahrend der Arme unfrei bleibt, ein Leben lang.
Gnade hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun, deswegen heißt es ja "Gnade vor Recht". Deswegen ist Gnade auch wichtiger als Gerechtigkeit, denn wenn wir alle bekämen, was wir verdienen, wären wir ganz schön am Arsch!
Du kannst dich für Gnade bereit halten. Du kannst im Voraus dankbar für sie sein. Wenn du keine Dankbarkeit spürst, kannst Du es als Vorstufe mit Demut versuchen. Wenn dir Demut schwer fallt, mach ein paar Übungen in Akzeptanz, dann kommt die Demut von allein.

Akzeptanz, Demut, Dankbarkeit und dann vielleicht: Gnade.
Keine Schuldscheine, kein Ablass, keine Buße, kein Kriechen im Dreck - Vor Gott bist Du ein freier Mensch. Mach Dich einfach bereit für Gnade.
Wenn sie kommt, ist sie ein Geschenk.

Warum erzähl ich euch das?
Nun, ich habe eine Neuigkeit für euch. Die Welt geht nicht unter.
Schon wieder nicht.
Ich weiß, dass man euch das Gegenteil erzählt.
Ich kann mich noch an ein Schülermagazin aus dem Jahr 1982 erinnern, auf dem abgestorbener Wald zu sehen war, darüber eine Uhr, die fünf vor zwölf zeigt. Seit beinahe dreißig Jahren bekomme ich in rhythmischen Abständen erzählt, dass die Welt demnächst untergeht. Immer ist es kurz vorm Dicken.
Es gibt den Deutschen Wald übrigens immer noch. Was war mit dem Waldsterben? Das ist unklar. Die Ursache, so meint man heute, könnten neben saurem Regen auch in Pilzbefall und Schädlingen zu suchen sein.
Auf jeden Fall ist heute eines klar: man hat sich damals verzählt. Bei der Erfassung wurden unterschiedliche Bewertungssysteme benutzt, und plötzlich waren die Bestände in der Statistik völlig falsch und man dachte ein ganzes Jahrzehnt, bald gibt's keinen Schatten mehr.
In der Zwischenzeit rannten alle herum und waren Schuld. Einige mehr als andere. Wenn man kein Auto fuhr und sich den Arsch mit der Hand abwischte, war man weniger Schuld dran.

Heute geht ja schon wieder die Welt bald unter.
Und es gibt auch wieder jene, die weniger Schuld sein wollen. Unbedingt!
Und was machen die dann? Die kaufen für Geld zum Beispiel einen Wisch, der ihnen bestätigt, dass der letzte Flug in die Urlaubsreise wieder gegen-aufgeforstet wird. Dann wissen sie: „Ich bin nicht so schuldig wie die anderen“, und finden das ein gutes Gefühl. Manche fühlen sich einfach nur dann gut, wenn sie sich besser als andere fühlen können.
Oder sie kaufen sich ein gutes Gefühl, indem sie ein Papier kaufen, dass ihnen bescheinigt, dass sie an Atomkraftwerken nicht ganz so doll schuld sind, auch wenn aus ihren Steckdosen natürlich nach wie vor Atomstrom kommt.
Geld hinlegen, Papier in der Hand, Schuld weg, gutes Gefühl.

Ich kenne ein noch besseres Gefühl: ein freier Mensch zu sein.

Wisst ihr, die Welt muss nicht gerettet werden. Das verspreche ich euch. Sie wird es weiter geben. Es ist auch nicht der Mensch gegen die Natur. Der Mensch ist Teil der Natur. Die Natur entwickelt sich innerhalb des Prinzips Mensch gerade mit Riesenschritten innerhalb von Wimpernschlägen. Wenn der Eisbar da nicht mit halten kann, dann denkt die Natur:
Scheiß auf den Eisbären!

Wenn das Klima sich verändert, ist das Teil der Natur, bewirkt durch den Teil von ihr, den wir Menschheit nennen.
Öl im Meer? Sinkt ab, sedimentiert, 500 Jahre, ist der Drops gelutscht.
Plastikmüll im Wald? Hält sich gut, tut aber nix. Nach zweihunderttausend Jahren bemerkt das keiner mehr.
Radioaktiver Müll? Maximal eine Million Jahre, hat der Dreck ausgestrahlt. Erdgeschichtlich ist das nix!
Wie sagte Luther? „Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, ich pflanzte heute noch ein Apfelbäumchen."
Fünfhundert Jahre ist das her und noch immer so aktuell wie damals.

Nehmt mal an, ihr wäret frei von Angst. Dann wäret ihr zwar an der Gesamtlage unweigerlich beteiligt, weil ihr ja Teil des Systems Mensch seid, ihr wäret sogar Schuld, falls ihr findet, die Situation ist gerade unerträglich.
Aber niemand kann euch mit Angst kontrollieren. Und ihr könntet vollkommen frei zu einer Entscheidung kommen, was ihr gerade am dringendsten verändern wollt.
Wenn das das Wetter ist, dann bitte schön. Niemand hält euch auf.
Aber sobald ihr frei seid, akzeptiert ihr auch die Freiheit aller anderen. Und dann kämpft ihr nicht mehr gegen etwas und schon gar nicht gegen jemanden. Dann steht ihr für etwas ein. Vielleicht ja sogar für jemanden.
Denn mit der Freiheit kommt die Liebe.
Vielleicht kommt ihr am Ende auch zu dem Schluss, dass es nach wie vor am unerträglichsten ist, dass jeden Tag Menschen verhungern, oder dass dieser Planet Zäune hat, die die simpelste aller Wahrheiten leugnen: dass die gesamte Erde eines jeden Menschen Heimat ist.

Was auch immer ihr dann tut. Ihr wäret freie Menschen. Irgendwann käme dann die Gnade ganz von selbst. Und dann spürt ihr vielleicht, dass wir auf der besten aller Welten leben.
Und dass ein Mensch, egal welche Entscheidungen sie fällt, egal, was er tut, alle Liebe verdient hat, die ihr aufbringen könnt. Ihr könntet euch das leisten, weil ihr wüsstet:
Akzeptanz und Freiheit führt am schnellsten zu Veränderungen. Das Beispiel Luther zeigt nämlich schließlich und endlich noch etwas ganz anderes:

Wenn sich sehr viele Menschen gleichzeitig frei von Angst fühlen, ist eines unausweichlich: die Revolution.

Samstag, 16. Oktober 2010

Vater werden ist nicht schwer...?

Es gibt zwei Sorten von Menschen. Die eine bekommt bei der Geburt eines nicht-ehelichen Nachkommens automatisch das Sorgerecht. Die andere nicht.

Die eine Sorte hat den ganzen Vertrauensvorschuss, den die Gesellschaft ihr schuldet. Wir nehmen alle an, dass diese eine Sorte Mensch fähig ist, die Sorge für ein Kind zu übernehmen, Verantwortung zu  tragen, nicht selbstsüchtig zu agieren, das Kindeswohl im Blick zu haben. Die andere Sorte bekommt dieses Vertrauen nicht. Wir verweigern dieser Sorte Mensch diese Grundannahme.

Die eine Sorte Mensch hat die Macht, der anderen Sorte Mensch den zeitlichen Umfang des Umgangs mit dem eigenen Kind zu diktieren. Sie bekommt diese Macht von der Gesellschaft. Wenn die machthabende Sorte kooperativ oder großzügig ist, kann diese Machtverteilung wie Gleichberechtigung aussehen. Sie ist es aber nicht.

Dieses Ungleichgewicht erhalten wir alle als Gesellschaft aus nur einem Grund am Leben. Der Grund ist, dass "die andere Sorte Mensch" etwas hat, was "die eine Sorte Mensch" nicht hat: einen Penis.

Wie hieß es noch gleich, wenn einem Menschen gleiche Rechte auf Grund des Geschlechts verweigert werden?

Sonntag, 3. Oktober 2010

Aus den Würfeln gesogen - Storyspiel Nr. 2

Ihr Geschichtenerzähler!

Lasst uns spielen! Das Spiel geht ganz einfach. Ich habe mir Storycubes gekauft, welche allerlei Symbole fürs freie Assoziieren und gebundene Brillieren enthalten.




Jeden Freitag würfle ich und stelle ein solches Bild online.
Dann fangt ihr an.

Es gibt nur folgende Regeln:

- Erzähle eine Geschichte!
- Verwende die Bilder der Würfel!

Abgesehen davon sind wir frei. Wir können dichten oder Prosa schreiben, lang oder kurz, laut oder leise. Ihr dürft es meinetwegen auch mit Bildern versuchen, denn "Geschichtenerzähler" ist ein dehnbarer Begriff. Ein Comic, beispielsweise, käme einer Heldentat gleich! Wenn ihr mögt, könnt ihr die Nummerierung benutzen, um in eueren Geschichten zu zeigen, welchen Würfel ihr gerade verwertet (die Nummer in Klammern einfügen).
Meist merkt man das zwar auch ohne Hinweis, doch wer zu solchen Heldentaten wir Tobi Katze fähig ist, fügt die Nummer am besten doch mit ein.

Zitat Tobi:







"Er zog sich an!"





Als Geschichtenanfang schlage ich, neben dem Klassiker "es war einmal..." vor:
- "Eines Tages, auf dem Amt für Gerechtigkeiten..." (ein Anfang, den wir Katja Freese verdanken!)
- "Was Klaus nicht wusste, war..."
- "Am letzten Tag meines Lebens..."

Postet eure Beiträge als Kommentare hier im Weblog, denn hier findet das Spiel statt! Wir freuen uns auf euere Geschichten.
P.S.: Wegen Spamschutz muss ich alle Kommentare noch einmal sehen und aktivieren. Lasst euch also nicht ins Bockshorn jagen, das Posting klappt schon!

Dienstag, 28. September 2010

Bauernmädchen und Supertusse

Das Töchterchen sitzt mit glänzenden Lippen am Frühstückstisch. Ich halte es für Unsinn, sich noch vor dem Frühstück zu schminken und frage nach. Sie beteuert, sich nicht geschminkt zu haben. Ihre Lippen werfen Lichtpunkte in den Raum wie eine Discokugel.
"Die sind auf jeden Fall geschminkt", beharre ich.
"Das ist vielleicht von gestern, als wir Bauernmädchen und Supertusse gespielt haben."
"Wie geht das denn?"
"Eine ist das Bauernmädchen. Die ist nicht geschminkt und doof angezogen. Das Bauernmädchen mag die Kotze von Schweinen und so was. Und zwei andere sind die Supertussen und sind ganz doll geschminkt. Wir haben zwanzig Handys und finden es normal, wenn wir tausend Euro bekommen und so. Und dann sind wir alle in einer Klasse und die Supertussen finden das Bauernmädchen ganz doof. Aber dann haben wir alle das selbe Muttermal, das aussieht wie eine Krone, weil wir alle Schwestern sind, und dann ist das Bauernmädchen die Tusse und wir sind Bauernmädchen."
Woraufhin sie mir ihr Handgelenk zeigt, auf dem der Filzstift-Schatten eines Muttermals in Form einer Krone zu sehen ist.
Mein Hirn ist noch zu keiner abschließenden Bewertung des Vorfalls gekommen. Vielleicht wird das auch auf lange Sicht nicht möglich sein. Ich dokumentiere bloß. Was bleibt mir anderes übrig?