Freitag, 18. Dezember 2009

Poser Bitch

Poser Bitch car
Kürzlich scharwenzelte ich im Kreuzviertel herum, welches nach wie vor als Studentenviertel bezeichnet werden kann, auch wenn es voll von bereits verbeamteten Lehrern ist, die von der Vergangenheit nicht lassen wollen.

Dabei stieß ich auf einen lila Jeep, durch dessen groben Kühlergrill deutlich ein glanzvernickelter Kühlpropeller sichtbar war. Sofort sah ich den Papa, der zum gelungenen Abi die Schlüssel zur Klimakillerkarre überreicht, auch wenn niemandem klar ist, wozu in aller Welt das frischgebackene Twen-Häschen in der Dortmunder Innenstadt einen geländegängigen Wagen benötigt.

Während ich also innerlich aufstöhnte, ohne jedoch irgendeine greifbare Formulierung zur Hand zu haben, die dieses Gefährt und seine Wirkung auf mich hätten beschreiben können, sah ich, dass jemand etwas in den Neuschnee auf der Motorhaube geschrieben hatte.

Ich trat näher und brauchte einen Augenblick, bis ich es entziffert hatte. Dann aber gellte mein Lachen durch die kalte Dortmunder Morgenluft: "Poser Bitch".

Niemand hat je trefferendere zwei Wörter auf eine Motorhaube gekritzelt. Mit einem Mal, waren mir meine eigenen Gedanken klarer, denn man hatte mir zwei kurze Wörter gegeben, die zwei Minuten verschwommenes Gedankengut zusammenfassten.

Danke, unbekannter Autor.

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Musikalische Skizzen aus den 90er Jahren - Opium Eater



Das Jahrzehnt geht zu Ende, und da den Modeschöpfern nichts neues einfällt, werden demnächst die 90er wiederbelebt werden.
In den 90er Jahren war die Decke meines Zimmers mit einem gigantischen nachtblauen Satinstoff ausgehangen, die Wände waren zitronengelb gestrichen und miroeske Wandmalereien verliehen dem Zimmer das fehlende bisschen Irrsinn.
An einem Windows95 PC mit gefühlten 166Mhz und einer Festplatte von einem Gigabyte schraubte ich stunden- ja tagelang an Samples, Audiospuren und anderen Klängen herum, legte sie übereinander und verfremdete sie, bis ich im Marihuananebel die Orientierung verlor.

Ich erinnere mich noch daran, dass ich mit einem kleinen Diktiergerät durch die Gegend rannte und zum Beispiel das Quietschen der Türen an der U-Bahnstation Clarenberg aufnahm. Ich denke heute noch, dass dieses Quietschen mit einem bisschen Hall nicht von Walgesängen zu unterscheiden ist. Vielleicht könnte man so eine Kommunikation zwischen den Dortmunder Stadtwerken und Buckelwalen aufbauen, aber egal...
Im Wesentlichen komme ich gerade darauf, weil ich letzte Nacht in einer ganz ganz üblen und verstaubten Gegend meiner externen Festplatte, in irgendwelchen ominösen Sub-Unterverzeichnissen, die nur noch abstruse Namen trugen wie "Zeugs", "Ideen" oder "Sachen" (Sachen? Ich muss den Verstand verloren haben, aber hey! Das waren die 90er!) auf sehr alte musikalische Skizzen stieß. Unfertiges, das mich mit einem verträumten Lächeln zurückließ.
Diese Audioschnipsel haben praktisch alles, was zu den 90er Jahren gehört: Samples, Breakbeats, Gitarren und Didjeridoos.
Ich schmeiße zur allgemeinen Unterhaltung ein paar davon ins Rennen. Das folgende Kleinod namens "Opium Eater" ist mit einem Midiklavier, einem viel zu lauten Drumsample und ein paar simulierten analogen Synthesizern instrumentiert, Gitarre muss ich wohl nicht extra erwähnen.
Vielleicht spiel ich da mal Querflöte drüber?

Dienstag, 15. Dezember 2009

Zu Gast bei Freunden - koste es, was es wolle.

Was hat es mit der türkischen Gastfreundschaft wirklich auf sich?

Die Gastfreundschaft ist ein gerne angeführtes Merkmal türkischer Mentalität, über das gerade Deutsche nach ihrem Urlaub in Verzückung geraten. Da wird nicht lang gefragt oder gefackelt: wildfremde Menschen werden ins traute Heim geladen und verköstigt, bis die Schwarte platzt, Fahrgelegenheiten werden organisiert, es wird sich gekümmert, gemacht und getan, ohne jede Gegenleistung.

Das begeistert.
Von innen sieht die Sache jedoch nicht immer ganz so rosig aus.

Wenn deutsche Freunde sich treffen, dann verabreden sie sich. Unter ganz engen Freunden reicht ein kurzer Anruf, ein paar Minuten, bevor man sich auf den Weg macht.
Das türkische Ritual der Gastfreundschaft bedeutet jedoch, dass es eben vor allem der unangemeldete, der unerwartete Gast ist, den diese am meisten betrifft. Folglich hat es kein Gast nötig, sich anzumelden. Man sitzt also in aller Ruhe beisammen, der Berufsstress flaut gerade ab, das Fernseh läuft und jallert eine Volksweise ins Wohnzimmer, derweil duftet es aus der Küche nach Tee und heißen Speisen.
Da klingelt es.
Es sind die Verwandten, die Nachbarn, die Freunde, die flüchtige Bekanntschaft aus der Innenstadt, die Eingelegtes gemacht hat, was weiß ich - es ist auch einerlei. Das Diktat der Gastfreundschaft betrifft sie alle.
Macht der gemeine Türke nun schier Luftsprünge aus Vorfreude über die gemeinsame Zeit mit dem Besuch, der gern bis spät abends bleibt? Zeigen sich Tränen der Dankbarkeit in seinem Augenwinkel, weil er nun endlich wieder seinem genetisch bedingten Drang nach Bewirtung nachgeben kann?

Natürlich nicht! Türken sind ja nicht bekloppt. Am liebsten würden sie in acht von zehn Fällen den Besuch hochkant über den Gartenzaun schicken, dringliche Geschäfte vortäuschen oder sich tot stellen.
Aber nichts von alledem kommt in Frage. Statt dessen wird das gesamte Arsenal der schon oft und nicht zu unrecht besungenen türkischen Gastfreundschaft aufgefahren, vom unablässigen Nachschub an Nahrung und Tee, bis zum Ausschalten des Fernsehers und der aufmerksamen Präsenz aller Familienmitglieder.
Gastfreundschaft ist kostspielig. Sie kostet vergelichsweise wenig Geld, aber viel Nerven. Man kann sie nur aufrecht erhalten, wenn man die eigenen Bedürfnisse immer und immer wieder dem Gast und seinem Wohlbefinden unterordnet.

Ich habe oft darüber nachgedacht, woher diese Gastfreundschaft eigentlich kommt und bin inzwischen der Auffassung, dass diese ihre Wurzeln in der nomadischen Herkunft der Seldschuken hat. Nomaden halten das Gastrecht hoch, denn sie wissen, dass sie selbst im Grunde ständig überall zu Gast sind und es immer wieder sein werden. Da kann man sich verschlossene Zeltwände nicht lange leisten. Das Gastrecht wird so zu einem wichtigen sozialen Netz und mit fortdauernder Geltung zu einem identitätsstiftenden Ritual. Auf der Empfängerseite zu sein wird durch das Geben legitimiert.

Die Deutschen hingegen sind ja seit der indogermanischen Zuwanderung im Grunde mit der Scholle verwachsen. Wer unterwegs ist, ist verdächtig (hat er kein Zuhaus?). Diesem Generalverdacht kann sich der Gast nur durch tadelloses Verhalten entziehen. Der Gast muss also alle seine Bedürfnisse einstampfen und um Gnade winseln, die der Gastgeber entweder gewährt oder nicht. Schließlich ist es unter Deutschen kein Faux-pas zu sagen: "Ich kann heute abend nicht. Ich bin zu müde/zu gestresst."

Daraus ergeben sich folgende Konsequenzen, die Deutschen nicht immer bewusst sind:

Im türkischen Gastrecht ist es die Pflicht des Gastes, sich gefälligst nicht anzustellen und die Gastfreundschaft in vollen Zügen auszukosten. Schließlich hat die Gastfreundschaft eine Menge gekostet (siehe oben) und niemand will sich dem Verdacht ausgesetzt sehen, dieses uralte Ritual als erster unterbrochen zu haben. Eine typisch deutsche und also bescheidene oder gar abwehrende Gast-Haltung ("bitte nicht solche Umstände") ist daher in höchstem Maße beunruhigend, weil eine Unterbrechung des Rituals nie in Frage kommt, einer von beiden aber nicht korrekt mit spielt.
Dann werden meist die Anstrengungen verdoppelt oder aber die Nahrung wird mit einer an Aggression grenzenden Eindringlichkeit angeboten. Der Gastgeber hatte schließlich keine Wahl, warum sollte es dem Gast da besser gehen?

Vielleicht wird nun auch klar, wie katastrophal fehlgeleitet der Begriff "Gastarbeiter" wirklich ist, denn wie nun wirklich jeder weiß, haben die Türken vom Verhalten zwischen Gast und Gastgeber völlig andere Vorstellungen, als die Deutschen mit diesem Wort nahe legen wollten.
Das Missverständnis wird praktisch jeden Tag schlimmer, wenn wieder eine bildungsferne Alleinerzieherin ihr Gesicht in die SuperRTL Fußgängerzonenkamera hält und betont: "Die sind hier nur zu Gast und sollen sich auch so benehmen!"

Eben, denken Türken dann. Tun wir doch!
Vielleicht hilft ein Überssetzungsvorschlag?

Was wohl eigentlich gemeint ist: "Wir wollen euch hier nicht haben, also schert euch zum Teufel!"
Das versteht nun wirklich jeder.

Montag, 14. Dezember 2009

"sie waren stets bemüht..." - Weder Kinder noch Inder

Der Ruf nach einer Einwanderungspolitik mit Augenmaß wird immer lauter. Dazu gehört auch, dass man gewisse Ansprüche an die Einwanderer stellt, ganz getreu dem Motto "Fördern und Fordern". Für diese Wortblase, die der wegen millionenschwerer Veruntreuung und gesetzwidriger Betriebsratsförderung vorbestrafte Peter Hartz im Zuge seiner gleichnamigen Geldspar-Gesetze gegen Sozialhilfe erfand, haben die Deutschen besonders viel übrig.

Die Ansprüche an Einwanderer umfassen immer wieder gerne auch deren Bildungsgrad. Nur der Crème de la Crème, so das Wunschdenken vieler, solle die Einwanderung erlaubt sein. Man will ja schließlich auch etwas von der Überfremdung haben.
Um diesem Denken einmal kurz die kalte Dusche der Realität ins Gesicht zu halten, hier ein Beitrag aus der Reihe "Integrationsbemühungen der Vergangenheit":

Es wird einfach nach wie vor zu wenig gepimpert in Deutschland. Oder vielleicht ist das ungenau formuliert. Es wird von Deutschen zu wenig Sex gehabt. Oder vielleicht ist auch das nicht ganz korrekt. Die im Normalfall anstehende Konsequenz von Sex, Kinder nämlich, findet bei Deutschen zu wenig statt.

Das wusste bereits Rüttgers vor rund 10 Jahren. Damals herrschte Fachkräftemangel. Anders als vor 30 und 40 Jahren also, als es einfach nur an Leuten mangelte, die bestimmte Arbeit tun wollten, fehlten dieses Mal Leute, die eine bestimmte Arbeit tun konnten. Mit den Deutschen war nicht zu rechnen. Es gab einfach zu wenige von ihnen, die entsprechend Vorbildung genossen hatten. Also sollten es ein weiteres Mal Kräfte von auswärts richten.

Rüttgers jedoch hatte bemerkt, dass bereits die Gastarbeiter der vorangegangenen Jahrzehnte nicht wieder gegangen waren und trumpfte mit dem Spruch "Kinder statt Inder" auf.
Wie dieser Spruch denn nun eigentlich genau zu verstehen ist - darum wurde im damaligen Wahlkampf viel Gewese gemacht. Eigentlich aber ist es ganz einfach. Die Aussage lautet im Detail: "Lieber sollen Deutsche mehr Kinder bekommen, als dass wir tausende von Indern samt Familie hereinlassen" oder auch "Ficken für den Volksfrieden".

Erste Vorboten der inzwischen salonfähigen xenophoben Hyterie zeigten sich  damals in humorigen Plakaten, auf denen ein bis zum Wagondach überladener indischer Zug zu sehen war (naturgemäß voll mit Indern), zusammen mit der Schlagzeile: "Die Inder kommen!". Hin und her ging das Geschrei darum, welche Art Inder und wie viele von ihnen, vor allem aber, wie viele ihrer Verwandten der deutsche Volkskörper vertrüge. Wie weit durfte man von seinen Ansprüchen abrücken? Wen, außer der absoluten Top-Elite, sollte man im Lande dulden?

So sahen sich die Deutschen: zwei oder mehr Lager heftig debattierender Demokraten, jedes mit einer Hand auf der Türklinke, streiten darüber, wie weit man das Tor aufmachen darf, und wie der nachfolgende Ansturm arbeitswilliger Inder verkraftet werden kann.

Dann ging das Tor auf. Und nichts passierte. Ratlos lugten die Deutschen durch die Tür und wunderten sich.
Wo blieben die Inder?
Einige kamen tatsächlich. Rund 18.000 statt der von Rüttgers oft befürchteten 150.000. Von denen blieben nicht all zu viele, vielleicht, weil manche Deutsche in ihrer Begeisterung für den Inder als solchen ihm quer durch die Innenstadt nachjagten.

Alles in allem kann man wohl sagen, dass auch die indischen Fachkräfte ihre Familien gern um sich haben. Sie werden nachverfolgt haben, wie in Deutschland über Einwanderer diskutiert wurde. Wahrscheinlich werden sie sich schlicht und einfach ein Land gesucht haben, in dem sie sich willkommener fühlen durften oder die Chancen für Elitekräfte im Allgemeinen besser sind.

Das nämlich ist die Crux an dieser Haltung zur Einwanderung. Natürlich darf man sich auf den Standpunkt stellen, nur bestimmte Leute haben zu wollen. Natürlich dürfen sich alle zusammen darauf einigen, dass wenn man schon selbst nicht genug kluge Leute hervorbringt, die Neuen bitte schön etwas auf dem Kasten haben sollen.

Nur tritt Deutschland dann augenblicklich in den internationalen Wettbewerb um eben diese Spitzenkräfte ein. Und all diese Spitzenkräfte haben Familie. Und sie sind naturgemäß recht wählerisch in ihren Optionen.

Die Deutschen möchten die Tür nur für die Rosinen aus dem Einwanderungskuchen öffnen, aber diese picken sich ihrerseits die besten Optionen heraus. Wird Deutschland dazu gehören? Ich bin skeptisch.

Noch ist Deutschland eben überwiegend Käsekuchen.

Freitag, 11. Dezember 2009

e*lan - geniale Pop Art aus Essen

An dieser Stelle möchte ich heute einmal jemanden aus der Zunft der bildenden Künstler empfehlen.

Pop Art ist ja ein alter und meist nicht besonders aufregender Hut. Jedenfalls konnte ich Campbell's Tomatensuppe oder Roy Liechtenstein nie etwas anderes abgewinnen als ein unbeteiligtes Zucken in den Augenbrauen.

Dann jedoch kam ich auf dem Weg zum Musikalienhändler an der Rückseite eines Weihnachtsmarktbüdchens vorbei, die mit kleinen gesprayten Graffiti geschmückt war. Neugierig geworden warf ich einen Blick auf die Vorderseite des Standes, wo mir die Schwarz-Weiße Pracht ins Gesicht klatschte. Die Helden und Heldinnen der jüngeren Filmgeschichte waren hier auf Leinwand verewigt, wobei ich in diesem Moment entsetzt fest stellen muss, dass für jemanden meines Alters jüngere Filmgeschichte bis Anfang der 90er Jahre zurückreicht, also annähernd zwanzig Jahre umfasst.

Ich kam von dem Anblick gar nicht mehr los, was um so schlimmer war, als dass ich nicht das Geld bei mir hatte, um auf der Stelle ein Bild zu kaufen, wie es sich gehört hätte.

Die Bilder von e*lan sind mit Schablonentechnik auf Leinwand in verschiedenen Formaten gesprayt, eine ähnliche Technik, wie man sie oft in der Graffiti-Szene vorfindet und zum Beispiel früher auch von banksy benutzt wurde.
Die Bildkomposition ist minimal - nicht nur Hintergrund und Texturen, auch Schattierungen und Details sind weg gelassen worden und machen einer Comic-Ästhetik Platz, die von Flächen statt von Linien lebt. Deswegen wird hier jede Kameraperspektive zur Ansicht einer Ikone.
Auch die Ruhrgebietslandschaften sind derart gelungen, dass mich ein so eben noch bezähmbarer Impuls überfällt, auf der Stelle mein Konto für ein paar großformatige Ansichten der Dortmunder Skyline zu plündern.

Ich möchte mal sagen: schockgefrorene Coolness in film-noir Vokabular. Schaut es euch einfach an!
(am besten auf dem Dortmunder Weihnachtsmarkt, denn die Dinger sind in echt einfach lauter)

http://www.elanelan.de/menu/new_iconic.html

Dienstag, 8. Dezember 2009

Christliche Mission - ich weiß doch, wie Du's brauchst...

Neulich stolperte ich ins kirchliche Radio hinein. Ich kann immer noch nicht mit Bestimmtheit sagen, welche Sendung es eigentlich genau war, aber ich nehme an, es handelte sich um "Himmel und Erde", die kirchliche Radiosendung auf Do 91.2 (obwohl die Frequenz eigentlich bei 91.7 lag, aber egal - wer es mit Bestimmtheit weiß, meldet sich!).

Es unterhielten sich jedenfalls zwei Männer über Missionsradio in Indonesien, christliches Missionradio, versteht sich.
Indonesien hat eine christliche Minderheit von ca. 8 % bei ca. 88% Muslime - es gibt keine vorgeschriebene Staatsreligion.
Gegenstand des Gesprächs wurden bald auch Verfolgung von Christen im mehrheitlich islamischen Land. Der Gesprächspartner, der vor Ort gewesen war, berichtete nun über eine Christin, die sich vor ihren Ortsvorsteher gestellt und ihm folgendes mitgeteilt habe:
"Ich bete für sie, aber auch sie müssen Christus als ihren Herrn anerkennen".
Worauf hin der gute Mann die eifrige Missionarin mit einer Woche Hausarrest bedachte. Hernach habe sie zwar wieder vor ihren Ortsvorsteher treten dürfen, aber es sei ja doch ein Beispiel für Benachteiligung von Christen im Alltag. Mit bedächtigem Tonfall unterstrich der Moderator der Sendung diese Anekdote mit der Feststellung, dass es doch schade sei, dass manche Gruppen bestimmte Rechte nicht gewähren wollten, die sie hierzulande doch einforderten.

Nun, ich weiß nicht, wann das letzte Mal ein indonesischer Moslem sich vorm Dortmunder OB aufgebaut hat und ihn hat wissen lassen, man bete für ihn, doch auch er müsse anerkennen, dass Allah nun mal Allah sei und Mohammed als dessen Propheten anerkennen.
Ich bin außerdem nicht ganz sicher, welchen Gesamteindruck ein islamischer Missionssender in NRW im Moment machte.
Ich bin jedoch sehr sicher, als wes Geistes Kind Moslems eingestuft würden, die beides im Jahre 2009 in Mitteleuropa versuchten. Aber vielleicht sehe ich da auch zu schwarz und die Tatsache, dass christliches Missionieren nach wie vor in großem Stil statt findet, ist eben kein Zeichen religiösen Hegemonialanspruchs oder ausgetragenen Kulturkampfes. Es kommt eben nicht zuletzt darauf an, wer gerade missioniert. Sind es die eigenen Leute? Oder die gegnerische Mannschaft?

Es ist doch schade, dass solche Leute ungern Privilegien gewähren, die sie andernorts so gerne einfordern.

Freitag, 4. Dezember 2009

Lesungskonzert beim LesArt Festival 2009 - des Asischen mächtig

In ewig dankbarer Erinnerung wird mir von diesem Abend in Bezug auf den hier vorgestellten Text bleiben, dass Tobi Katze mir hinterher berichtete, dass ein Asischsprachiger aus dem Publikum den Text kommentierte mit: "Ey, die schwule Schwuchtel!"

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Was Willi und ich gemeinsam haben

Heute erfuhr ich von Willi und Erna.

Seit einiger Zeit sprang die Gastherme nicht an, so dass es mitten im Dezember kein warmes Wasser mehr gab. Da wir begannen, erste Anzeichen von Verwahrlosung zu zeigen, war ich froh, dass der Klempner kam und begann, die Therme zu säubern.
Der gute Mann, wir wollen ihn Kemper nennen, öffnete die Therme, baute Kleinteile aus und reinigte sie, hielt das Ohr an Leitungen und nickte zufrieden, wenn er hörte, wie Gas ausströmte (ein Geräusch, das mich eher nervös gemacht hätte).
Wie ich erfuhr, war Kemper bis gestern Nacht um 3.00 Uhr damit beschäftigt gewesen, Rechnungen zu schreiben, nachdem er zuvor bis 12.00 Uhr Nachts auf der Baustelle "zugange" war.
Klempner Kemper macht den Job seit beinahe dreißig Jahren. Deswegen konnte er gleichzeitig erzählen und unsere Körperhygiene retten, so dass ich folgendes zu hören bekam:

"Ich gestern auf der Baustelle mit so einem 22-Kilo-Klo. Bis sie das hochgewuchtet haben, bricht ihnen schon der Rücken halb auseinander. Und dann waren da so Imbusschrauben drin, zum Festmachen. Jetzt hatte durch die Wackelei die eine sich so in das Loch hineingewackelt. Ich bin also so weit und will das Ding fest schrauben, ist die Schraube weg. Ich denk noch so, wo ist das Ding denn jetzt hin, kipp das Klo nach hier und nach da und auf einmal hör ich es! Ist die Scheiß Schraube durch das Loch in das Klo hinein gefallen! Ich also das Ding hoch gewuchtet und versucht, die Schraube durch das Loch wieder heraus zu friemeln. Und die ganze Zeit der kleine Mick, was der Sohn von denen ist, mit seiner neuen Stereoanlage im Bad auf volle Pulle und fragt mich die ganze Zeit: "Was machst du da? Und jetzt? Suchst du was?". Eine Stunde habe ich gebraucht, bis ich das Ding wieder heraus hatte! Ich setz das Klo ab, steck die Schraube ein, ist das Ding schon wieder weg! Aber da hatte ich ja schon Übung."

In der Zwischenzeit hatte ich bereits Tränen gelacht, wodurch ich allerlei Wissenswertes über den Beruf des Klempners erfuhr, wie zum Beispiel die Tatsache, dass man es als Klempner fast immer mit halb Bekloppten zu tun hat.

"Neulich tausch' ich das Thermostat aus und guck mir das Ding so aus der Nähe an, da spür ich schon die Wangenhaare von dem Kunden auf meinem Gesicht, so nah war der neben mir. Ich sage nur, können sie alles sehen, weil gleich sitzen sie auf meinem Schoß! Ne, sagt er, alles klar, gute Sicht. Dann muss ich runter in den Firmenbully und Werkzeug holen. Ich kram in der Tasche auf dem Beifahrersitz, merk ich so, wie der Typ hinten in der Ladefläche sitzt! Ich so zu ihm: Hör mal, Verstecken geht aber anders! Da muss der eine die Augen zu machen, der andere zählt und dann muss einer suchen, aber wenn sie jetzt überall hingehen, wo ich hingehe, dann wird das nix! Aber das raffen die ja nicht, die wollen alles wissen, jeden Handgriff. Neulich sitzt mir wieder so einer seit ner halben Stunde auf dem Schoß und kontrolliert alles, was ich mache. Und ich brauch' ein Werkzeug und kram in meiner Kiste.
Fragt der, was ich suche.
Ja, wie was ich suche.
Ja, was suchen sie denn?
Sag ich ihm dies und das und er nur Aha! Das sind mir die richtigen Spezialisten. Ich renne den ganzen Tag von einer Baustelle zur anderen, die Heizung springt nicht an, es tropft durchs Dach oder eine Wand muss aufgestemmt werden, und dann rufen die an und sagen, ihr Wasserhahn tropft. Ganz wichtig! Dann müssen sie dreimal klingeln, weil der Idiot die Tür nicht aufmacht. Dann fahren sie weg und erfahren am nächsten Tag, dass der sich bei der Vermieterin beschwert, dass ein Mann in seine Wohnung will. Und dann, wenn er endlich so weit aufgeklärt ist, dass sie in die Wohnung dürfen, sitzt er ihnen die ganze Zeit im Nacken. Bei dem einen Anschluss musste ich durch den Wandschrank hindurch die Wand aufmeißeln, weil der das Rohr aufgerissen hat und jetzt das Wasser raus tröppelt. Und er die ganze Zeit neben mir und ich am hämmern wie so ein Bildhauer, wie Michelangelo, war ja total eng da drin, immer so ein kleines Stück. Fragt der mich, wofür die Öhrchen da am Anschluss sind.
Ja was meinen sie denn, frage ich.
Und er, keine Ahnung.
Damit schraubt man den Anschluss an der Wand fest.
Fragt der mich, haben sie das schon angebohrt? Er sitzt die ganze Zeit daneben! Ich also zu ihm, haben Sie einen Bohrer gehört? Hatte ich eine Bohrmaschine in der Hand? Meinen Sie ich habe gerade, als sie sich kurz mal umgedreht haben, meine Bohrmaschine hoch gezaubert und ganz schnell alles angebohrt, bevor sie wieder geguckt haben?

Also, haben sie es jetzt angebohrt?

Nein! Habe ich nicht!
Und mit so etwas müssen sie sich den ganzen Tag beschäftigen."

An dieser Stelle schlug ich ihm vor, doch vielleicht einen Azubi einzustellen, aber einen Arbeitsplatz zu schaffen, ist in Deutschland mit einem derart hohen Aufwand verbunden, dass ein Kleinbetrieb im Grunde direkt Konkurs anmelden kann. Das spart Zeit. Also bleibt nur zeitweise Anstellung von Aushilfen.
Und hier kommt Willi ins Spiel. Willi ist ein Kumpel von Kemper und seines Zeichens Maurer und Zauberer, oder jedenfalls müsste er Zauberer sein, denn sich in derartige Schwierigkeiten zu bringen, erfordert eigentlich schon höhere Magie.

"Wir auf dieser Baustelle im Dortmunder Süden, wo die ganzen hohen Tiere wohnen. Beste Wohngegend. Und es muss eine Tür versetzt werden, ich also zu Willi, hier zumauern, da hinten aufstemmen. Ich komme nach zwei Stunden wieder, ist die Tür zugemauert und Willi weg, nicht zu finden. Ich renne von einem Raum in den anderen, rauf und runter und immer Willi! Wiilli! Und dann hör ich ihn so dumpf wie hinter ner Wand. Hat der Idiot sich eingemauert und den Hammer vergessen und sitzt jetzt schön in einem Raum ohne Tür. Bis wir ihn da wieder heraus haben, hätte ich den Scheiß auch selber machen können. Also gebe ich ihm hinterher lieber eine andere Aufgabe.
Ich so zu Willi, pass auf.
Du bringst den Schutt hier nach unten, am besten nimmst du direkt zwei Eimer, gehst nach unten und schütts' das in den Container. Und so weiter und so weiter, bis der Haufen weg ist. Klare Ansage, soll man meinen, da kann eigentlich nichts schief gehen. Drei Stunden später habe ich die Polizei am Telefon. Ich geh nach vorn auf die Straße, liegt die ganze Gegend in Schutt und Asche. Wie bei einem Sandsturm, man sieht die Sonne schon nicht mehr, überall auf den dicken Autos so eine Schicht Staub. Was macht der faule Idiot? Seit drei Stunden kippt der Eimer um Eimer aus dem Fenster im zweiten Stock in den Container vorm Haus. Und der Wind natürlich schön durch die ganze Straße. Da dürfen sie dann bei jedem Haus antanzen und den Diener machen und Entschuldigung sagen und Auto reinigen. Man lernt eine Menge hoher Tiere kennen, nur leider gucken die alle so grimmig.
Und Willi am nächsten Tag: Du, ich komme gleich und hole mir die Kohle von Arbeiten gestern. Ich nur so, was für ein Geld? Denk noch mal nach, Willi. Aber Willi und nachdenken, das wird nix. Ich weiß noch, irgendwann schicke ich ihn zu einer Baustelle und er ruft an: Hier is dunkel.
Wie dunkel, sag ich.
Ja, sagt Willi, hier is dunkel.
Ich denk noch so, ist eine Sonnenfinsternis? Hömma Willi, ich bin hier in Mengede und da ist hell.
Ja, aber hier in dem Raum ist keine Glühbirne!
Ja, was soll ich denn da machen? Nimm' dir eine Taschenlampe oder fahr in den Baumarkt, aber Willi fährt ja überall mit dem Fahrrad hin.
Neulich war ich bei Willi in der Wohnung und zeichne ihm mit der Wasserwaage an, wo er die Duschstange anbohren kann, für seinen neuen Duschkopf. Komme ich am nächsten Tag wieder, hat der eine Schraube abgebrochen, in dem Loch, dass er sich gebohrt hat, völlig krumm und schief, mitten auf der Fliese.
Ich so, Willi. Warum meinst du wohl habe ich hier eine Linie hingezeichnet?
Ja, ich habe mich schon gewundert, warum die so lang ist.
Damit du da auf der Linie bohrst, du Dösbaddel.
Das wusste ich nicht.
Und warum hast du den Duschkopf so niedrig angebracht? Du bist einsfünfundsiebzig, das Ding hängt auf einssiebzig. Wenn du damit duscht, das ist, als ob du dir ein warmes Ei aufm Kopf schlägst, da kommst du ja noch nicht einmal mit der Hand drunter, um dir die Haare zu waschen. Bring das bloß in Ordnung, bevor Erna kommt. Die Erna, was Willis Frau ist, hat für Willi nur Wörter übrig wie "Arschloch" und "Idiot".
Neulich streicht Willi die Wohnzimmertür, so eine Lammelentür, die hat er ausgehangen. Ich komm dazu, da seh' ich noch, wie ihm der Pinsel zu kurz wird, weil die Tür so ganz langsam umkippt. Zack, hat er die Tür auf dem Wohnzimmerteppich. Willi wuchtet die wieder hoch und guckt sich die Schweinerei an und meint, wie soll ich denn jetzt die ganzen Haare wieder von der Tür kriegen und ich sage Willi. Scheiß auf der Haare an der Tür, die kannst du von mir aus hinterher abrasieren. Guck dir lieber die Farbe auf dem Teppich an! Und Erna kommt wieder und sagt nur, guck mal, die Lammelentür wirft ja einen Schatten auf den Teppich, und ich sage nur tschüss, ich muss weg, damit ich aus dem Haus bin, bevor die Sonne weg ist und Erna merkt, dass der Schatten immer noch da ist.
Am anderen Tag sitzen wir im Garten und Willi will die Regenrinne reinigen. Ich greif mir nur kurz mein Bier, ist er plötzlich weg. Grad noch auf der Leiter, jetzt nix zu sehen. Ich gucke mich um, und denk noch, haben sie den jetzt weg gebeamt? Ich so zu Erna, Erna, wo ist denn der Willi? Und sie, ohne von ihrer Zeitschrift hoch zu gucken: Der Arsch ist gerade von der Leiter gefallen. Und ich seh nur so ein weißes Bein aus dem Beet schauen. Da liegt der mit einer gebrochenen Rippe im Beet und die sagt nur, der Arsch ist gerade von der Leiter gefallen. Da weißt du Bescheid. Aber die sind auch beide, ich weiß nicht. Der Willi ist so… doof!"

Und hier hält Kemper sich die Stirn, weil er all die Episoden schon gar nicht mehr aushält. Aber eine muss er dann doch noch los werden, während ich nach Luft schnappe.

"So doof. Da will er die Tür unten absägen, damit die besser zu geht. Und ich sitz unten und höre ihn sägen und er sägt und sägt und ich denk, Mann, sägt der die Tür der Länge nach in zwei Hälften, oder was macht der da? Und Erna sagt, er macht das mit der Stichsäge, was schon doof genug ist, weil das Wellen gibt, aber ich dacht noch, komm, sag mal nix. Und dann kommt Willi und ist fertig und wir gehen es uns angucken. Und er steht im Flur und ich sage Willi. Wenn die Tür zu ist und ich kann deinen Fußnägel sehen, was sagt dir das?"

Huch, denke ich, da braucht er gar nicht weiter zu erzählen. Willi hatte unten zu viel abgesägt.
Und hier, an dieser Stelle, fror mir kurz das Lachen fest, denn ich musste daran denken, wie die Liebste und ich bemerkten, dass nach dem Laminat verlegen keine Tür mehr richtig zu ging, und bei der Wohnungstür noch Schleifen ausreichte, aber die Küchentür auch nach einem ganzen Tag lang Schleifen noch nicht geschlossen hätte.
Also leihen wir uns die Kreissäge vom Nachbarn, denn dass das Ganze mit der Stichsäge nichts wird, das war klar. Und ich messe, und ich messe noch einmal und setze mit der Kreissäge an und die Liebste sagt, du ich glaube, das ist ein bisschen viel, läuft das Sägeblatt nicht hier entlang? Und ich sage, jetzt lass mich hier in Ruhe sägen, denn es war ein harter Tag gewesen. Schon zur Mittagszeit wollte ich kurz das ganze Laminat durchs geschlossene Fenster schmeißen, weil ich nach ewigem Verlegen einen Schluck Cola vor dem Küchenfenster zu mir nahm und mich mit einem Mal fragte, warum ich bergauf gehen muss, als mir klar wurde, dass an der Stelle unter dem Laminat noch ein verdammter Abstandshalter herum liegt, und ich also den ganzen Scheiß noch einmal auseinander ziehen und neu verlegen musste.
"Lass mich in Ruhe sägen!", rief ich also und die Kreissäge wie Butter durch die Tür und jetzt stehe ich hier vor Kemper und denke, hoffentlich geht nie etwas mit den Anschlüssen in der Küche kaputt, denn dann wird er in Zukunft seine Geschichten über Willi mit meiner verbinden.

Und dann hat irgend jemand anderes etwas zu lachen.

Mittwoch, 2. Dezember 2009

Blues in Münster - Live Mitschnitt im Cuba Nova

Hier ist ein Mitschnitt eines Bluessongs, den ich auf der TatWort-Lesebühne im CubaNova in Münster gespielt habe.

Wir befinden uns weit diesseits des Mississipi, aber die Leute gehen 1A mit!