Heute erfuhr ich von Willi und Erna.
Seit einiger Zeit sprang die Gastherme nicht an, so dass es mitten im Dezember kein warmes Wasser mehr gab. Da wir begannen, erste Anzeichen von Verwahrlosung zu zeigen, war ich froh, dass der Klempner kam und begann, die Therme zu säubern.
Der gute Mann, wir wollen ihn Kemper nennen, öffnete die Therme, baute Kleinteile aus und reinigte sie, hielt das Ohr an Leitungen und nickte zufrieden, wenn er hörte, wie Gas ausströmte (ein Geräusch, das mich eher nervös gemacht hätte).
Wie ich erfuhr, war Kemper bis gestern Nacht um 3.00 Uhr damit beschäftigt gewesen, Rechnungen zu schreiben, nachdem er zuvor bis 12.00 Uhr Nachts auf der Baustelle "zugange" war.
Klempner Kemper macht den Job seit beinahe dreißig Jahren. Deswegen konnte er gleichzeitig erzählen und unsere Körperhygiene retten, so dass ich folgendes zu hören bekam:
"Ich gestern auf der Baustelle mit so einem 22-Kilo-Klo. Bis sie das hochgewuchtet haben, bricht ihnen schon der Rücken halb auseinander. Und dann waren da so Imbusschrauben drin, zum Festmachen. Jetzt hatte durch die Wackelei die eine sich so in das Loch hineingewackelt. Ich bin also so weit und will das Ding fest schrauben, ist die Schraube weg. Ich denk noch so, wo ist das Ding denn jetzt hin, kipp das Klo nach hier und nach da und auf einmal hör ich es! Ist die Scheiß Schraube durch das Loch in das Klo hinein gefallen! Ich also das Ding hoch gewuchtet und versucht, die Schraube durch das Loch wieder heraus zu friemeln. Und die ganze Zeit der kleine Mick, was der Sohn von denen ist, mit seiner neuen Stereoanlage im Bad auf volle Pulle und fragt mich die ganze Zeit: "Was machst du da? Und jetzt? Suchst du was?". Eine Stunde habe ich gebraucht, bis ich das Ding wieder heraus hatte! Ich setz das Klo ab, steck die Schraube ein, ist das Ding schon wieder weg! Aber da hatte ich ja schon Übung."
In der Zwischenzeit hatte ich bereits Tränen gelacht, wodurch ich allerlei Wissenswertes über den Beruf des Klempners erfuhr, wie zum Beispiel die Tatsache, dass man es als Klempner fast immer mit halb Bekloppten zu tun hat.
"Neulich tausch' ich das Thermostat aus und guck mir das Ding so aus der Nähe an, da spür ich schon die Wangenhaare von dem Kunden auf meinem Gesicht, so nah war der neben mir. Ich sage nur, können sie alles sehen, weil gleich sitzen sie auf meinem Schoß! Ne, sagt er, alles klar, gute Sicht. Dann muss ich runter in den Firmenbully und Werkzeug holen. Ich kram in der Tasche auf dem Beifahrersitz, merk ich so, wie der Typ hinten in der Ladefläche sitzt! Ich so zu ihm: Hör mal, Verstecken geht aber anders! Da muss der eine die Augen zu machen, der andere zählt und dann muss einer suchen, aber wenn sie jetzt überall hingehen, wo ich hingehe, dann wird das nix! Aber das raffen die ja nicht, die wollen alles wissen, jeden Handgriff. Neulich sitzt mir wieder so einer seit ner halben Stunde auf dem Schoß und kontrolliert alles, was ich mache. Und ich brauch' ein Werkzeug und kram in meiner Kiste.
Fragt der, was ich suche.
Ja, wie was ich suche.
Ja, was suchen sie denn?
Sag ich ihm dies und das und er nur Aha! Das sind mir die richtigen Spezialisten. Ich renne den ganzen Tag von einer Baustelle zur anderen, die Heizung springt nicht an, es tropft durchs Dach oder eine Wand muss aufgestemmt werden, und dann rufen die an und sagen, ihr Wasserhahn tropft. Ganz wichtig! Dann müssen sie dreimal klingeln, weil der Idiot die Tür nicht aufmacht. Dann fahren sie weg und erfahren am nächsten Tag, dass der sich bei der Vermieterin beschwert, dass ein Mann in seine Wohnung will. Und dann, wenn er endlich so weit aufgeklärt ist, dass sie in die Wohnung dürfen, sitzt er ihnen die ganze Zeit im Nacken. Bei dem einen Anschluss musste ich durch den Wandschrank hindurch die Wand aufmeißeln, weil der das Rohr aufgerissen hat und jetzt das Wasser raus tröppelt. Und er die ganze Zeit neben mir und ich am hämmern wie so ein Bildhauer, wie Michelangelo, war ja total eng da drin, immer so ein kleines Stück. Fragt der mich, wofür die Öhrchen da am Anschluss sind.
Ja was meinen sie denn, frage ich.
Und er, keine Ahnung.
Damit schraubt man den Anschluss an der Wand fest.
Fragt der mich, haben sie das schon angebohrt? Er sitzt die ganze Zeit daneben! Ich also zu ihm, haben Sie einen Bohrer gehört? Hatte ich eine Bohrmaschine in der Hand? Meinen Sie ich habe gerade, als sie sich kurz mal umgedreht haben, meine Bohrmaschine hoch gezaubert und ganz schnell alles angebohrt, bevor sie wieder geguckt haben?
Also, haben sie es jetzt angebohrt?
Nein! Habe ich nicht!
Und mit so etwas müssen sie sich den ganzen Tag beschäftigen."
An dieser Stelle schlug ich ihm vor, doch vielleicht einen Azubi einzustellen, aber einen Arbeitsplatz zu schaffen, ist in Deutschland mit einem derart hohen Aufwand verbunden, dass ein Kleinbetrieb im Grunde direkt Konkurs anmelden kann. Das spart Zeit. Also bleibt nur zeitweise Anstellung von Aushilfen.
Und hier kommt Willi ins Spiel. Willi ist ein Kumpel von Kemper und seines Zeichens Maurer und Zauberer, oder jedenfalls müsste er Zauberer sein, denn sich in derartige Schwierigkeiten zu bringen, erfordert eigentlich schon höhere Magie.
"Wir auf dieser Baustelle im Dortmunder Süden, wo die ganzen hohen Tiere wohnen. Beste Wohngegend. Und es muss eine Tür versetzt werden, ich also zu Willi, hier zumauern, da hinten aufstemmen. Ich komme nach zwei Stunden wieder, ist die Tür zugemauert und Willi weg, nicht zu finden. Ich renne von einem Raum in den anderen, rauf und runter und immer Willi! Wiilli! Und dann hör ich ihn so dumpf wie hinter ner Wand. Hat der Idiot sich eingemauert und den Hammer vergessen und sitzt jetzt schön in einem Raum ohne Tür. Bis wir ihn da wieder heraus haben, hätte ich den Scheiß auch selber machen können. Also gebe ich ihm hinterher lieber eine andere Aufgabe.
Ich so zu Willi, pass auf.
Du bringst den Schutt hier nach unten, am besten nimmst du direkt zwei Eimer, gehst nach unten und schütts' das in den Container. Und so weiter und so weiter, bis der Haufen weg ist. Klare Ansage, soll man meinen, da kann eigentlich nichts schief gehen. Drei Stunden später habe ich die Polizei am Telefon. Ich geh nach vorn auf die Straße, liegt die ganze Gegend in Schutt und Asche. Wie bei einem Sandsturm, man sieht die Sonne schon nicht mehr, überall auf den dicken Autos so eine Schicht Staub. Was macht der faule Idiot? Seit drei Stunden kippt der Eimer um Eimer aus dem Fenster im zweiten Stock in den Container vorm Haus. Und der Wind natürlich schön durch die ganze Straße. Da dürfen sie dann bei jedem Haus antanzen und den Diener machen und Entschuldigung sagen und Auto reinigen. Man lernt eine Menge hoher Tiere kennen, nur leider gucken die alle so grimmig.
Und Willi am nächsten Tag: Du, ich komme gleich und hole mir die Kohle von Arbeiten gestern. Ich nur so, was für ein Geld? Denk noch mal nach, Willi. Aber Willi und nachdenken, das wird nix. Ich weiß noch, irgendwann schicke ich ihn zu einer Baustelle und er ruft an: Hier is dunkel.
Wie dunkel, sag ich.
Ja, sagt Willi, hier is dunkel.
Ich denk noch so, ist eine Sonnenfinsternis? Hömma Willi, ich bin hier in Mengede und da ist hell.
Ja, aber hier in dem Raum ist keine Glühbirne!
Ja, was soll ich denn da machen? Nimm' dir eine Taschenlampe oder fahr in den Baumarkt, aber Willi fährt ja überall mit dem Fahrrad hin.
Neulich war ich bei Willi in der Wohnung und zeichne ihm mit der Wasserwaage an, wo er die Duschstange anbohren kann, für seinen neuen Duschkopf. Komme ich am nächsten Tag wieder, hat der eine Schraube abgebrochen, in dem Loch, dass er sich gebohrt hat, völlig krumm und schief, mitten auf der Fliese.
Ich so, Willi. Warum meinst du wohl habe ich hier eine Linie hingezeichnet?
Ja, ich habe mich schon gewundert, warum die so lang ist.
Damit du da auf der Linie bohrst, du Dösbaddel.
Das wusste ich nicht.
Und warum hast du den Duschkopf so niedrig angebracht? Du bist einsfünfundsiebzig, das Ding hängt auf einssiebzig. Wenn du damit duscht, das ist, als ob du dir ein warmes Ei aufm Kopf schlägst, da kommst du ja noch nicht einmal mit der Hand drunter, um dir die Haare zu waschen. Bring das bloß in Ordnung, bevor Erna kommt. Die Erna, was Willis Frau ist, hat für Willi nur Wörter übrig wie "Arschloch" und "Idiot".
Neulich streicht Willi die Wohnzimmertür, so eine Lammelentür, die hat er ausgehangen. Ich komm dazu, da seh' ich noch, wie ihm der Pinsel zu kurz wird, weil die Tür so ganz langsam umkippt. Zack, hat er die Tür auf dem Wohnzimmerteppich. Willi wuchtet die wieder hoch und guckt sich die Schweinerei an und meint, wie soll ich denn jetzt die ganzen Haare wieder von der Tür kriegen und ich sage Willi. Scheiß auf der Haare an der Tür, die kannst du von mir aus hinterher abrasieren. Guck dir lieber die Farbe auf dem Teppich an! Und Erna kommt wieder und sagt nur, guck mal, die Lammelentür wirft ja einen Schatten auf den Teppich, und ich sage nur tschüss, ich muss weg, damit ich aus dem Haus bin, bevor die Sonne weg ist und Erna merkt, dass der Schatten immer noch da ist.
Am anderen Tag sitzen wir im Garten und Willi will die Regenrinne reinigen. Ich greif mir nur kurz mein Bier, ist er plötzlich weg. Grad noch auf der Leiter, jetzt nix zu sehen. Ich gucke mich um, und denk noch, haben sie den jetzt weg gebeamt? Ich so zu Erna, Erna, wo ist denn der Willi? Und sie, ohne von ihrer Zeitschrift hoch zu gucken: Der Arsch ist gerade von der Leiter gefallen. Und ich seh nur so ein weißes Bein aus dem Beet schauen. Da liegt der mit einer gebrochenen Rippe im Beet und die sagt nur, der Arsch ist gerade von der Leiter gefallen. Da weißt du Bescheid. Aber die sind auch beide, ich weiß nicht. Der Willi ist so… doof!"
Und hier hält Kemper sich die Stirn, weil er all die Episoden schon gar nicht mehr aushält. Aber eine muss er dann doch noch los werden, während ich nach Luft schnappe.
"So doof. Da will er die Tür unten absägen, damit die besser zu geht. Und ich sitz unten und höre ihn sägen und er sägt und sägt und ich denk, Mann, sägt der die Tür der Länge nach in zwei Hälften, oder was macht der da? Und Erna sagt, er macht das mit der Stichsäge, was schon doof genug ist, weil das Wellen gibt, aber ich dacht noch, komm, sag mal nix. Und dann kommt Willi und ist fertig und wir gehen es uns angucken. Und er steht im Flur und ich sage Willi. Wenn die Tür zu ist und ich kann deinen Fußnägel sehen, was sagt dir das?"
Huch, denke ich, da braucht er gar nicht weiter zu erzählen. Willi hatte unten zu viel abgesägt.
Und hier, an dieser Stelle, fror mir kurz das Lachen fest, denn ich musste daran denken, wie die Liebste und ich bemerkten, dass nach dem Laminat verlegen keine Tür mehr richtig zu ging, und bei der Wohnungstür noch Schleifen ausreichte, aber die Küchentür auch nach einem ganzen Tag lang Schleifen noch nicht geschlossen hätte.
Also leihen wir uns die Kreissäge vom Nachbarn, denn dass das Ganze mit der Stichsäge nichts wird, das war klar. Und ich messe, und ich messe noch einmal und setze mit der Kreissäge an und die Liebste sagt, du ich glaube, das ist ein bisschen viel, läuft das Sägeblatt nicht hier entlang? Und ich sage, jetzt lass mich hier in Ruhe sägen, denn es war ein harter Tag gewesen. Schon zur Mittagszeit wollte ich kurz das ganze Laminat durchs geschlossene Fenster schmeißen, weil ich nach ewigem Verlegen einen Schluck Cola vor dem Küchenfenster zu mir nahm und mich mit einem Mal fragte, warum ich bergauf gehen muss, als mir klar wurde, dass an der Stelle unter dem Laminat noch ein verdammter Abstandshalter herum liegt, und ich also den ganzen Scheiß noch einmal auseinander ziehen und neu verlegen musste.
"Lass mich in Ruhe sägen!", rief ich also und die Kreissäge wie Butter durch die Tür und jetzt stehe ich hier vor Kemper und denke, hoffentlich geht nie etwas mit den Anschlüssen in der Küche kaputt, denn dann wird er in Zukunft seine Geschichten über Willi mit meiner verbinden.
Und dann hat irgend jemand anderes etwas zu lachen.